An der östlichen Grenze Ägyptens, dort, wo die Wüste ans Rote Meer stößt, liegt nicht weit von Hurghada der Robinson-Club Soma Bay. Der Bucht mit dem türkisfarbenen Wasser vorgelagert, gibt es einen künstlichen Teich, die "Oase". Hier ruhen einige Gäste unter Strohschirmen auf Sonnenliegen mit sandfarbenen Kissen. Andächtig schauen sie auf die nahen Bergrücken und die Abendsonne, die in einer Stunde dahinter versinken wird. "Dann wollen wir mal den Riemen auf die Orgel schmeißen", sagt ein Mann in weißen Shorts und blauem Crew-T-Shirt und setzt die Hi-Fi-Anlage in Gang.

"Klassik-Oase mit Horst" heißt der allabendliche Programmteil des Clubs, der sich als "Ausatmen" von einem langen Strandtag mit all seinen Ablenkungen versteht und auch als leiser Kontrapunkt zur Party, die später im Nightclub mit etwas härteren Rhythmen gefeiert wird. "Klassik-Oase mit Horst" hat zwei Protagonisten: die Musik und Horst, der in erster Linie dafür sorgt, dass es auch wirklich um die Musik geht. Der gnadenlos, wenn auch freundlich einschreitet, falls Gespräche aufkommen sollten. Die Musik hat ungeteilte Aufmerksamkeit verdient; er hat sie ja eigens dafür ausgesucht. Heute ist Beethovens Neunte dran.

Horst Wulze aus Hannover, der sitzt, während die anderen liegen, ist mit 74 Jahren der wohl älteste deutsche Club-Animateur, wobei man bei Robinson lieber von Entertainer spricht. Das Wort Animation lässt Urlauber denken, sie würden jeden Moment für peinliche Gruppenspiele von ihrer Liege gezerrt. So etwas wagt heute längst kein Club mehr; doch die Angst davor hat sich gehalten. Horst also – hier duzt man sich – schiebt den Musik-Stick ein. Im Steingarten hinter den Gästen erhebt sich aus unsichtbaren Lautsprechern das Crescendo des ersten Satzes.

Natürlich müsste Horst nicht mehr arbeiten; der gelernte Drucker und spätere Abteilungsleiter im Anzeigenressort der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung bezieht eine anständige Rente. Für sein Verständnis ist das hier auch überhaupt keine Arbeit. "Ich arbeite nicht, ich tu nur was", sagt er, wenn man ihn fragt. Heute hat er schon ziemlich viel getan. Um 7 Uhr morgens, als die Ersten abreisten, stand er nach einer kurzen Nacht bereits am Eingang, um sie zu verabschieden. Das macht er, wann immer es geht. Andi und Katja, zwei Stammgäste aus Hamburg, trugen ihre nagelneuen orangefarbenen Hightech-Sneaker, für die sich Horst so begeisterte, dass Andi sagte: "Probier doch mal an." Als ihr Taxi vom Flughafen zurückkehrte, hatte der Fahrer die Schuhe für Horst dabei. Er war gerührt, obwohl er ja weiß, dass viele Gäste ein besonderes Verhältnis zu ihm haben. Er hat es ja auch zu ihnen. Seine Kontakte nach Hannover sind überwiegend abgebrochen, seit er im Süden lebt. Manche der Stammkunden sind nun seine Freunde auf Zeit.

Eine Weile waren sie ausgeblieben. Kurz nach der Revolution vor drei Jahren hatte das Auswärtige Amt einen verschärften Reisehinweis für die Region ausgesprochen, bald darauf hatten sie im Club nur noch zwanzig Gäste. Aber mit der Entwarnung kamen sie nach und nach wieder, dieses Jahr ist das erfolgreichste seit der Eröffnung vor 16 Jahren: Im Juli und August waren die 348 Zimmer fast ausgebucht – in jenen Monaten also, die normalerweise schlechter laufen, weil Temperaturen von über 40 Grad nicht jedermanns Sache sind. Jetzt, im November, ist Hitze nicht mehr das Problem; und hinter den Kulissen sorgt die Clubleitung dafür, dass es auch sonst keines gibt.

Die Morgenkonferenz um 10.15 Uhr im Entertainer-Büro hatte etwas übellaunig begonnen. Der stellvertretende Abteilungschef rügte Nachlässigkeiten, vielleicht auch, weil er später mit roter Perücke gut gelaunt zum Beachvolleyball antreten sollte, obwohl ihn die Bandscheibe plagte. Dann fehlte jemand beim Küchendienst. "Mach ich’s halt", sagte Horst. Ein Satz, der ihn dazu verpflichtete, ab 12 Uhr, nach dem Boccia-Kurs, mit roter Kochmütze am Salatsoßentisch zu stehen und nach Gästewunsch die Spezialsoße anzurühren, die unter anderem aus Knoblauch und Chilipaste besteht. Am Nachmittag folgten: etwa 37 Kurzgespräche mit Gästen, ein zweiter Boccia-Kurs, sieben Begrüßungen von Ankömmlingen – und jetzt eben Beethoven.

Horst reicht ein laminiertes Merkblatt zu Werk und Leben des Komponisten herum, das er aus Wikipedia zusammenkopiert hat: "Bisschen Beethoven?" Dann geht er vorsichtig, damit seine Flip-Flops nicht in die Sinfonie klappern, zu jedem Gast und fragt: "’n Gläschen Wein?" Ägyptischen Rosé, der höchste Einzelposten in der Küchenrechnung des Clubs; die Alkoholsteuer im Land beträgt 200 Prozent. Als der Paukenwirbel im letzten Satz anhebt und starker Wind aufzieht, reicht Horst Decken, die er behutsam, den Abstand wahrend, um die Füße der Gäste legt: "Angenehm, nicht?"

Natürlich hatte Beethoven nicht die Soma Bay und die Urlaubsformen unseres Jahrhunderts im Sinn, als er die 9. Sinfonie komponierte. Andererseits: Die Vertonung von Schillers Ode An die Freude hat bei genauerem Hinhören deutliche Parallelen zum aktuellen Robinson-Club-Song: Heißt es bei Schiller noch:

"Freude trinken alle Wesen
an den Brüsten der Natur.
Alle Guten, alle Bösen
folgen ihrer Rosenspur",

formuliert es der Club-Song zeitgemäß etwas schmissiger:

"So ein ganz besonderer Tag,
dass ich mich grad selber frag:
Wieso kann es nicht einfach so bleiben?
Denn es gab mir wieder viel,
diese Zeit für das Gefühl."

Dabei begann Horsts Clubeinstieg mit einem denkbar schlechten Gefühl: Nachdem seine Frau vor acht Jahren ihre Krebskrankheit überstanden zu haben schien, fuhren die beiden guter Dinge in den Robinson-Club nach Ägypten. Doch nach der Rückkehr erkrankte sie erneut und starb. Wenige Monate später, im Frühjahr 2007, fliegt Horst wieder an die Soma Bay – um den Tod der Frau zu verarbeiten, mit der er 42 Jahre verheiratet war. Oft sitzt er weinend am Strand. Dann flüchtet er sich in die Tätigkeit. Und fragt bei der Clubleitung, ob er nicht mithelfen kann. Der stellvertretende Clubchef sagt: "Lass es uns miteinander versuchen!"