Nigeria: "In Lagos kann alles Mögliche passieren"

Eigentlich wollten wir im Goethe-Institut diesen Sommer ein Pilotprojekt starten: Deutsch als Fremdsprache an einer Schule hier in Lagos. Als ersten Testlauf sollte es einen Sommerkurs geben. Aber kurz vor der Sommerpause kam die Nachricht über den ersten Ebola-Fall. Ich hatte im August Urlaub und bin nach Deutschland geflogen. Aber auch als ich nicht vor Ort war, blieb ich in Kontakt mit Freunden und Kollegen in Nigeria. Es war nicht absehbar, ob und wie schnell sich das Virus ausbreiten wird. Lagos ist schließlich eine 20-Millionen-Stadt! Den Sommerkurs an der Schule mussten wir absagen. Und auch unsere Sprachabteilung blieb zwei Wochen länger als geplant in der Sommerpause.

Ich fragte mich: Wann können wir es wagen, wieder aufzumachen? Mitte September war es so weit, allerdings richteten wir Kontrollen ein. Das war Arbeit unter erschwerten Bedingungen. An beiden Eingängen standen Wächter mit einem kontaktlosen Fieberthermometer und überprüften jeden, der zu einem Deutschkurs kam oder in die Bibliothek wollte. Außerdem haben wir Handdesinfektionsgeräte angeschafft, die auch jetzt, nachdem Ebola erfolgreich eingedämmt wurde, weiterhin rege genutzt werden. Seit Anfang Oktober läuft wieder der normale Betrieb.

Sorgen habe ich mir schon gemacht, aber ich vertraue auch sehr meinem Bauchgefühl. Lagos ist nun mal eine chaotische Stadt, in der alles Mögliche passieren kann. Als es Ende Oktober im Norden von Lagos einen Überfall gab, bei dem ein deutscher Ingenieur getötet und einer entführt wurde, war ich gerade mit Kollegen der Deutschen Welle in der Stadt unterwegs. Das nimmt einen dann doch etwas mit. Die Terrorgruppe Boko Haram ist immer wieder Thema, im Juni gab es einen Anschlag hier, aber insgesamt wird das eher als ein Problem des Nordens gesehen. Als Leiter des Goethe-Instituts in Nigeria bin ich für das ganze Land zuständig, und da betrifft uns das Thema schon. 2008 hatten wir in Kano, der größten Stadt des Nordens, ein Verbindungsbüro mit einem Mitarbeiter eröffnet, das wir 2012 aufgrund der immer schwieriger werdenden Sicherheitslage wieder schließen mussten. Der nächste Unsicherheitsfaktor ist die Präsidentschaftswahl im Februar. Niemand kann genau vorhersehen, wie weit sich der Terror dann auch in Lagos verbreiten wird, da die Stadt traditionell von der Opposition beherrscht wird.

Natürlich passe ich auf. Ich vermeide an Feiertagen große Menschenansammlungen, aber sonst sind meine Mobilität und meine Freizeitaktivitäten nicht groß eingeschränkt. Lagos ist eine spannende, dynamische Stadt mit einer lebhaften Kulturszene. Gerade laufen hier ein internationales Fotofestival und die Lagos Fashion Week – trotz der widrigen Umstände. Auch unser Institut organisiert regelmäßig Ausstellungen, Filmvorführungen und Workshops. Zum 50-jährigen Bestehen vor zwei Jahren haben wir ein Festival veranstaltet. Daraus ziehe ich meine Energie. Gleichzeitig ist Lagos aber auch eine kräftezehrende Stadt: der viele Verkehr, ständig steht man im Stau, die häufigen Stromausfälle, die Korruption. Ich habe noch etwa zwei Jahre vor mir, dann geht es zurück nach München in die Zentrale. Da freue ich mich dann auch darauf, wenn einfach wieder alles funktioniert.

Marc-André Schmachtel, 35, ist Kulturwissenschaftler und leitet seit vier Jahren das Goethe-Institut in Nigeria.

Afghanistan: "Man setzt sich nicht einfach in ein Café"

Morgens holt mich ein Fahrer ab und bringt mich ins Büro. Einfach so aufs Fahrrad schwingen oder den Bus nehmen, das geht hier in Kabul nicht. Schließlich wollen wir Ausländer so wenig Aufmerksamkeit wie möglich auf uns ziehen. Auch nach der Arbeit setzt man sich nicht einfach in ein Café. Ein Kino gibt es sowieso nicht. Ich teile mir mit zwei anderen Mitarbeitern von der GIZ, der Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit, ein Haus. Abends und am Wochenende bewege mich vor allem in der internationalen Community. Ich gehe zum Yoga bei den Vereinten Nationen oder schaue mit Kollegen zusammen einen Film. Manchmal finden auch Empfänge statt in den Botschaften.

Für mich gibt es hier in diesem beschränkten Rahmen trotz der angespannten Sicherheitslage Normalität. Schwierig ist meine Arbeit vor allem für meine Familie und die Freunde zu Hause. Ab und zu bekomme ich ganz aufgeregte Mails, weil irgendwo in Afghanistan ein kleinerer Anschlag war, der in Deutschland schon durch die Medien ging, aber von dem wir hier noch gar nichts mitbekommen haben.

Mein Arbeitsalltag ist gar nicht so anders als in Deutschland. Die meiste Zeit arbeite ich im Büro vor dem Computer, checke Mails, schreibe Berichte, mache Finanzplanung. Aber natürlich habe ich auch eine Menge Auswärtstermine, treffe mich mit afghanischen Frauenrechtlerinnen oder habe eine Besprechung im Justizministerium. Regelmäßig fliege ich auch in andere Städte, zum Beispiel nach Kundus oder Balch, wo wir mit Universitäten zusammenarbeiten. Solche Termine sind natürlich spannend, da man noch mehr vom Land kennenlernt. Ich arbeite in einem Team mit rund 100 Mitarbeitern. Wir sind sieben Deutsche, eine Britin und ansonsten afghanische Kollegen. Im Auftrag der deutschen und der niederländischen Regierung unterstützen wir die afghanische Regierung dabei, dass alle Bürger ihre Rechte kennen und Rechtssicherheit haben. Mein Fokus liegt auf Frauenrechten, vor allem unterstütze ich Juristinnen bei ihrer Ausbildung. Schön ist es, wenn man die Folgen der Arbeit sieht: Ich habe zum Beispiel mit Jurastudentinnen darüber gesprochen, was sie werden wollen. Eine sagte mir: "Justizministerin." Wenn man bedenkt, dass diese Mädchen während der Taliban-Zeit nicht einmal die Schule besuchen durften, ist das ein großer Schritt. Oder vor Kurzem gab es für die Bevölkerung ein Gesprächsforum mit der Polizei, bei dem es darum ging, welche Aufgaben die Polizei hat. Ein Bauer meldete sich und erzählte von einem überfahrenen Huhn, weil die Polizei immer zu schnell fahre. Darüber wurde dann gesprochen. Wenn die Menschen sehen, dass sie Einfluss haben, ist schon viel erreicht.

Auch jenseits meiner Arbeit habe ich durchaus Kontakt mit Einheimischen. Ich war schon mehr als zehnmal zu Hochzeiten von Kollegen eingeladen. Die Menschen sind sehr herzlich. Bei so einer Feier sind mindestens 500 Gäste eingeladen. Wenn die hören, dass bei uns Hochzeiten mit 100 Gästen üblich sind, lachen sie nur laut. Diese großen Feste sind ein wichtiger Teil der afghanischen Kultur, die einem ansonsten eher verschlossen bleibt, einfach weil man am öffentlichen Leben eben nur eingeschränkt teilnimmt. Gerade deshalb ist das immer besonders schön.

Marion Pfennings, 31, ist Juristin. Sie arbeitet seit zweieinhalb Jahren bei der GIZ im Projekt Förderung der Rechtsstaatlichkeit in Afghanistan.