Seine Idee: den postsowjetischen Raum unter russischer Führung zu einigen.

Dazu ersann er die Eurasische Union. Sie sollte die Ukraine als zentralen Baustein einschließen. "Putin hat diese Union als Konkurrenz zur EU verstanden", sagt Dmitri Trenin, Direktor des Carnegie-Zentrums Moskau und ein Kenner der russischen Außenpolitik. Als im Februar 2014 der ukrainische Präsident – Russlands Verbündeter Viktor Janukowitsch – stürzte, ging Moskau in die Offensive.

Seither stellt Putin die Ordnung nach dem Kalten Krieg grundsätzlich infrage, auf globaler Ebene gegen die USA und auf regionaler Ebene gegen die EU. "Die Parole der nächsten Jahre ist Rivalität und Wettstreit", sagt Trenin. Man sieht das bereits in vielen Ländern. Serbien ist dafür ein Beispiel.

Gegen das Land, das heute EU-Beitrittskandidat ist, führte die Nato vor 15 Jahren Krieg, manche Ruine steht noch. Hier liebt man Putin für seine Unerschrockenheit, mit der er dem Westen Zunder gibt. Und weil er den Anspruch Serbiens auf das Kosovo unterstützt.

Belgrad, am vergangenen Samstag: Tausende Demonstranten ziehen durch die serbische Hauptstadt, um den aus Den Haag zurückgekehrten Kriegsverbrecher Vojislav Seselj zu feiern. Sie schwenken serbische und russische Fahnen, tragen große Porträts des letzten Zaren, Nikolaus II., sowie von Wladimir Putin in Soldatenuniform vor sich her. Seselj fordert den Anschluss an Russland. Straßenhändler verkaufen Abzeichen mit Putins Konterfei. Es ist eine fast rein männliche Veranstaltung, es riecht nach Alkohol, die Mittelschichten bleiben dem Ganzen eher fern.

Am Sonntag tauchen dann einige der Zarenbilder und Transparente am neuen Denkmal für Nikolaus II. auf, das an diesem Mittag vom Patriarchen der russisch-orthodoxen Kirche eingesegnet wird. Die Statue ist ein Geschenk der russischen Regierung. Die Menge singt erst die russische, dann die serbische Nationalhymne. Einer der Umstehenden sagt: "Der Zar ist uns im Ersten Weltkrieg zu Hilfe geeilt, im Zweiten haben die Russen für unsere Befreiung gekämpft, und jetzt gebietet Putin dem unchristlichen Westen Einhalt." Zuvor hatte der russische Kirchenfürst wissen lassen, mit der Anerkennung der Schwulenehe erweise sich Europa als "Lokomotive der Zerstörung".

Zur gleichen Zeit findet etwa 100 Kilometer westlich der Hauptstadt ein Militärmanöver statt. Mehrere russische und serbische Kompanien üben die Zerstörung einer terroristischen Basis.

Im Mai vergangenen Jahres hatten Serbien und Russland eine "strategische Partnerschaft" vereinbart, wenige Monate später unterzeichneten beide Länder einen auf 15 Jahre veranschlagten Vertrag über gemeinsame Übungen, Austausch von Aufklärungsinformationen und von Personal. Im Südosten des Landes wird von etwa 2.000 Uniformierten beider Seiten ein "Zentrum für außergewöhnliche Situationen" betrieben, das angeblich humanitären Zwecken dient. Bisheriger Höhepunkt der neuen Waffenbrüderschaft war ein Geschicklichkeitswettbewerb mit Panzern, der Anfang August dieses Jahres nahe Moskau stattfand und an dem außer den Serben noch Panzersoldaten aus Angola, Armenien, China, Indien, Kasachstan, Kirgisien, Kuwait, aus der Mongolei und Weißrussland teilnahmen.

Der militärische Aspekt der russisch-serbischen Beziehungen wurde während Putins Belgradbesuch vor einem Monat offenkundig, als er gemeinsam mit Serbiens Präsident Tomislav Nikolić eine Parade abnahm. Russische und serbische Flieger donnerten über die Stadt. Der Gast aus Moskau erhielt den höchsten Orden des Landes. Putin versprach dem wirtschaftlich notleidenden Land Investitionen in Milliardenhöhe – nicht ohne zugleich die Daumenschrauben zu zeigen: Serbien schulde dem Gaslieferanten Gazprom immerhin 224 Millionen Dollar, erwähnte er beiläufig.

Während des Besuchs prangten große Plakate in der Stadt, die von der russisch-serbischen Freundschaft kündeten; die Politwerbung hatte Gazprom bezahlt. Dem russischen Gasriesen gehören 51 Prozent des serbischen Energiekonzerns NIS, der 78 Prozent des heimischen Mineralölmarkts kontrolliert. Die Anteile wurden 2008 ohne vorherige Ausschreibung verkauft. Der andere serbische Sektor, in den Russland vordringt, ist das Bankengewerbe; die vor Jahren noch sehr präsenten europäischen Banken ziehen sich aus dem Markt zurück, stattdessen ist jetzt der russische Bankengigant Sberbank dort.

Besuche russischer Offizieller, Unterschriften unter Wirtschaftsabkommen mit Moskau: Das ist das Tagesgeschäft der serbischen Politik. Das Land liegt im Zentrum der geplanten South-Stream-Pipeline, jener in der EU umstrittenen Versorgungslinie, über die spätestens Ende 2017 in großen Mengen russisches Gas durchs Schwarze Meer auf den Balkan bis nach Italien fließen soll. Erste Teillieferungen könnten schon vom nächsten Jahr an erfolgen.

Bulgarien etwa ist zu 90 Prozent vom russischen Energieexport abhängig, Serbien fast zu 100 Prozent. Russlands Gas ist noch für viele weitere dieser Länder existenziell wichtig, die geplante 2.400 Kilometer lange South-Stream-Pipeline soll ihre neue Lebensader werden. Unter Umgehung der Ukraine könnten jährlich bis zu 63 Milliarden Kubikmeter Erdgas in die von Krisen gebeutelte Region fließen. Moskau verspricht den Ländern nicht nur massenhaft Energie, sondern ebenso Arbeitsplätze und gigantische Investitionen.

Für Russland ist die geplante Gaspipeline ein Schlüsselprojekt. Für den Bau der Landabschnitte der Pipeline wurden bereits Regierungsabkommen mit Bulgarien, Griechenland, Kroatien, Österreich, Serbien, Slowenien und Ungarn unterzeichnet.

Mittels South Stream bindet Russland eine Reihe von Staaten an sich. Abzweigungen der Pipeline sind nach Kroatien und in die bosnische Teilrepublik Srpska geplant. Darum war deren Präsident Milorad Dodik ebenfalls während der serbischen Feierlichkeiten für Putin anwesend. Auch das EU-Mitglied Ungarn wirbt überall auf dem Balkan für die South-Stream-Pipeline. Das Parlament in Budapest hat den Bau bereits bewilligt. Den Einwand der EU, dass der russische Konzern Gazprom zugleich Gaslieferant und Betreiber der Pipeline würde, lässt Ungarns Premier Viktor Orbán nicht gelten.