Bei alledem geht es um mehr als nur um Gas, es geht um ein ökonomisch-politisches System. Russland bietet den wirtschaftlich schwachen Ländern in Ost- und Südosteuropa eine Abkürzung zum Wohlstand an. Macht es wie wir, macht es mit uns, dann fließt das Geld, auch ohne dass ihr eure Wirtschaft von Grund auf erneuern müsst, so lautet die verführerische Botschaft. Dabei ist es die Einladung zu einer Petrowirtschaft à la russe – nur ohne Petro, also mit wenigen Bodenschätzen. Tatsächlich wählten diese Länder damit die dauerhafte Abhängigkeit von einem Land, das seinerseits komplett vom Ölpreis abhängt.

Es ist natürlich nicht so, dass Putin nur auf einen Knopf drücken muss, und alle – vom armenischen über den serbischen Präsidenten bis zum ungarischen Premierminister – stehen stramm. Manche fühlen sich aus historischen Gründen zu Russland hingezogen, anderswo verfängt Putins autokratischer Regierungsstil, weil er auf Transparenz, Gewaltenteilung, die Achtung der Menschenrechte, auf alles, was die Demokratie und die EU so anstrengend macht, pfeift. In anderen Fällen wirken die finanziellen Drohungen oder Lockungen aus Moskau. Es kommt hinzu, dass die EU in einigen Ländern diskreditiert ist, weil viele der pro-europäischen Akteure selbst korrupt sind und der Westen lange Zeit nicht so genau hingeguckt hat.

Russland kann auftrumpfen, weil die Europäer eine offene Flanke haben. So gibt es heute kaum noch ein Land, das von Moskau nicht angegangen wird – und keine Methode, die nicht angewandt wird: Vergabe russischer Pässe ins Ausland, Geheimdienstoperationen, Zollkriege, wirtschaftliche Erpressung, Propaganda, Parteispenden, Waffenhilfe, militärische Intervention.

In Estland wurde ein estnischer Geheimdienstmitarbeiter von russischen Agenten gefangen genommen und über die russische Grenze entführt. Er war nach estnischen Angaben Schmugglern mit Verbindungen zum russischen Geheimdienst auf der Spur gewesen.

In Lettland schürt Moskau mithilfe russischsprachiger Medien Angst vor Diskriminierung. Putins Partei "Einiges Russland" unterstützt dort die russophile Partei Saskanas. Deren Vorsitzender, ein ehemaliger Journalist für russische Medien, lobte im Oktober Putin als "das Beste, was wir haben". Was auf der Krim und in der Ostukraine geschehe, eröffne auch im Baltikum "eine einmalige Chance, Dinge zu korrigieren, die in den letzten Jahrzehnten falsch gelaufen sind".

Litauen ächzt, wie die beiden Nachbarländer, unter dem russischen Importverbot für landwirtschaftliche Produkte aus der EU. Im September wurde ein litauischer Fischkutter von der russischen Marine aufgebracht.

Ebenfalls im September erhielt die rumänische Regierung eine Warnung: Gazprom kündigte kurzfristig an, die Gaslieferungen um zehn Prozent zu kürzen. Das EU-Land hatte im Sommer dem russischen Vizepremier Dmitri Rogosin den Überflug verweigert, weil er auf der Sanktionsliste des Westen steht. Rogosin drohte daraufhin, er werde nächstes Mal "an Bord einer TU-160 zurückkehren", eines Überschallbombers aus Sowjetzeiten.

In Bulgarien wird inzwischen ein Drittel der Wirtschaftsleistung direkt oder indirekt von russischen Oligarchen kontrolliert. Die Armee hängt komplett von russischen Ersatzteilen ab.

Ungarn, zu 80 Prozent auf russisches Gas angewiesen, wendet sich unter Premierminister Viktor Orbán allmählich dem Putinschen Modell zu. Orban redet offen davon, er wolle "liberale Irrwege verlassen" und einen "illiberalen, autoritären Staat" nach russischem Modell schaffen. Im Januar schloss er einen Energiedeal mit Russland ab. Im Herbst drehte er der Ukraine das Gas ab, zufällig während des Streits zwischen Gazprom und der Ukraine über Nachzahlungen.

Der Slowakei wurden im Oktober kurzzeitig die Gaslieferungen halbiert, weil das Land geholfen hatte, Engpässe in der Ukraine zu überbrücken.

In Montenegro, Kandidat für die EU und die Nato, sind mittlerweile 40 Prozent der Grundstücke in den Händen russischer Investoren, viele von ihnen sind Ministerien und staatseigene Betriebe, allen voran Gazprom.

Wenn man sich zu all diesen Vorgängen in diesen Tagen in Russland umhört, dann heißt es: Der Westen sei an allem schuld. Die Amerikaner wollten Russland schwächen und zur "Regionalmacht" herabwürdigen. Die Amerikaner hätten den "Putsch in Kiew" orchestriert. Sie zettelten Revolutionen an, um ihren Einfluss auszudehnen. Der Westen verhänge Sanktionen. Er manipuliere den Ölpreis. Deshalb habe Russland alles Recht, sich zu wehren, vor allem in seiner Nachbarschaft. Nicht Russland, sondern Amerika sei im Angriffsmodus; nicht der Westen, sondern Russland verteidige die Menschenrechte.

So hören es die Russen täglich aus ihren Medien. Das kommt an, weil das Denken in Einflusssphären und Landkarten dort nie aufgehört hat. Das Selbstbestimmungsrecht jener Völker, die Moskau zur eigenen Machtzone zählt, gilt in Moskau wenig. Darum sieht die Bewegung vieler Länder nach Westen aus dem Kreml aus wie eine Bewegung des Westens nach Osten.

Stabilisierung nach innen und Destabilisierung der Länder um Russland herum: Auch das ist ein Teil des großen Putin-Plans. Dafür werden die Medien eingesetzt, genauso wie russische Industriekonzerne. Am 12. Februar 2013 veröffentlichte das russische Außenministerium eine Konzeption der Außenpolitik der Russischen Föderation. Medien und Wirtschaft sollten sich stärker auf die Interessen Russlands konzentrieren und seine Rolle in der Welt stärken. Die Annahme des Westens, Russland sei ein Land im Niedergang, solle mit Omnipräsenz auf den Märkten beantwortet werden, gerade dort, wo der Westen bisher stark war. Russland müsse eigene "Einflussträger" schaffen. Der Staat werde diese Anstrengungen fördern.

Seit einigen Tagen ist im Internet "RT deutsch" zu sehen, der deutschsprachige Ableger des Staatssenders Russia Today. Weltweit unterhält Russia Today mittlerweile 20 Büros, beschäftigt mehr als 2.500 Mitarbeiter und erreicht laut eigenen Angaben 664 Millionen Zuschauer auf Russisch, Englisch und Arabisch.