Peggy Parnass schrieb diesen Text nicht, sie diktierte ihn. Drei Monate lag sie mit Schmerzen im Bett, ein Tuch über dem Kopf. Alle zwei Stunden stieg ein Satz in ihr auf, den eine Freundin notierte. 1979 war das, und Peggy Parnass, die als Gerichtsreporterin berühmt wurde, als unerbittlich genaue Beobachterin von Lebensumständen, fiel es nicht leicht, sich an die eigene Geschichte heranzuwagen. Sie ist eine Überlebende des Holocaust, konnte fliehen, hat aber ihre Eltern verloren.

In kindlichem Sprachduktus, mit kurzen, stotternden Sätzen erzählt sie, wie sie als Kind nichts essen konnte, wie sie ihre Cousine blamierte, berichtet von der Sanftheit ihrer Mutter, dem Lachen ihres Vaters ... Sie beschreibt den Abschied von den Eltern, wie die Mutter die Kinder zum Bahnhof bringt und sie in einen Zug setzt – ihnen bleibt das Bild vom lachenden Mund der Mutter im Kopf. In Schweden werden die Geschwister in verschiedenen Gastfamilien untergebracht. Peggy wechselt ihr verhasstes Zuhause dort zwölf Mal, den Bruder besucht sie schließlich im Waisenhaus.

Die Geschichte handelt auch von der Kunst des Weiterlebens, dem permanenten Dennoch. Bis heute hat die Autorin panische Angst vor Bahnhöfen, kann keine Reise allein antreten.

Für das Buch, wie es nun vorliegt, ist Peggy Parnass "unendlich dankbar". Die brasilianische Holzschnittkünstlerin Tita do Rego Silva schuf ganzseitige Tableaus, die den Betrachter durch die schockierenden Erlebnisse begleiten. In eine individuelle Folkloristik und Ornamentik eingebettet, sind da Füchse, oder Wölfe, vielleicht auch Wildschweine mit großen Augen und schick gekleidet, die ein normal menschliches Familienleben führen. Peggy Parnass selbst wählte Gelb und Orange als Hauptfarben und legte Wert auf lockige Tierköpfe. Denn Locken hatten sie in ihrer ausgelöschten Familie alle.

Eine erste Auflage mit nur 1.000 handgedruckten Büchern erschien 2012. Die waren sofort vergriffen, und so ist es ein Glück, dass der Fischer-Verlag Kindheit nun nachdruckt – wenngleich in nur halb so großem Format. Der Intensität dieses Buches nimmt das nichts.