Das System ist schuld. Keine Lobby in Deutschland ist so mächtig wie die Agrarlobby. Nirgends sind die Verflechtungen von Industrie und Politik, von Standesvertretung und Markt so dicht und dreist wie in der Landwirtschaft. Und nirgends sind sie so unübersehbar wie in Niedersachsen.

Die bis 2013 amtierende schwarz-gelbe Landesregierung in Hannover hat die Massentierhaltung massiv unterstützt. Bis zum Regierungswechsel sind an die 40 Millionen Euro jährlich allein an Subventionen für neue Ställe in das System geflossen. Das sind die Zahlen des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND). "Ein Drittel bis die Hälfte der Investitionen in Massentierhaltung stammten in dieser Zeit aus Steuergeldern", sagt Reinhild Benning, die Agrarexpertin der Organisation. "Die Lobby wurde über viele Jahre an das Geld gewöhnt."

Allein im Landkreis Oldenburg flossen zwischen 2009 und 2013 fast sechs Millionen Euro in den Bau neuer Ställe. "Entwicklungen, wie man sie in Niedersachsen zugelassen hat, sind unbeschreiblich", sagt Wilhelm Priesmeier, Landwirtschaftsexperte der SPD im Bundestag. "Die alte Landesregierung hat dort systematisch die Augen zugemacht."

Auch die Schlachtereien bekamen großzügige Zuwendungen. Der Massenschlachthof der Firma Rothkötter in Wietze, wo jedes Jahr 135 Millionen Hühner geschlachtet werden können, erhielt zum Bau 2010 mehr als 6,5 Millionen Euro – die größte Subventionssumme, die Schwarz-Gelb in Niedersachsen je für ein einzelnes Unternehmen zu vergeben hatte.

2010 war auch das Jahr, in dem die Lobby direkt ins Ministerium durchmarschierte: Der damalige CDU-Ministerpräsident Christian Wulff machte ausgerechnet Astrid Grotelüschen zur Landwirtschaftsministerin, eine Frau, die bis dahin für Deutschlands drittgrößte Mastputen-Brüterei mitverantwortlich war, in der jährlich 8,5 Millionen Küken schlüpfen. Ihr Ehemann ist nämlich Gründer der Mastputen-Brüterei Ahlhorn, Jahresumsatz fast 35 Millionen Euro. Vermarkten ließ die Familie ihr Fleisch damals über die Firma Wiesenhof, die kurz vor dem Amtsantritt der Ministerin wegen massiver Tierquälerei in die Schlagzeilen geraten war. Das ARD-Magazin Report Mainz hatte einen Beitrag ausgestrahlt, in dem Wiesenhof-Mitarbeiter und Beschäftigte einer Fremdfirma Puten ohne Betäubung den Hals umdrehten und vor Schmerz kreischende Hühner in viel zu enge Transportboxen stopften wie Altkleider in einen Müllsack. Ausgerechnet Ministerin Grotelüschen war auch für Tierschutz zuständig.

Als auch noch bekannt wurde, dass in einem der Betriebe, an denen die Grotelüschens Anteile hielten, Tiere unter unvorstellbaren Bedingungen gehalten wurden und Mitarbeiter einer weiteren Firma, in der Grotelüschen als Prokuristin gearbeitet hatte, öffentlich über menschenunwürdige Arbeitsbedingungen und Dumpinglöhne klagten, trat sie zurück. Doch bis heute macht sie Politik für die CDU – im Bundestag und in der Gemeinde Großenkneten, jener Gemeinde, die in der vergangenen Dekade beispielhaft war für den aberwitzigen Bauboom von Mastställen in Niedersachsen. Großenkneten, 30 Kilometer südlich von Oldenburg, hat 15.000 Einwohner, aber von der dortigen Landwirtschaftskammer genehmigten Platz für 1,2 Millionen Masthühner, 500.000 Legehennen, 80.000 Schweine und 300.000 Puten. Auf jeden Großenknetener kommen also 139 Nutztiere.

Es gibt in dieser Gemeinde wie in vielen Orten Niedersachsens inzwischen eine kritische Masse, die aufsteht gegen den Irrsinn, die Argumente liefert, Beispiele, Zahlen, die Gutachten erstellen lässt und Missstände aufdeckt. Bürgerinitiativen, Tierärzte, ins Grübeln geratene Landwirte. Am Ende aber gewinnt immer das System.

Auch im Örtchen Winkelsett. Dort wurde der amtierende Bürgermeister, ein Landwirt, rechtskräftig wegen Tierquälerei verurteilt, weil in seinem Stall, den er offenbar seit Tagen nicht mehr betreten hatte, Schweinekadaver und einzelne Knochen zwischen lebenden Tieren gefunden worden waren. Als die Grünen ihn abwählen lassen wollten, stand das ganze Dorf für ihn auf. Der Bürgermeister wurde im Amt bestätigt.

Oder im Landkreis Harburg, wo 2012 mehrere Geistliche von der Kanzel die Machenschaften der Agrarindustrie geißelten und anschließend vom mächtigen Bauernverband, dem sogenannten Landvolk, mundtot gemacht werden sollten. Das Landvolk verschickte Briefe an seine Mitglieder, darin hieß es: "Wenn es in Ihrem Umfeld seitens der Kirchen ebenfalls ungerechtfertigte und überzogene Kritik gegeben hat, bitten wir darum, uns dies mitzuteilen." Das Landvolk rief so zur Denunziation kritischer Priester und Pastoren auf.

Oder im Landkreis Cloppenburg, wo ein Reporter, der bei der unangekündigten Antibiotikum-Kontrolle eines Bauernhofs durch das Kreisveterinäramt dabei sein möchte, mit dem Argument abgewiesen wird, man wolle das "gute Verhältnis" zu den Landwirten nicht belasten. Sieht so Verbraucherschutz aus?

Der wohl mächtigste Mann der niedersächsischen Landwirtschaft sitzt in seinem Büro in einem mondänen Altbau in der Innenstadt Hannovers. Werner Hilse trägt Maßanzug und teure Krawatte. Er führt das Landvolk Niedersachsen mit fast 40.000 Mitgliedern an. Ein Fünftel der 50 Milliarden Euro Umsatz der deutschen Landwirtschaft wird von seinen Bauern erwirtschaftet. Über seinem wuchtigen Schreibtisch hängen zwei Bilder: ein Gemälde und eine Fotografie. Auf dem Gemälde leuchtet goldgelb das satte Getreide, das Foto zeigt ein Feld nach der Ernte. Die Natur gibt, der Mensch nimmt, alles im Einklang. Sitzt hier ein Romantiker? Eher nicht, denn Hilse sagt: "Sonnenschein und Regen können wir nicht verändern, alles andere haben wir optimiert."

Hilse ist selbst Bauer, 2.000 Schweine, er gehört zu den Großen. Wenn er von der Landwirtschaft spricht, benutzt er die Wörter Effizienz und Produktivität, Bruttowertschöpfung und Technologisierung. Unter seiner Ägide haben sich die Fleischerträge in Niedersachsen verdoppelt, auch die Milchproduktion ist um 100 Prozent gestiegen. "In dem Wort Landwirtschaft steckt ja das Wort Wirtschaft", sagt er.

Dass von Tierställen ein unmittelbares Risiko für die Übertragung multiresistenter Keime wie MRSA ausgehen soll, bezeichnet Hilse als "blanke Panikmache".

Werner Hilse ist so etwas wie der Prototyp des deutschen Agrarlobbyisten. Er hat zwar selbst kein Parteibuch, ist aber mit den wichtigen Agrarpolitikern der Union eng verbandelt. Zudem ist oder war er im Vorstand oder Aufsichtsrat von rund zwei Dutzend zentralen Organisationen in der Branche. Bei Banken, Marketinggesellschaften, Verlagen, Verbänden, in der Industrie. Allein seine Aufsichtsratsposten beim niederländischen Fleischmulti Vion, aus dem er inzwischen ausgestiegen ist, und dem Stärkehersteller Avebe dürften ihm jährlich 70.000 Euro eingetragen haben. Ist so jemand noch befugt, für alle Bauern zu sprechen? Auch für die ganz kleinen, die Bio-Landwirte, und alle jene, die nicht mitmachen wollen beim großen Rattenrennen des Immerschneller, Immereffizienter, Immerbilliger?

Von Hilse und seinen Getreuen kommen die immer gleichen Sätze, wenn es um Kritik am bestehenden System geht: "Man darf das Tier nicht vermenschlichen." Oder: "Mit alternativen Haltungsformen können wir nicht genug Lebensmittel erzeugen." Oder: "Wenn wir es nicht so billig machen, macht es ein anderer." Und vor allem: "Der Verbraucher will es doch so."

Der Markt alleine wird es nicht regeln, zu groß sind die Gewinne auf den Seiten der Handelsketten und Fleischriesen. Auch der Verbraucher steht in der Verantwortung. Wer ein Kilo Schweinekoteletts für 3,65 Euro kauft, nimmt dem Fleisch seinen Wert. Viele Verbraucher sind zwar mit den Haltungsbedingungen der Tiere nicht einverstanden, überdenken aber das eigene Konsumverhalten nicht.

Und wie sieht die Armee aus, die gegen dieses System ins Feld zieht? Sie besteht aus zornigen Bürgern, einigen Umweltverbänden und einzelnen Politikern wie Friedrich Ostendorff von den Grünen, und ja, ein richtiger Minister ist auch dabei, der grüne Landwirtschaftsminister aus Niedersachsen, Christian Meyer, gerade mal ein gutes Jahr im Amt. Jung ist er, 39 Jahre alt, fast ein wenig unbeholfen wirkt er in seinem Ministerbüro in Hannover, aber vielleicht täuscht das auch, denn er müsste Herkules sein, für das, was er sich vorgenommen hat.