Von einem "Kunstfund" war die Rede, von etwas, auf das man gestoßen war wie auf eine Nische voller Mumien, interessant, aber gespenstisch. Dabei galten die Gurlittschen Bilder bis in die fünfziger Jahre hinein als eine der bedeutenstden deutschen Familiensammlungen. Vier Generationen hatten sie zusammengetragen. Größe und Geheimnis erhielt die Sammlung jedoch von Hildebrand Gurlitt (1895 bis 1956), dem Vater des verstorbenen Cornelius – der am Ende nur noch Besitzer und Nutznießer war.

Die Reaktion auf das Auftauchen dieser Sammlung aus der Verborgenheit war erstaunlich. Außer dass sich die sehr reale, lösbare, aber bisher nicht gelöste Aufgabe stellte, geraubte Bilder an Erben der jüdischen Alteigentümer zurückzugeben, gewährte der Fund der Öffentlichkeit etwas, was sie lange ebenso befürchtet wie herbeigesehnt hatte: die Begegnung mit einem toxischen Erbe. Die Sammlung bleibt für die Deutschen auch jetzt noch ein Rätsel geschichtlicher Mehr- und Vieldeutigkeit. Hildebrand Gurlitt war Kunsthändler im Nationalsozialismus – weder der einzige noch der skrupelloseste. Er hat eine Geschichte, keine simple. Sie entlastet ihn nicht, sie lässt ihn auch nicht sonderlich sympathisch dastehen, aber sie belegt, dass Leben und Kunst zwischen 1933 und 1945 anders verschränkt waren, als manche Kommentatoren es heute besser zu wissen vorgeben.

Ein junger Mann aus gutem Haus: Hildebrands Vater Cornelius Gurlitt ist Professor in Dresden, der Doyen der deutschen Architekturgeschichte. Die Familie hat zahlreiche Professoren hervorgebracht, auch Hildebrand bereitet sich auf diese Laufbahn vor. Das geistige Klima im Haus ist nationalkonservativ, aber weltoffen. Hildebrands Großvater ist der Landschaftsmaler Louis Gurlitt, der mit einer Jüdin verheiratet war. Das spielt für den Vater, den selbstbewussten wilhelminischen Mandarin, keine Rolle – er stirbt 1939 –, wohl aber für den Sohn, der gemäß den Nürnberger Gesetzen als "Vierteljude" gelten wird. Nach dem Ersten Weltkrieg, in dem Hildebrand standesgemäß zweimal verwundet wird, studiert er Kunstgeschichte, wird Assistent in Frankfurt am Main und schreibt für die Vossische oder die Frankfurter Zeitung Artikel über moderne Kunst.

1925 ruft man ihn als Museumsdirektor und Kunstvereinsleiter nach Zwickau. Das ist kein ganz schlechter Anfang für einen aufstrebenden Wissenschaftler. Dem Museum mangelt es zwar an Geld, doch Hildebrand macht etwas daraus, er stellt sofort Barlach und Kollwitz aus, er setzt entschlossen auf die Jungen, auf Klee, Pechstein, Nolde und Schmidt-Rottluff, Heckel, Liebermann und Slevogt. Und er kauft deren Arbeiten an. Seine Ausstellungen fallen auf. Doch in der Stadt, die er mit seinem Programm heillos überfordert, wächst der Widerstand der Konservativen und der Nazis. Gurlitt muss 1930 Zwickau verlassen und ist nun der erste Museumsdirektor in Deutschland, der wegen seines Engagements für die Avantgarde den Hut nehmen muss.

Hamburg dagegen scheint offener zu sein, ein Kunstzentrum mit gebildetem Publikum. Dort wird er zum Direktor des Kunstvereins ernannt, er organisiert Ausstellungen moderner britischer Kunst, stellt Fotografie aus, sogar Design. Er kommt mit Sammlern in Kontakt, auch mit einem seiner nachmalig besten Kunden, dem Industriellen Hermann F. Reemtsma. Und er kämpft für Ernst Barlach, der in Hamburg gerade heftig umstritten ist. Und wieder, nach nur zwei Jahren, verdrängen ihn die Nazis von seinem Posten, gleich nach ihrer Machtübernahme. Von nun an muss Hildebrand Gurlitt mit Kunst handeln. Er wird es als Demütigung erlebt haben, denn in seiner Familie ist das Händlerdasein nicht hoch angesehen. Von Resignation allerdings ist keine Spur.

Im Gegenteil, er bleibt der Moderne treu, sogar als die Nazis sie öffentlich verdammen. Warum? Dafür gibt es zwei Gründe: Wie viele damals in Hamburg setzte er auf die Möglichkeit, den neuen Zeiten eine eigene deutsche Moderne an die Seite zu stellen, eine konservative, expressionistische Avantgarde, für die sich besonders Emil Nolde andiente. Die Diskussionslage unter den Nazis war keineswegs eindeutig, unter ihnen hatte der Expressionismus auch Fürsprecher. Goebbels favorisierte die Idee einer ambitionierten deutschen Gegenwartskunst, auch Reichserziehungsminister Rust. Bis Hitler schließlich im September 1935 jedem Modernismus den Garaus machte und das 19. Jahrhundert zum Stilvorbild erklärte.

Der zweite Grund: Es war schlichtweg einträglich. Der Handel mit moderner Kunst blieb, diskret betrieben, durchaus möglich, und die Nachfrage der Sammler riss keineswegs ab. Gurlitt galt als politisch unverlässlich, aber fleißig. Und als der Kulturterror der Nazis 1937 mit der Aktion der "entarteten Kunst" einen ersten Höhepunkt erreichte, profitierte er unmittelbar davon, denn er gehörte nun zu den vier Händlern, die sich aus dem Konvolut der verfemten Kunst bedienen durften, um sie gegen Devisen ins Ausland zu verkaufen. Die Nazis mochten ihn nicht, aber fachliche Kompetenz wussten sie immer zu schätzen.

In dieser Zeit wird Hildebrands Charakterbild schillernd. Ja, er rettet eine Menge Kunst aus den "entarteten" Beständen, das waren insgesamt 20.000 Kunstwerke aus öffentlichem Besitz, die verschleudert oder verbrannt zu werden drohten. Er greift zu. Anders als seine Kollegen erwirbt er jedoch nur wenige Gemälde, sondern vor allem Grafiken. Am Schluss werden es etwa 3.700 Blätter sein, sie hinterlassen weniger Spuren als große Werke. Denn er widersetzt sich der Anordnung, ausschließlich ins Ausland zu verkaufen, vielmehr bedient er seinen deutschen Sammlerkreis weiter, Reemtsma vor allem und das Ehepaar Sprengel aus Hannover. Und er kauft für sich selbst.

Als Samuel Beckett 1936/37 Deutschland bereist, bestaunt auch er Gurlitts Sammlung, als wäre die ein Weltwunder des deutschen Expressionismus. Als Sammler hat er einen guten Namen. Es fällt dabei aber die Geschmeidigkeit auf, mit der sich Gurlitt in die Umstände fügt. Ob da Angst im Spiel ist oder Gier, ist irgendwann nicht mehr zu unterscheiden. Nur ein Beispiel: Im Dezember 1938 bietet ihm der Hamburger Arzt und Sammler Ernst Julius Wolffson neun sehr qualitätsvolle Zeichnungen von Adolph von Menzel an. Wolffson hat bereits seine Approbation verloren und ist aus der Ärztekammer ausgeschlossen worden. Er kann die Sonderabgabe nicht zahlen, die Göring nach der Pogromnacht den jüdischen Bürgern ankündigte. Wolffson hatte 1903 für die Zeichnungen 50.000 Reichsmark bezahlt, Gurlitt gibt ihm dafür 2.500. Sicher hat er dem Mann in einer Notlage geholfen, aber natürlich nutzte er sie auch aus.