DIE ZEIT: Wir haben uns vor zehn und vor fünf Jahren schon einmal getroffen, um über Integration zu sprechen. Fühlt sich das Leben in Deutschland heute anders an als damals?

Timur Husein: Deutschland ist meine Heimat. Heute wie vor zehn oder fünf Jahren. Punkt.

Hülya Baytok: Ich kann das so nicht sagen, ich habe türkische Wurzeln und möchte auch, dass die bleiben. Ich weiß, dass ich definitiv in beiden Ländern zu Hause bin, nicht nur in dem einen oder dem anderen. Ich bin froh, dass ich in Deutschland geboren und aufgewachsen bin und Chancen bekommen habe, die ich vielleicht in der Türkei nicht bekommen hätte. Aber ich glaube, das wäre nicht nur in Deutschland, sondern auch in anderen europäischen Ländern so gewesen. Ähnlich fühlte ich schon vor zehn Jahren, jetzt kommt die Lebenserfahrung dazu.

Bilge Buz: Ich habe damals gesagt, ich fühlte mich in der Türkei genauso wohl wie in Deutschland. Obwohl ja meine beiden Eltern Türken sind, ich in der Türkei geboren wurde und erst mit neun Jahren nach Deutschland kam. Seit vier Jahren bin ich jetzt in der Türkei, und trotzdem ist Berlin genauso Heimat für mich wie Bursa. Vielleicht sogar noch mehr als früher: Aus der Ferne sieht man manches klarer.

Bilge Buz hat 2010 in Bursa geheiratet, einen Mann, den sie schon aus ihrer Jugend kennt. Sie ist dem Interview über Skype zugeschaltet. Man sieht sie an ihrem Wohnzimmertisch, hinter ihrem Fenster das Marmara-Meer.

ZEIT: Wie hat sich Deutschland in Ihren Augen verändert?

Husein: Deutschland ist sich seiner Migranten bewusster geworden, nimmt sie endlich auch als Bereicherung wahr. Es gab historische Momente: Ex-Bundespräsident Wulff hat den Satz geprägt, der Islam gehöre auch zu Deutschland, Kanzlerin Merkel hat sich zuletzt ähnlich geäußert. Das von konservativen Kräften zu hören ist ein Ritterschlag.

ZEIT: Die Bundeskanzlerin lädt bald wieder zu einem Integrationsgipfel ...

Buz: Deutschland gibt sich Mühe. Viele wollen die Situation der Migranten verbessern. Ob sie sich tatsächlich verbessert hat, kann ich von außen nicht beurteilen, aber der gute Wille zählt, das gemeinsame Suchen nach Lösungen. Ich höre hier in der Türkei auch immer weniger von Deutschtürken, die zurück in die Türkei wollen. Das war vor ein paar Jahren noch ganz anders.