Die junge Frau, die im August des Jahres 1845 in Berlin ankommt und dort eine Bleibe sucht, fällt auf. Sie ist brünett, zierlich, hübsch, und sie ist ohne Begleitung – weit und breit kein Ehemann, kein Bruder, Schwager oder Vater in Sicht. Stattdessen eine kleine Tochter. Die junge Frau richtet sich in der Schumannstraße ein, bescheiden, fast dürftig. Der kostbarste Besitz, den sie mit sich führt, ist ein Papierbündel mit Gedichten, die sie bald zu publizieren hofft. Sie heißt Louise und hat jüngst die komfortable Existenz als Ehefrau eines erfolgreichen Industriellen hinter sich gelassen. Die preußische Metropole mit ihrer lebendigen Debattenkultur, den jungdeutschen Poeten, den kirchenkritischen "Lichtfreunden", den Burschenschaftlern und junghegelianischen "Freien", die trotz scharfer Zensur ihre Kritik und ihre Ideen in die Öffentlichkeit tragen, hat sie zu ihrer neuen Heimat gewählt.

Louise will dabei sein, wenn die alte Welt wankt, wenn die Willkürherrschaft von König und Klerus unter dem Ansturm des zornigen Volkes zusammenbricht, sie will bei diesem Umsturz, dessen Nahen seit der französischen Julirevolution 1830 allenthalben spürbar ist, mitreden und mitkämpfen. Anschluss an die Berliner Linksintellektuellen findet sie über den Dichter Rudolf Gottschall, der sie in die Hippel’sche Weinstube mitnimmt, wo die "Freien" ihr Wesen treiben mit dem Philosophen Max Stirner als Spiritus Rector. Louise gehört bald dazu, man sagt ihr einmal sogar nach, "ein unverwüstliches Kneipgenie" zu sein. Aber beim Zechen und Rauchen – Louise pafft mit Vorliebe dicke Zigarren – hat es nicht sein Bewenden. Sie will die Gesellschaft verändern und fängt schon mal bei sich selber an. In Männerkleidern durchstreift sie am Arm Gottschalls die Berliner Szene, und alle dürfen wissen, dass er ihr Geliebter ist. "Freiem Leben, freiem Lieben / Bin ich immer treu geblieben", reimt sie. Die Verhandlungen über die Veröffentlichung ihres ersten poetischen Werkes stehen vor dem Abschluss. 1846 erscheint der Band Wilde Rosen. Zwölf Gedichte bei Moeser und Kühn in Berlin.

Woher kam dieses unerschrockene Frauenzimmer? Geboren wurde Louise als Pfarrerstochter vor 200 Jahren, am 26. November 1814, im beschaulichen Gröningen, wo ihr Vater Johann Gottfried Hoche als Konsistorialrat wirkte. Wie in vielen Pfarrhaushalten wurde wohl auch hier auf Bildung Wert gelegt. Doch wann und wie genau Louise all das lernte, was ihr später ermöglichte, mit Gottschall und Stirner über die französischen Frühsozialisten, die Religionskritik Ludwig Feuerbachs und die deutsche Einheit zu diskutieren, wissen wir nicht: Über ihre Kindheit und frühe Jugend ist so gut wie nichts bekannt.

Als 20-Jährige verließ sie dann ihr Elternhaus, um den doppelt so alten Magdeburger Maschinenfabrikanten Samuel Aston, einen Engländer, zu heiraten. Auch aus dieser Lebensphase gibt es nur spärliche direkte Mitteilungen – indirekte aber in Fülle. Denn Louise Aston hat außer Gedichten auch Romane verfasst, drei an der Zahl, und in diesen Werken ergreift sie die Gelegenheit, die sogenannte Konventionsehe, die zunächst auch ihr Schicksal ist, nach Kräften zu geißeln.

Erst prangert sie nur die ohne Liebe und Begehren geschlossene Versorgungsehe an, später die Ehe überhaupt: "Ich kann ein Institut nicht billigen, das mit der Anmaßung auftritt, das freie Recht der Persönlichkeit zu heiligen, während nirgends gerade dieses Recht mehr mit Füßen getreten wird." Zwar muss man sich hüten, das Los der Hauptfigur Johanna in Astons erstem Roman Aus dem Leben einer Frau, der 1847 bei Hoffmann und Campe erschien, autobiografisch auszulegen. Aber dass es einige Parallelen gibt zwischen der Dichterin und der fiktiven Pfarrerstochter Johanna, die mit einem viel älteren Industriekapitän unglücklich verheiratet ist, darf man annehmen. Johanna löst sich aus dieser Ehe, die ihr ein Luxusleben ermöglicht hat, und geht erhobenen Hauptes einer ungewissen, aber selbstbestimmten Zukunft entgegen.

Im wirklichen Leben der Louise Aston geht die Scheidung vom Gatten aus. Samuel ist der Eskapaden seiner eigenwilligen Ehefrau überdrüssig. Zum Zeitpunkt der Trennung, 1839, ist Louise schwanger. Als das Kind drei Jahre später stirbt, finden die Eltern wieder zusammen. Und da Louise bald darauf erneut schwanger wird, heiraten sie ein zweites Mal – möglicherweise, um dem Kind eine Familie zu geben. Tochter Jenny kommt zur Welt, kann aber die Neuauflage dieser Ehe nicht stabilisieren. Ein drittes Kind stirbt als Baby. Da sind Louise und Samuel schon wieder geschieden, diesmal endgültig.

Als Louise mit der vierjährigen Jenny in Berlin ankommt, hat sie ihre Erfahrung mit der Konventionsehe also gemacht – man muss ja zugeben, dass die Astons es wirklich miteinander versucht haben. Aber es geht eben nicht, sagt die frisch geschiedene Frau, wenn das Herz nicht dabei ist. Jedenfalls geht es dann nicht ohne "Entsagung", wie das auf die brave Ehe- und Hausfrau gemünzte Stichwort damals hieß. Louise will nicht entsagen. Sie träumt von einem ganz anderen Leben: erotisch selbstbestimmt, sozial experimentell, politisch riskant. Und sie träumt nicht nur, sie traut sich.

Ihre tolle Zeit mit der Berliner Boheme ist allerdings, kaum dass sie so richtig angefangen hat, auch schon wieder zu Ende. Louise fällt auf, sie wird überwacht. Nachbarn, insbesondere Nachbarinnen, sind auf die ungewöhnliche Erscheinung aufmerksam geworden und haben den Ordnungshütern etwas gesteckt: Da läuft ein Weib mit Kurzhaarfrisur herum, die raucht auf der Straße, hat wechselnde Mannsleut zu Gast und glaubt nicht an Gott. In einer anonymen Eingabe heißt es: "Sowohl für Familien als auch für die öffentliche Ruhe ist dies Weib ein gefährlicher Gegenstand."

Zu allem Überfluss hat Gottschall zwei Liebesdithyramben publiziert, die er Louise widmet. Darin heißt es: "War’s Ketzerei, dies glühende Verlangen, / Den süßen Leib in Liebe zu umfangen?" Das sei Unzucht, meint die Zensur. Die Polizei aber interessiert sich weniger für den Poeten als für seine Geliebte. Was die Herren so treiben, dafür möge Gott sie strafen, bei unbotmäßigen Weibsleuten hört die Gemütlichkeit auf. Am 21. März 1846 erhält Louise Aston einen Ausweisungsbefehl. Sie hat Berlin binnen acht Stunden zu verlassen.

Ausweisungen wurden damals gegen unliebsame Zeitgenossen gern angewendet. Sie waren praktischer als ein Prozess und ersparten der Obrigkeit das Genörgel kritischer Stimmen. Im Falle Aston ging diese Rechnung nicht auf. Denn die zugereiste Berlinerin tat etwas, das seinerzeit selten passierte: Sie wehrte sich in aller Öffentlichkeit. Ihre Streitschrift Meine Emanzipation, Verweisung und Rechtfertigung erschien noch im Sommer 1846 in Brüssel.

In dieser Schrift entfaltet Aston eine rhetorische und polemische Brillanz, die ganz auf der Höhe der Epoche funkelt. In ihren Romanen hat sie ein vergleichbares Niveau nicht erreicht – zu mächtig war wohl das französische Vorbild George Sand und deren Neigung zu hohen Tönen und sprachlichem Dekor, die heute als Schwulst empfunden werden. In ihrer Apologie streitet Aston hingegen mit schlichter Verwegenheit für all das, wofür sie angetreten ist und was zum Programm der Achtundvierziger gehören wird: die Freizügigkeit, die Meinungs- und Versammlungsfreiheit und die freie Entfaltung der Persönlichkeit, insbesondere der weiblichen. "Wir Frauen aber", heißt es in dem Text, "die wir das alte Recht verloren, verherrlicht zu werden in süßesten Liedern, wir verlangen jetzt von der neuen Zeit ein neues Recht: nach dem versunkenen Glauben des Mittelalters Anteil an der Freiheit dieses Jahrhunderts."

Sie verteidigt sich dabei mit einer lässigen Kasuistik, die einem studierten Anwalt Ehre machen würde. Man beschuldige sie, die Frauen emanzipieren zu wollen. Ja, seit wann seien Absichten strafbar? Und was die Liebesgedichte Gottschalls betreffe: Gewiss, die seien ihr gewidmet. Aber seit wann unterstelle man der Adressatin einer Widmung, dass sie einverstanden ist mit den Ansichten des Dedikators? Sie resümiert: "Meine Sache spricht für sich selbst. Doch ist sie nicht nur bloß meine Sache. Ihr Interesse ist ein allgemeines. Denn wenn äußere Gewalt schon das Denken und Glauben des Weibes strafbar findet, wie steht es da mit der geistigen Freiheit der Männer?"