Silas Matthes will Bücher schreiben. Mit 18 Jahren beginnt er an Texten zu arbeiten und bekommt im zweiten Anlauf einen Platz im Studiengang Kreatives Schreiben in Hildesheim. Doch er weiß, dass es viele wie ihn gibt. Er weiß auch, dass nur wenige von der Schriftstellerei leben können. Und er weiß, dass es nicht leicht ist, aus den eigenen Ideen Bücher werden zu lassen. Der 22-Jährige stellt sich, kurz vor dem Bachelorabschluss, darauf ein, in den kommenden Jahren Manuskript um Manuskript an Verlag um Verlag zu schicken und vielleicht, ganz vielleicht, irgendwann Glück zu haben. Und dann erfährt Silas Matthes von Oetinger34.

Till Weitendorf will Bücher verlegen – so wie schon seine Mutter und seine Großmutter. Till Weitendorf ist der Enkel der Hamburger Verlegerin Heidi Oetinger. Im Familienunternehmen ist Till Weitendorf der Denker fürs Digitale. Derjenige, der nach Wegen sucht, die ein Kinder- und Jugendbuchverlag künftig gehen kann. Er holt Programmierer für Apps ins Haus und lässt Autoren und Illustratoren enger zusammenarbeiten. Er beobachtet, dass immer mehr junge Autoren im Self-Publishing ihre Geschichten verbreiten und damit reich werden. Er sieht, wie in Sozialen Netzwerken und in Foren diskutiert wird und wie nah man dort den Lesern sein kann. Und dann erfindet Till Weitendorf Oetinger34.

Die Zahl ist keine kryptische Verschlüsselung, sondern die Hausnummer des Verlagshauses in Hamburg-Altona. Dort, in der Max-Brauer-Allee, sitzt Oetinger34 – und auch nicht. Denn hinter dem Namen verbirgt sich einerseits der neue Verlag, also ein Imprint der Oetinger-Gruppe mitsamt Mitarbeitern, das Herz aber ist eine Onlineplattform. Diese Plattform, im Frühjahr als Testversion gestartet und noch in der Entwicklungsphase, bezeichnet Till Weitendorf selbstbewusst als "große Revolution". Hier sollen Autoren, Illustratoren, Juniorlektoren und Leser zusammenkommen, um gemeinsam an Ideen zu arbeiten, Feedback zu Konzepten und Geschichten zu geben und schließlich Titel in eine Abstimmung zu schicken, aus denen dann Bilderbücher, Kinderbücher, Jugendbücher werden – digitale und gedruckte.

Jeder kann von überall, jederzeit und frei neue Bücher entstehen lassen. Vorausgesetzt, man gehört zur Community. Wer bei Oetinger34 mitmachen will, muss sich bewerben. Autoren mit Textproben, Illustratoren mit einem Portfolio, Juniorlektoren legen eine Probearbeit vor, die (Test-)Leser, denn auch die gibt es, schicken ein Motivationsschreiben. Das Verlagslektorat prüft jeden einzelnen Fall und lässt hinein oder weist ab. Nach welchen Kriterien? "Wir stehen auf Qualität. Deshalb suchen wir die besten Geschichten und die kreativsten Talente", heißt es in der Selbstdarstellung. So weit, so schwammig. Rund 130 Bewerber warten derzeit noch auf eine Entscheidung, knapp 300 Leute bilden die Community (110 Autoren, 61 Illustratoren, 42 Juniorlektoren, 70 Leser). Viele kommen frisch von der Uni, sind Ende 20, und etwa 80 Prozent haben bisher noch nicht veröffentlich. Sie sehen in Oetinger34 die Chance aufs Debüt.

Der Verlag wiederum hofft auf "originelle Geschichten, frische Schreibe und innovative Optik" sagt Programmleiterin Katrin Weller. "Es gibt da draußen so viele gute Leute, die nicht gesehen werden. Denen möchten wir ein Forum bieten, die wollen wir entdecken und fördern." Die erste Edition Oetinger34 wird im Herbst 2015 erscheinen, und natürlich werde es auch "Lesefutter und Schmöker" geben, also herkömmliche Ware für den schnellen Gebrauch. Aber besonders im Bilderbuch sei die Arbeit auf der Plattform tatsächlich eine "Revolution", wenngleich Katrin Weller von einer "kleinen" spricht. Autor und Illustrator arbeiten von Beginn an zusammen, in der Entstehungsphase mische sich kein "manipulativer" Verlag ein. "Kreative sollen bei uns mehr Autonomie bei der Entwicklung von Stoffen haben", sagt Weller. Ihr Lektoratsteam arbeite nach dem Prinzip: "Ansehen, Tipps geben und wieder loslassen."

Silas Matthes bewarb sich im Frühjahr auf der Buchmesse in Leipzig persönlich beim Verlag und wurde reingelassen. Nach dem ersten spontanen Jubel stellte er sich allerdings die große Frage: "Wie viel zeige ich von mir? Es ist ja klar, dass es auf so einer Plattform viel Konkurrenz gibt." Zwei Jahre lang hatte er schon an einem Jugendroman über Mobbing gearbeitet, sollte er den hier einfach so offen präsentieren? Umgeben von lauter Unbekannten? Sind Ideen da gut aufgehoben? Wird geklaut?

Für eine Plattform wie Oetinger34 braucht es Vertrauen: zur Community und zum Verlag. Auch die Profis können nur sehen, was die Mitglieder freischalten – sagen sie. Silas Matthes vertraute, stellte eine Leseprobe ein und bekam schnell Rückmeldungen aus der Gruppe. "Die große Stärke des Portals ist für mich das Feedback: Was gefällt an einer Geschichte? Was ist nicht logisch? Welche Figuren sind unglaubwürdig? Wenn man allein vor sich hinbrütet, fällt einem das nicht auf", sagt er.

Schnell meldete sich auch eine Juniorlektorin, die, frisch geschult, mit ihm an seinem Roman arbeiten wollte. Ein weiteres Standbein von Oetinger34 soll nämlich die Ausbildung sein. Die Erfahrung, die sich im Haus über Jahrzehnte angesammelt hat, wird im Oetinger34-Campus in Lehrunterlagen, Web-Seminaren, Workshops und Tutorials weitergegeben. Silas Matthes und seine Juniorlektorin feilten an dem Text eine ganze Weile allein im Weißraum, also im geschützten Bereich, zu dem nur die Mitarbeiter des jeweiligen Projekts Zugang haben. Ziemlich bald meldete sich aber auch das Oetinger-34-Lektorat, fragte, ob es schon etwas zu lesen gebe, und bat um Zutritt: "Da hab ich kurz vor Freude getanzt", sagt Matthes, "und dann auf 'Ja' geklickt."

Bis die Rückmeldung kam: Tolle Geschichte, authentischer Ton, nah an der Zielgruppe, lautete das Urteil des Verlags, aber der Schluss gefiel nicht. "Da musste ich ganz schön schlucken, ausgerechnet der Schluss!" Es sei ein ziemlicher Kampf um ein neues Ende geworden. "Das Oetinger34-Lektorat hat mich sanft, aber bestimmt überzeugt. Wir haben ein neues Ende gefunden", sagt der 22-Jährige – und betont das "wir".

Die Community ist wichtig." – "Das Netzwerk nehmen wir ernst." Das sagen alle Mitarbeiter von Oetinger34. Immer wieder. Sie wollen nicht nur innovative Titel machen, sondern auch solche, die nah an den Lesern sind und ihnen gefallen. Durch die Diskussionen auf der Plattform erkennt der Verlag früh, was ankommt und was durchfällt. Kritiker könnten einwenden, es sei der Versuch, vorab herauszufinden, was die Masse wolle und es dann zu verlegen. Und dass so nur mehr vom Gleichen und sicher keine Qualität entstehe. Katrin Weller und Till Weitendorf halten dagegen. Für sie bedeute das Digitale nicht, dass alles zerfasert, sondern dass alles zusammenkommt. Und deshalb vertrauen sie darauf, dass gute Leute im Kollektiv bessere Stoffe entwickeln als allein. Und dass sich in so einem Forum am Schluss die Qualität durchsetzt.

Deshalb sind alle sieben Wochen Votings geplant, bisher gab es eins. Die Projektteams entscheiden, wann ihre Arbeit so weit ist, dann stimmt die Community geheim ab. Die Top Ten werden bekannt gegeben – und der Gewinner wird veröffentlicht. Garantiert. Silas Matthes’ Mobbinggeschichte schaffte es zwar unter die Top Ten, Sieger wurde aber ein anderer Titel: ein Comicroman für Kinder, der von einer pensionierten Agenten-Schildkröte handelt.