Wladimir Putin ist tief verunsichert. Anders lässt sich seine geopolitische Hyperaktivität der letzten 14 Tage einfach nicht erklären. Der russische Präsident hat in dieser kurzen Zeitspanne Kriegsschiffe nach Australien entsandt, Bomber an die Küste von Portugal geschickt, stundenlang ergebnislos mit westlichen Staatschefs unter vier Augen gesprochen, er ist verfrüht vom G-20-Gipfel aufgebrochen, hat der ARD ein Interview gegeben, hat spontan den deutschen Außenminister empfangen, hat Waffen und schweres Gerät in die Ostukraine bringen lassen und, und, und.

Was hat er bloß, der Putin? Offenbar ist der Mann mit dem, was er in einem Jahr Ukraine-Krise erreicht hat, hochgradig unzufrieden, er will den Status quo in der Ukraine ändern, ohne jedoch genau zu wissen, wie. Also macht er halt irgendwas und davon möglichst viel.

Der EU fällt es schwerer, Erfolge wahrzunehmen, als sie zu erzielen

Wer nüchtern eine erste Bilanz von Putins Politik zieht, der kann seine Unruhe und sein Dilemma durchaus verstehen. Gewonnen hat er die schöne Krim, die wird ihm auf absehbare Zeit niemand mehr nehmen. Allerdings wird sie ihn enorme Summen kosten. Außerdem kann er zwei kleine, dabei jedoch völlig zerstörte Provinzen der Ukraine wieder zu seiner unmittelbaren Einflusszone zählen, auch das steht auf der russischen Habenseite. Nicht zuletzt ist Putin innenpolitisch stärker als je zuvor.

Auf der Sollseite stehen die Kosten seiner Ukraine-Politik. Und die sind weit höher: Ökonomisch verengt sich sein Spielraum zusehends, Investitionen bleiben aus, der niedrige Ölpreis schwächt die russische Politik erheblich, international erfährt Putin immer mehr Widerstand, auch seine innerrussische Stärke ist instabil, sie braucht ständige Vorwärtsbewegung, der neue Nationalismus ist gierig.

Und dann ist da noch all das, was Putin bislang nicht erreicht hat: Die Ukraine konnte er nicht demoralisieren, die dortigen Wahlen waren erfolgreich, eine Radikalisierung fand nicht statt. Auch den Westen konnte er nicht spalten, seine Gegensanktionen versickern. Außerdem fehlt ihm die Landbrücke zur Krim, ohne die eine vernünftige Versorgung der Halbinsel horrende Kosten erzeugt.

Stand heute: Wladimir Putin ist alles andere als der Sieger im Ukraine-Konflikt.

Derweil kann der Westen seine Sanktionspolitik als Erfolg verbuchen, jedenfalls wenn man hier nicht das Kriterium anlegt, dass Russland die Krim räumt, sondern dass Moskau von weitergehenden Zielen abgehalten werden kann. Die Einheit, ökonomische Stärke und Geduld der EU und auch der USA haben sich bewährt, zwischen Tatenlosigkeit und Militarisierung des Konflikts hat der Westen gut hindurchnavigiert.

Umso verwunderlicher scheint es, wenn sich nun einige im Westen von der Nervosität Putins nervös machen lassen. Zum Beispiel die neue Außenkommissarin der EU, die jede Woche traurige Lieder über die Nutzlosigkeit, Schädlichkeit und, ach, dann doch auch Alternativlosigkeit der Sanktionen singt.

Oder, schlimmer noch, der ehemalige SPD-Vorsitzende Matthias Platzeck. Er will die Annexion der Krim völkerrechtlich legitimieren, auch Luhansk und Donezk hat er im Geiste schon aufgegeben. Dieser amtierende Vorsitzende des deutsch-russischen Forums möchte nun so schnell wie möglich Putin doch noch zu einem Sieg verhelfen, ihn dadurch stabilisieren und die Modernisierungspartnerschaft flugs wieder aufnehmen.

Auch Platzeck muss verzweifelt sein. Denn sein Vorschlag bedeutet ja in der Konsequenz, dass man Putin einen Stift in die Hand drückt, mit dem er auf einer Landkarte einzeichnen kann, wo die Grenze seiner Einflusszone künftig verlaufen soll, damit er sich als Sieger sieht und leidlich zur Ruhe kommt. Und das über die Köpfe der Völker hinweg, die zwischen Deutschland und Russland liegen. Was der ehemalige Bürgerrechtler – ja, das war Matthias Platzeck einmal – da vorschlägt, ist natürlich moralisch ebenso indiskutabel wie realpolitisch undurchführbar, es drückt nicht Sorge aus, sondern Angst und wirres Denken.

Wenn aber ein ehemals führender Sozialdemokrat so denkt und wenn auch diverse andere Größen aus der Familie der Sozialdemokratie gegen die Politik der Bundesregierung so sehr anreden, muss dann nicht jederzeit damit gerechnet werden, dass auch der sozialdemokratische Außenminister alsbald von der gemeinsamen Linie mit der Kanzlerin abrückt? Sind nicht sogar schon in dieser Woche Haarrisse sichtbar geworden, als die langmütige Merkel in Australien hart über und zu Putin sprach, während Steinmeier in Europa vor einer rhetorischen Eskalation warnte?

Solche Befürchtungen scheinen vorerst unbegründet. Frank-Walter Steinmeier setzt sich durchaus mit den Argumenten etwa eines Gerhard Schröder auseinander, aber er setzt ihnen auch etwas entgegen, man könnte sogar meinen, dass sich der eine vom anderen durch die Ukraine-Krise emanzipiert hat. Zwar ist für Steinmeier das Wodkaglas stets halb voll, besoffen macht er sich damit aber nicht.

Ob die Einigkeit zwischen Kanzlerin und Außenminister, zwischen Frankreich und Deutschland, zwischen EU und USA hält? Schwer zu sagen. Was dabei aber helfen könnte: wenn man den bisherigen Weg endlich als Erfolg definiert und das auch ausspricht. Das ist das Elend mit der EU: Es fällt ihr noch schwerer, Erfolge wahrzunehmen, als sie zu erzielen.

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