Wenn man für Kinder schreibt, muss man Kinder ernst nehmen. Die Kinder, die die Geschichten lesen, und die Kinder, die in den Geschichten vorkommen. Kinder ernst nehmen bedeutet zum Beispiel, ihnen das Traurige in Geschichten nicht zu ersparen. Es bedeutet aber auch, nicht zu verschweigen, dass man trotz aller Traurigkeit zwischendurch Spaß haben kann und darf. Klingt kompliziert, zugegeben, aber es gibt Autoren, die keine Scheu vor dieser Aufgabe haben. Finn-Ole Heinrich ist so einer. Seine dreibändige Erzählung Die erstaunlichen Abenteuer der Maulina Schmitt ist wahnsinnig ernst und traurig, zwischendurch aber immer wieder auch so leicht und heiter wie selten ein deutschsprachiges Kinderbuch.

Die Hauptfigur, die anfangs zehnjährige, am Ende fast dreizehnjährige Paulina Schmitt, genannt Maulina, "weil ich das Maulen zur Kunst erhoben habe", erlebt Dinge, vor denen alle Kinder Angst haben: Die Eltern trennen sich, Maulina muss umziehen und die Schule wechseln, die Mutter wird schwer krank, der Vater zieht mit seiner neuen Freundin zusammen, und am Ende passiert das Schlimmste: Maulinas Mutter stirbt. Wir Leser können uns langsam auf dieses Ende vorbereiten, denn spätestens ab dem letzten Drittel des ersten Bandes ist klar, dass es so kommen wird. Aber das macht es nicht weniger schlimm. Und Maulina ahnt zunächst nichts. Sie weiß nur eins: Sie, die Herrscherin von Mauldawien, wird aus ihrem Königreich vertrieben.

Das Königreich ist eine Wohnung im vierten Stock, wo die Familie alles hatte: "Vier Zimmer und meins war das größte, weil ich die kleinste war und noch am meisten Platz zum Wachsen brauchte, klare Sache [...] Wir hatten vierundachtzig Topfpflanzen und einen Balkon mit Erdbeeren und Bilder an den Wänden und unter jedem Tisch geheime Gemälde von einer jungen Künstlerin (ICH!) [...] Wir hatten gemütliche Schlabbersachen am Wochenende und die längsten Frühstücke der Welt [...] Wir hatten tausend Namen für mich und ›Maulina‹ hat das Rennen gemacht [...] Maulen heißt nicht einfach nur rumstänkern, maulen, das ist eine Lebenseinstellung."

Doch auf einmal muss Maulina mit ihrer Mutter aus dem Königreich ausziehen. Nach "Plastikhausen", in ein "muffeliges, kleines, quadratisches Haus" in einer Reihe "von omastrumpfhosengelb verkachelten Häusern mit Fenstern aus Plastik". Maulina ist der festen Überzeugung, dass "der Mann" – so nennt sie ihren Vater nun – sie vertrieben hat. Deswegen ist sie wütend auf ihn. Obwohl ihre Mutter immer wieder erklärt, dass sie ausziehen wollte und dass das mit ihrer Krankheit zu tun hat. Aber die Tochter glaubt ihr nicht.

Obwohl Maulina unrecht hat, liebt man sie – für ihren "Maul", für ihre Wut, für ihre Energie; dafür, dass sie versucht, sich ihr Königreich mit allen Mitteln zurückzuholen. Und obwohl sie ihm wehtut, ist klar, dass sie "den Mann" noch liebt. Da sie nicht mehr mit ihm redet, auch wenn sie ihn besucht, muss sie andere Wege finden, um sich mit ihm zu verständigen. Sie steckt ihm Zettel zu, entführt sein altes Stoffzebra, lässt ihm Beschimpfungen zukommen, schreibt wütende Erpresserbriefe. Er lässt sich alles gefallen. Und dafür wiederum liebt man ihn. Er antwortet seiner Tochter mit eigenen Zetteln, verteilt Flugblätter, malt Plakate, schreibt mit Kreide auf den Fußweg. Weil er weiß, dass man der wütenden und traurigen Prinzessin von Mauldawien nur in ihrer Sprache antworten kann und darf.

In Maulinas Geschichte dreht sich aber nicht alles um "den Mann" oder die Erkrankung der Mutter. Finn-Ole Heinrich zeigt, dass im Leben immer unterschiedliche Dinge gleichzeitig passieren: Trauriges und Schönes, Schlimmes und Aufregendes. Zum Beispiel findet Maulina durch den verhassten Umzug einen neuen Freund: Paul. Der tut ihr gut – und für Paul, der im Heim lebt, ist Maulina das Beste, was ihm bisher passiert ist. Und so blöd Maulina auch findet, dass "der Flamingo", die neue Freundin des Vaters, in Mauldawien einzieht und dann auch noch schwanger wird, so interessant ist es doch, dass sie plötzlich Zwillingsbrüder hat: Ron und Theo. Und dann ist da noch das Brausepulver-Eiscreme-Geschäft, das sie und ihre Freunde mit dem General für Käse, Maulinas schrulligem Opa, aufziehen. Und Ludmilla, die herzensgute polnische Heavy-Metal-Hexe, die sich als Pflegerin um Maulinas Mutter kümmert. Und, und, und.

Trotz aller Sorgen und allen Kummers bordet Maulinas Leben über von besonderen Menschen und Ereignissen, von Kraft und Glück. Und so hat man immer das Gefühl, dass dieses Mädchen es schafft. Weil es stark, klug und liebenswert ist. Und weil es Menschen gibt, die für es da sind.

Neben der bewegenden Geschichte, den skurrilen Figuren und der fantasievollen, originellen Sprache ist an den drei Büchern über Maulina Schmitt aber noch etwas besonders: Die Zeichnungen von Ràn Flygenring sind mehr als herkömmliche Illustrationen – sie erzählen die Geschichte mit: mal als Comic, mal als erklärender lexikalischer Einschub, mal als Schatzkarte, mal als Kochrezept. Der wilde Strich passt so gut zum Wesen der Heldin, dass Maulina selbst auf die Unterseite der Tischplatte gemalt haben könnte.

Die erstaunlichen Abenteuer der Maulina Schmitt ist mutige und große Literatur. Für Kinder und Erwachsene. Neben dem Autor und der Illustratorin möchte man auch dem Verlag gratulieren, dass er eine solche Reihe von einem deutschsprachigen Autor möglich gemacht hat. Hoffentlich folgen viele mutige Bücher für junge Leser – von Finn-Ole Heinrich und anderen.

Jeden Monat vergeben DIE ZEIT und Radio Bremen den LUCHS-Preis für Kinder- und Jugendliteratur. Am 20. November, 15.20 Uhr, stellte Radio Bremen das Buch vor. Das Gespräch zum Buch ist abrufbar unter www.radiobremen.de/funkhauseuropa.