In einer Einkaufsstraße im beschaulichen, für seine Guardian-Leser und liberalen Bildungsbürger bekannten Londoner Stadtteil Islington: Der Kritiker zögert ein wenig, den Klingelknopf mit der Aufschrift "Top Floor" zu drücken – ja, er hat fast ein bisschen Angst davor, den sympathischen, den voll okayen, den von allen so herzlich gemochten englischen Schriftsteller Nick Hornby zu treffen. Wie ist das möglich?

Dieser Nick Hornby – Bestsellerautor, Kultautor, Mister Popliteratur, Fußballfan, Popfan, der englische Lad, der Chucks-und-Sweatshirt-Träger, das freundliche Cockerspaniel-Gesicht –, er hat in den neunziger und frühen nuller Jahren die Romane Fever Pitch, High Fidelity und About A Boy und noch einige andere leichte und kluge, gleichzeitig lustige und ans Herz gehende Bücher geschrieben. Seine Romane bilden den Literaturkonsens für die Leser, die in den neunziger Jahren um die zwanzig waren, nachts ausgingen, Turnschuhe trugen und lieber Zeitschriften als Bücher lasen. Hornbys Romane sind allesamt verfilmt worden, und wenn John Cusack in High Fidelity den nerdigen Plattenladen-Verkäufer und Hugh Grant in About A Boy den charmanten Single gab, der nicht erwachsen werden will, dann hatte der Zuschauer immer auch das Gefühl, Alter Egos des Schriftstellers Nick Hornby zuzugucken.

Hornby ist mittlerweile 57 Jahre alt. Er hat in den letzten Jahren vor allem Drehbücher fürs Kino geschrieben (Oscar-Nominierung für den Film An Education), und nun ist sein siebter Roman erschienen, im Englischen heißt er Funny Girl, der deutsche Titel lautet Miss Blackpool, und es ist, das sei gleich klar gesagt, kein starker Hornby geworden. Den Autor zu treffen, der sein Talent bei seinem neuen Roman offensichtlich nicht aktivieren konnte: schwierige Sache. Soll man mit Hornby eine Konversation führen, die dezidiert nichts mit Literatur zu tun hat, sich also zum Beispiel über die explodierenden Mietpreise in London unterhalten? Soll man ihn fragen, wie er als Schriftsteller dem Krieg des IS in Syrien beizukommen gedenkt?

Nick Hornby zu treffen ist dann, natürlich, ganz einfach. Das bescheidene Büro des Schriftstellers, eine Zweizimmerwohnung mit Küche und Bad, kleinen Fenstern, schrägen Wänden, Ikea-artigen Möbeln. Wir sitzen vor einem großen Bücherregal. Der angenehme Schock, dass Hornby tatsächlich wie Hornby aussieht, bloß ein wenig faltiger um die Augen und grauer in den Barthaaren. Er spricht mit dunkler, warmer, stark prononcierter Stimme, als wolle er sicherstellen, dass der Gast aus dem Ausland jedes Wort versteht. Er macht keine Witze, dabei ist klar, dass er jederzeit eine erstklassige Pointe setzen kann – Privileg aller wirklich humorvollen Menschen. Hornby ist, natürlich, ein Plauderer, zunächst geht es um seine E-Zigarette, Anfang des Jahres ist er von täglich einer Packung Zigaretten umgestiegen (Hornby raucht die Tabaknote Hemingway). Jetzt müsste der Kritiker eine kluge Frage zu seinem neuen Roman stellen. Welche?

Es ist tatsächlich nicht ganz einfach zu sagen, warum Hornbys Miss Blackpool, sein erster Roman seit fünf Jahren, nicht so recht von der Stelle kommt. Die Zutaten scheinen zu stimmen: England in den frühen sechziger Jahren. Das Working-Class-Girl Barbara (Atombusen, blonde Bienenkorbfrisur) gewinnt einen Schönheitswettbewerb in Blackpool und geht nach London. Barbara wird zu Sophie Straw, ein Agent sagt zu ihr: "Du brauchst nur irgendwo herumzustehen, und die Leute werden mich mit Geld bewerfen." Sophie will mehr, sie träumt davon, eine sexy Komödiantin (nach dem Vorbild des amerikanischen TV-Stars Lucille Ball) zu werden, sie lernt das BBC-Autoren-Duo Tony und Bill kennen, die beiden schreiben ihr eine TV-Comedy auf den Leib. Sophie wird ein Star, sie gibt Interviews und geht mit ihrem TV-Partner ins Bett.

Hornby lässt seine BBC-Autoren seitenlange, herrlich pointierte und charmante Dialoge über das perfekte Comedy-Drehbuch sprechen, dauernd werden britische TV-Comedys der sechziger Jahre wie Steptoe and Son und Till Death Do Us Part erwähnt, die Swinging Sixties werden in ihrem ganzen Glanz aufgefahren (das klassische Personal der britischen Pop-Prominenz von Sandie Shaw über Marianne Faithfull, Peter Sellers und Britt Ekland bis zu Michael Caine und Albert Finney hat seine Auftritte). Und dann kommt, wie bei unglaublichen Erfolgsgeschichten im Showbusiness üblich, der Absturz. Den Popfan Nick Hornby beschäftigt, wie der Pop, in diesem Fall die populäre TV-Comedy, das tausend Jahre alte britische Klassensystem Anfang der sechziger Jahre ins Wanken brachte.

Und warum interessiert einen das alles nicht? Spätestens ab der 70. von 429 Seiten wird das Buch dick und dicker. Der Hornby-Sog fehlt. Statt seine Figuren in Szenen zu führen, in denen sie ihren Humor und das Hornby-typische große Herz entwickeln können, wirken sie in diesem Roman schemenhaft und blass. Hornby schreibt, als verfasse er statt des Romans das Konzeptpapier zur Verfilmung seines neuen Romans. Problemthema Comedy: Aus irgendeinem Grund entstehen zu diesem Thema ja selten brauchbare Bücher oder auch nur Zeitungsartikel.

Gleich drei Gründe fallen dem Rezensenten ein, warum es mit dem neuen Roman nicht geklappt hat: Hornby, Spezialist für den modernen Großstadtmann, den Single, Faulenzer, charmanten Schluffi, und seine psychischen Nöte (Stoffelhaftigkeit, Beziehungsunfähigkeit, Nicht-erwachsen-werden-Wollen), muss sich in Miss Blackpool in die Psyche einer jungen, hübschen, ehrgeizigen, intelligenten und lustigen Frau versetzen. Dieser zugegebenermaßen schwierigen Aufgabe ist er nicht gewachsen. Zweiter Grund: Comedy ist nicht Pop. Es liegt eben doch ein Unterschied darin, ob ein Roman den kometenhaften Aufstieg einer Band wie der Beatles thematisiert oder eine englische TV-Comedy, die außerhalb von England niemand kennt. Dritter Grund: Den Witzen Hornbys fehlt diesmal das Herz, die Seele, der Tiefgang. Es soll dauernd lustig sein, ist es aber meistens nicht. Es ist, als hätte sich der slicke, leicht schäbige Retorten-Humor der BBC-Comedy-Schreiber Tony und Bill auf Hornby übertragen.