Die Wahl eines Siebenbürger Sachsen zum rumänischen Staatspräsidenten, kann man sie überhaupt fassen? Der politische Aufstieg aus einer fast erloschenen Minderheit wirkt wie das Gegenstück zu dem Nobelpreis für die rumäniendeutsche Dichterin Herta Müller, aber das ist nicht alles, keineswegs das Ergreifendste. Wer es nicht erlebt hat, weiß gar nicht, wie der Name Siebenbürgen schon einmal, vor Jahrzehnten, geleuchtet hat. Siebenbürgen! Das war der gute Osten. Noch in den sechziger, siebziger Jahren des vorigen Jahrhunderts leuchtete das Land wie eine bürgerlich-bäuerliche Intarsie im sozialistischen Staat Rumänien, unangetastet von egalisierendem Fortschritt und ideologischer Agitation. Lichtbildvorträge aus Siebenbürgen überschwemmten meine Kindheit. In den Küchen evangelischer Pfarrhäuser rupften ungarische Bauernmägde gewaltige Gänse, rotwangige Kinder bissen in rotwangige Äpfel, knorriges Dielenholz knarrte. Heuwagen rumpelten zwischen Weiden von einem Grün, das die Augen schmerzen ließ.

Siebenbürgen exportierte eine Flut altdeutscher Idyllen, bald aber auch seine Menschen: allen voran lutheranische Pastoren, die mit rollendem R auf westdeutschen Kanzeln Donnerpredigten hielten. 1967 oder 1968 wurde die Gemeinde in Berlin-Dahlem, seinerzeit berühmt und berüchtigt für die Auftritte Rudi Dutschkes an der Seite prominenter Linkstheologen wie Helmut Gollwitzer und Friedrich-Wilhelm Marquardt, vom rumäniendeutschen R überrollt. Mitten in der Studentenrevolte erschienen Pfarrer Möckel und Frau, gebürtig beide aus Hermannstadt, und zeigten der verängstigten Gemeinde, was ein unangekränkelter Protestantismus ist – sie, Brigitte Möckel-Csaki, übrigens ebenfalls Pastorin, die 1936 als erste Frau in Siebenbürgen ein Theologiestudium ertrotzt hatte.

Von solcher Art war die siebenbürgische Geistlichkeit, nicht rechts gesinnt, aber von rechter Gläubigkeit. In Kürze füllte sich das Dahlemer Pfarrhaus mit weiteren Rumäniendeutschen, Handwerkern, Haushaltshilfen, das R rollte treppauf und treppab. Ein Nachruf im Tagesspiegel auf die Pastorin zitierte einen Freund der Familie, der die landsmannschaftlichen Eigenschaften rühmte, "ihre Herbheit, aber auch ihre Warmherzigkeit, ihre Liberalität, aber auch ihr Unterscheiden zwischen dienstbaren Geistern und Herrschaften".

Herrliche Zeiten, Herrschaftszeiten. Nun, das ist lange her. Aber wer über die Zukunft des rumäniendeutschen Präsidenten Klaus Johannis spekulieren möchte, täte gewiss gut daran, an dieses knorrige Holz zu denken.