Gäbe es ein typisches Geräusch für die Befindlichkeit einer Nation, in Katar wäre es ein triumphierendes "Ha!".

Wieder sind alle Feinde und Neider gescheitert, wieder hat das Land der Welt gezeigt, dass es jedes gesteckte Ziel erreicht. "Freispruch!" meldete die katarische Presse, nachdem die Fifa-Ethikkommission vergangene Woche keine Beweise für Korruption bei der Vergabe der WM-Austragung 2018 an Russland und 2022 an Katar finden konnte. Und damit auch keinen Grund für eine neue Abstimmung über den Austragungsort.

In Doha ging man denn auch gleich wieder zum Tagesgeschäft über. Was in diesem Fall heißt, neue Großereignisse anzugehen: Scheich Hamad bin Chalifa bin Ahmad al-Thani, Angehöriger der Herrscherfamilie und Präsident des katarischen Fußballverbands, bot nach dem Fifa-"Freispruch" an, als Ausrichter für den Afrika-Cup Anfang 2015 auszuhelfen. Den hatte Gastgeber Marokko aus Angst vor Ebola abgesagt. Kein Problem, erklärte der Scheich, man habe schließlich "beste Beziehungen" zur Führung des afrikanischen Fußballverbandes. Um afrikanische Verbandsvertreter, so der Vorwurf von Katar-Kritikern, soll Katar vor dem WM-Votum besonders großzügig geworben haben.

Nun kann man allerdings vielen Vergaben von sportlichen Mega-Events das Etikett "unsauber" anheften. Für Katar ist die massive Kritik an "seiner" WM denn auch nichts weiter als die Rache der Verlierer und der politischen Gegner, die den Aufstieg des Emirats zum Global Player stoppen wollen.

Nicht, dass man in Doha dieser Tage auch nur den Hauch eines Abschwungs bemerken würde. Die Skyline wächst, Zentren für Technologieforscher und internationale Künstler sind im Entstehen, dazu Sportstadien und Infrastrukturprojekte für 2022. Weder die Taxifahrer noch die Chauffeure der unzähligen VIPs haben noch einen Überblick über die Baustellen.

Dank enormer Gasvorkommen ist Katar im Zeitraffer von einem der ärmsten Golfstaaten zum Land mit dem weltweit höchsten Pro-Kopf-Einkommen geworden. Sich mit Rohstoffreichtum aus einer Agrar- oder Nomadengesellschaft in Wohlstand und Urbanität zu katapultieren ist nichts Neues. Aber kein anderes Land hat sich dabei einen so ehrgeizigen Masterplan erstellt wie Katar. Die Fußball-WM ist keine Laune einer Wüstendynastie, die nicht weiß, wohin mit dem Geld. Sie soll die vorläufige Krönung einer Politik werden, die mehr an Corporate Branding erinnert als an das typische Machtstreben aufsteigender Nationen. Katar möchte vor allem ein globaler Markenname sein – eine Art "Just do it" der Geopolitik. Das funktionierte bestens, solange sich das Emirat auf den Ausbau von Soft Power beschränkte. 1996 ging Al-Dschasira zum ersten Mal auf Sendung, diverse katarische Stiftungen expandierten im Ausland mit der Vergabe von Stipendien oder humanitärer Hilfe. Mit Geld und erstaunlich viel Freiheit für ein konservatives, islamisches Land wurden und werden immer wieder weltberühmte Künstler geholt – wie zuletzt der Brite Damien Hirst.

Politisch präsentierte sich das Emirat zunächst als Vermittler für die Konflikte anderer Länder. Hier trafen sich die Kampfparteien der sudanesischen Bürgerkriege am Verhandlungstisch. Hier dürfen die USA in großem Stil militärische Anlagen nutzen und die Taliban eine Botschaft bauen. Hier unterhielt Israel bis vor Kurzem eine Handelsvertretung, wenige Meter weiter residiert die Exilführung von Hamas.

Dieses Gefühl, alles und mit allen zu können, erfuhr einen rauschenden Höhepunkt, als Fifa-Generalsekretär Joseph Blatter am 2. Dezember 2010 in Zürich bei der Bekanntgabe der WM-Austragung den Zettel mit dem Namen Katar aus dem Briefumschlag zog. Dohas Einwohner verbrachten die Nacht hupend und jubelnd in Autokorsos.

Als wenige Wochen später – von Al-Dschasira begeistert übertragen und verstärkt – in Tunesien und Ägypten der Arabische Frühling begann, schien die Wirklichkeit Katars Vision sogar noch zu übertreffen: Man würde die Welt 2022 nicht nur als reiches Rohstoffland begrüßen, sondern auch als Regionalmacht, deren Schützlinge, die Muslimbruderschaften, in Tunesien, Ägypten, Libyen und Syrien unzeitgemäße Diktaturen ersetzt hatten.

Die Rechnung ging bekanntlich nicht auf.