Es gibt diese Olympier im Jazz: Musiker mit goldenen Fingern, die alles, was sie anfassen, veredeln. So wie der Gitarrist John Scofield. Er ist ein mannschaftsdienlicher Strukturgeber, einer, der in der Funktion des Begleiters seine Mitspieler besser macht, der ihre Wege vorauszuahnen scheint, rhythmische und harmonische Räume öffnet und damit gleichzeitig die Konsistenz der Form sichert. Wenn er aber selbst in den Vordergrund tritt, bewegt er sich hellwach im Gewebe, reagiert mit feinem Ohr auf jeden Ton, jede Klangnuance um ihn herum, trottet gemächlich hinter dem Beat oder schiebt ihn plötzlich nach vorne. Alles scheint möglich, wenn es der Spannung dient und der musikalischen Wahrheitsfindung. Drei Jahre nach seinem 60. Geburtstag ist John Scofield ein ewig jungenhafter Musiker, unter der coolen Oberfläche vor Unruhe bebend, stets in Bewegung. Munter springt er zwischen seinen musikalischen Interessengebieten umher: heute ein Trio mit klassischen Jazz-Standards; gestern eine Versuchsanordnung mit Kirchenorgel; morgen die spitzen Beats und die fetzigen Zerrsounds einer Tanzböden erschütternden Jamband im Rockkostüm; übermorgen eine klassische Gitarre, die völlig ungewohnte Anforderungen an seine Spieltechnik stellt, oder einfach etwas ganz anderes. Von den großen Gitarristen der neuen Zeitrechnung, seit Miles Davis den Jazz an den Strom anschloss, ist Scofield derjenige, der den Fundamenten des Jazz, dem Blues und dem Puls, dem Schrei und dem Tanz, am stärksten verbunden geblieben ist.

John Scofield, Jahrgang 1951, Jugend in den sechziger Jahren, in einer wohlsortierten Vorstadt irgendwo in Connecticut im weiteren Einzugsgebiet von New York. Außer Sport gibt es nur einen Weg, cool zu sein: Die Gitarre ist das Symbol für Jugend, Ausbruch, Leidenschaft, für eine neue Auffassung von Leben. Scofield ist empfänglich für diese Signale, und er mag, was er im Radio hört: Beat und Rock und die Folkies, die sich beim Singen mit der Gitarre begleiten. Er ist fasziniert vom echten Blues und von seiner afroamerikanischen Nachkommenschaft, er lässt sich vom Rhythm & Blues mitreißen, von dem Spannungsaufbau, der das Spiel guter Solisten kennzeichnet, und er begeistert sich für die Musik von Cream oder Jimi Hendrix mit ihren ausgedehnten Improvisationen. Zum fünfzehnten Geburtstag bekommt er seine erste E-Gitarre, und kurz darauf erklärt ihm sein Gitarrenlehrer, wie man Blues spielt. Etwas später laufen James Brown und Consorten im Radio, und auf dem Lehrplan stehen die ersten Jazzübungen. Schließlich studiert Scofield an der Jazzhochschule Berklee in Boston, die sich zu einer Kaderschmiede für die neue Generation von Jazzgitarristen entwickelt: Pat Metheny, John Abercrombie, Bill Frisell, Mike Stern – der Gitarrenjazz der letzten vierzig Jahre trägt den Stempel von Berklee. Erste Engagements bei Chet Baker und Gerry Mulligan, den früheren Posterboys des Cool; schließlich die Anfrage von Miles Davis, die Scofield in jene Sphären des Jazz katapultiert, von denen aus alles möglich ist. Drei Jahre spielt Scofield in Davis’ Band. Wie kein anderer Musiker in dieser Phase von Davis’ Schaffen lässt er sich – nach dem Muster früherer Davis-Adepten – von jenem wandelmütigen Freigeist infizieren, den der Prince of Darkness verkörperte.


Es ist nur konsequent, dass die Musik der beiden Trios, mit denen Scofield in diesen Tagen jeweils eine neue CD vorlegte, an entgegengesetzten Rändern seines stilistischen Spektrums angesiedelt sind. Da ist einmal Juice mit dem Trio Medeski, Martin & Wood, die vierte Folge einer mittlerweile siebzehn Jahre anhaltenden gemeinsamen Expedition in die Grenzregion von Jam- und Jazzrock. Im Zeichen des Groove erforscht man zu viert die Schnittmengen zwischen knalligem Backbeat, verschlepptem Dub-Reggae und lateinamerikanischen Rhythmusschichten. Die Eins muss stehen, das ist klar, der Beat steht nicht infrage, der Rest sind Patterns und behutsame Variation.

The Trio Meets John Scofield, der Mitschnitt eines Konzertes, das der Gitarrist auf Einladung eines für ihn völlig unbekannten, jungen Klaviertrios aus der deutschen Provinz im Frühjahr in der Kölner Philharmonie gab, ist am anderen Ende von Scofields musikalischen Interessen angesiedelt. Mit dem für sein so offenes wie sensibles Zusammenspiel vielfach gerühmten Trio um den 27 Jahre jungen Pianisten Pablo Held lässt er sich nach einem zart tastenden Einstieg in die offenen Welten der Improvisation fallen. Mit jedem Takt des Zusammenspiels, mit jeder der feinsinnig-vieldeutigen Akkordvariationen Helds, mit jedem der vertrackten Vorhalte des Schlagzeugers Jonas Burgwinkel oder der lakonisch in den Keller gestellten Ankertöne des Kontrabassisten Robert Landfermann wachsen Sicherheit und Vertrauen, steigt die Lust an melodischer Vertiefung und Entdeckung, der Pegel an Energie. Es ist eine frei schwebende Musik, die die drei jungen Kölner Musiker hier mit dem Jazz-Olympier spielen, eine Musik ohne Schienen, die schnell ihre Farben und Ladungszustände wechselt. Skizzenhafte Kompositionsvorlagen speisen einen Ideenvorrat in die Spannungsverläufe ein, bevor der Mechanismus der Selbstentzündung die Improvisation auf eine höhere Umlaufbahn hebt. Ein Hauch von Intimität umweht das Dokument dieser ersten musikalischen Begegnung über alle Grenzen von Status, Generation und Kontinent hinweg. Ein bisschen ist es, als hörte man der Libido beim Rauschen zu: faszinierend und fast zu nah.

Medeski Scofield Martin & Wood: Juice (Okeh/Sony Music)
Pablo Held: The Trio Meets John Scofield (Pirouet Records), Auftritt am 29.1.15 auf dem WDR Jazzfest, Dortmund