Einmal im Jahr kommt der Vater für zwei Wochen nach Hause. Dann riecht er nach Meer und Pulverdampf und erzählt von geheimen Orten, Eroberungen und Schätzen. Der Vater ist ein Pirat! An ihn gekuschelt, lauscht der Sohn, wie sein Vater vom Schiff mit Namen Hoffnung berichtet und von seinen Kameraden, die "der Tätowierte", "Schirokko" und "Salami" heißen. Zwar bringt er nie Schätze mit, aber immer ein Geschenk für seinen Jungen, einmal sogar eine richtige Piratenfahne.

Der Italiener Davide Calì lässt das Kind diese Gastarbeiter-Geschichte erzählen, die großformatigen Illustrationen von Maurizio A. C. Quarello zeigen dazu kantige Gestalten mit Gesichtern, die wie geschnitzt wirken. Auf den mit Buntstiften rau übermalten Aquarellen leuchten die Figuren in warmen Rot-Braun-Tönen.

Doch plötzlich kippen sie ins Grau. Denn als der Junge neun Jahre alt ist, kommt nicht sein Vater, sondern ein Telegramm. Mutter und Sohn müssen zu ihm fahren. Die Bilder zeigen, dass die beiden nicht auf ein Schiff, sondern in eine düster stampfende Dampflok steigen. Die veränderte Stimmung und die Angst des Kindes zeichnet Quarello als Albtraum: ein Segelschiff in einer alles verschlingenden Sturmflut. Furchteinflößende Bilder, die den japanischen Holzschnittklassiker Die große Welle von Kanagawa zitieren. Als Mutter und Kind endlich beim Vater in Belgien ankommen, liegt der schwer verletzt in einem Krankenhaus. "Mein Vater war nicht tot", erkennt der Junge erleichtert. Und doch stirbt an diesem Tag für ihn der Piraten-Papa, an den er bisher geglaubt hat.

An dieser Schlüsselstelle der Geschichte steht spröde in grauer Schrift auf kohlenschwarzem Grund die Wahrheit über das Leben des Vaters: dass er Hunderte von Metern unter der Erde in einem Bergwerk gearbeitet hat. Dass ein Stollen eingestürzt ist und er nur knapp überlebt hat. Für den Jungen ist der Vater ein Lügner. Wir sehen das Flehen in den Augen des Vaters und die Enttäuschung in den Augen des Sohnes. Wir ahnen, dass sie einander verlieren. Als der Junge das Krankenhaus verlässt, denkt er über den Mann im Krankenbett: "Ich wusste nicht, ob ich ihm nur Gutes wünschte."

Vielleicht kennzeichnet das bei jedem das Ende der Kindheit: wenn einem klar wird, dass die Eltern keine Helden sind, sondern Menschen mit Fehlern und Schwächen. Normalerweise geschieht diese Entwicklung Schritt für Schritt. Hier verdichtet sie sich in dem Moment, als der Junge seinen Vater im Krankenhaus trifft.

Doch Mein Vater, der Pirat endet nicht mit der verlorenen Kindheit und einer zerbrochenen Beziehung von Vater und Kind. Jahre später, als das Bergwerk geschlossen wird, fährt der fast schon erwachsene Sohn noch einmal mit seinen Eltern nach Belgien. Und dort findet er all das, wovon sein Vater immer erzählt hatte: Über dem Eingang der Zeche steht groß das Wort "Hoffnung". Die alten Kumpel seines Vater heißen "der Tätowierte", "Schirokko" und "Salami". Und diese Männer sieht der Junge weinen, weil sie Abschied nehmen.

Da versteht er, dass Fantasie auch für Erwachsene manchmal überlebenswichtig ist, und er sieht den Mann an seiner Seite nach vielen Jahren zum ersten Mal wieder mit den Augen des Kindes: "Mein Vater, der große Pirat. Er war nie etwas anderes gewesen."

So klettert der Sohn auf einen Mast im Bergwerk und hisst die Piratenfahne, die sein Vater ihm vor vielen Jahren geschenkt hat. Und bringt so in diesem Schlussbild zwei Welten und zwei Menschen zusammen.