Malheur statt Höhepunkt? Auf einem Kometen zu landen sollte die Krönung der Rosetta-Mission werden. Hat die Weltöffentlichkeit in der vergangenen Woche einen Fehlschlag erlebt? Von wegen. "Wir hatten abartiges Glück", sagt der Planetologe Fred Goesmann. Schließlich habe das Landegerät Philae nicht nur eine, sondern gleich drei Landungen absolviert. Und aus unvorhergesehenen Wendungen lernt man in der Wissenschaft ja oft besonders viel.

Lehrreich war es zum Beispiel, dass Philaes Harpunen beim ersten Kontakt mit der Oberfläche des Kometen Tschurjumow-Gerassimenko nicht auslösten: Statt sich dort festzukrallen, prallte das Landelabor wie ein Pingpongball von dem Himmelsbrocken ab und flog mehrere Hundert Meter ins All zurück. Denn auf dem Kometen beträgt die Schwerkraft nur ein Hunderttausendstel der irdischen, das 100 Kilo schwere Landegerät wiegt dort gerade mal ein Gramm. Erst zwei Stunden später kam Philae, nach einem weiteren kleinen Hüpfer, endgültig zum Stehen. Eine Hochleistungskamera hat das alles brav aufgezeichnet. Sogar die Abdrücke der Landebeine vom ersten Aufprall im Kometenstaub sind auf den Bildern zu sehen.

Damit hat dieses erste, wenn auch ungeplante Experiment auf einem fernen Kometen schon die gängige Vorstellung widerlegt, die sich die meisten Wissenschaftler von der Kometenoberfläche machten. "Wie eine aufgewühlte Bettdecke" würde sie sich anfühlen, hatte Goesmann selbst noch vor wenigen Wochen vermutet, beim Aufsetzen werde es "eher pluff als plonk " machen (ZEIT Nr. 38/14). "Stimmt nicht", weiß der Forscher vom Göttinger Max-Planck-Institut für Sonnensystemforschung heute: "Philae hat plonk statt pluff gemacht."

Nicht nur das harte Aufsetzen hat die Forscher erstaunt. In vielerlei Hinsicht hat die bislang aufwendigste und teuerste Mission der europäischen Raumfahrt für Überraschungen gesorgt. Die vielleicht größte lautet: Das Abenteuer ist noch nicht vorbei. Vorerst mag das Minilabor verstummt sein, doch es gibt berechtigte Hoffnungen auf eine Fortsetzung.

Das wäre die ultimative Pointe eines Wissenschaftskrimis, der vor über zwanzig Jahren begann und seither eine ganze Generation von Weltraumforschern fesselt (ZEIT Nr. 46/14). In der vergangenen Woche gipfelte die Spannung, als die Raumsonde Rosetta nach zehnjähriger Reise erstmals in der Geschichte der Menschheit ein menschgemachtes Objekt auf einem fernen Kometen absetzte. Und es lohnt sich, diese hektische Zeit zu rekapitulieren, um zu verstehen, warum die Beteiligten nun trotz aller unerwarteten Wendungen doch guter Dinge sind.

Es ist eine Geschichte, die nicht von einzelnen Helden der Kometenforschung handelt, sondern vom Erfolg der Teamarbeit, und die vor allem in den letzten Tagen ein Motto hatte: "Das Adrenalin hält uns alle wach."

So drückt es die Physikingenieurin Brigitte Pätz am Mittwochnachmittag vergangener Woche aus, da ist ihre Schicht gerade zu Ende. Seit halb drei Uhr nachts ist sie im Einsatz, doch nach Schlafen ist ihr ebenso wenig zumute wie ihren Kollegen. Denn schließlich erleben die Forscher endlich das, worauf sie seit Jahren hingearbeitet haben: Im Kontrollraum des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) in Köln können sie verfolgen, wie 500 Millionen Kilometer entfernt ein dreibeiniges Landegerät langsam auf die Oberfläche des Kometen mit dem Kürzel 67P/C-G absinkt.

Manche der Wissenschaftler, die jetzt in Köln auf ihre Bildschirme starren, waren schon Anfang der neunziger Jahre dabei, als das Landegerät Philae entwickelt wurde. In der Zwischenzeit haben sie sich mit anderen Dingen befasst. Doch jetzt können sie das Warten kaum noch ertragen. Vom "Höhepunkt meines Lebens" schwärmt etwa der Kometenforscher Ekkehard Kührt. Wie seine Kollegen erhofft auch er sich endlich Antwort auf viele Fragen: Wann und wie ist beispielsweise der Komet entstanden? Woraus besteht er? Wie entwickelt sich sein Millionen Kilometer langer Schweif? Wie sieht seine Oberfläche aus nächster Nähe aus? Wie verändert sich diese bei der Annäherung an die Sonne? Zehn Kameras, Messinstrumente und Probennehmer hat Philae an Bord, sie sollen Antworten liefern.