Wer ins olympische Dorf zu Sotschi fährt, um im Medienzentrum dem norwegischen Schachweltmeister Magnus Carlsen und seinem indischen Herausforderer Viswanathan Anand beim Zweikampf zuzusehen, muss etliche Absperrungen überwinden. Die erste Hürde ist das Tor am Rande des weitläufigen, vielfach umzäunten Geländes, das mit seinen Gittern und Schwellen zu einer scharf bewachten Grenze gehören könnte. Aber niemand kontrolliert. Die Station steht leer, wie fast alles hier.

In der Pförtnerloge des Medienzentrums werden die Taschen durchleuchtet. Es folgen im Gebäude zwei Schleusen mit magnetischen Detektoren und Wachpersonal, um die Gäste abzutasten.

Man weiß nicht genau, welchem Zweck all dieser Aufwand dient, denn es gibt kaum Publikum. Abgesehen von den Journalisten aus Norwegen, Russland, Indien, Spanien, den Niederlanden und dem einen Reporter aus Deutschland, kommen nur wenige Einheimische und noch weniger Weitgereiste zum täglichen Kampf auf dem Brett. Am Dienstag dieser Woche, als die achte Runde gespielt wird, sitzen acht Zuschauer im 240 Plätze zählenden Saal.

Vor einem Jahr in Chennai war das anders. Da fand die WM nicht in einem olympischen Geisterdorf am Kaukasus statt, sondern in einer südindischen Millionenstadt. Der Verkehr brauste Tag und Nacht um den Spielort, die Fans füllten den Saal und applaudierten, wenn ihr Held Anand einen guten Zug machte – was der nicht hören konnte, weil er hinter einer schalldichten Glasscheibe saß.

Im absperrungsversessenen Sotschi fehlt so eine Glasscheibe. Der Spieltisch steht leicht erhöht, sechs Meter von der ersten Reihe entfernt. Näher kann man dem Schach nicht kommen – ein Genuss, den Kenner zu schätzen wissen. Aus Kalifornien ist ein gut gelaunter indischer Unternehmer angereist, der seine Softwarefirma eine Woche lang sich selbst überlässt. Hier kann er sich fern aller Virtualität in die Betrachtung des königlichen Spiels vertiefen.

Die Frage, inwiefern man ein leibhaftiges Publikum braucht, ist in der Schachwelt umstritten. Für Anands Teamchef, den früheren Siemens-Manager Hans-Walter Schmitt aus Bad Soden, ist Sotschi eine vertane Chance. Er kann es nicht fassen: Eine Weltmeisterschaft im Nirgendwo – wo gibt es denn so was! 17 Jahre lang hat Schmitt in Mainz Turniere veranstaltet, die immer ein großes Publikum anzogen.

Der Russe Ilja Merenson dagegen, Eigentümer der Vermarktungsfirma Agon und vom Weltschachverband Fide mit der Ausrichtung beauftragt, könnte sich auch vorstellen, ganz auf Publikum zu verzichten. Schließlich spiele sich das Schachleben heute doch mehr und mehr im Internet ab. Tatsächlich verfolgen Millionen Zuschauer in aller Welt die in Echtzeit übertragenen Züge. Drei Kameras auf der Bühne in Sotschi fangen alle Regungen der Kontrahenten ein; ihre gelegentlichen Handbewegungen, wenn sie einen Zug machen oder auf die Uhr drücken.

Zwischen Internet und Spielsaal tut sich neuerdings noch ein weiteres Feld der Schachvermittlung auf – das Fernsehen. Das erste Programm des norwegischen NRK, zu vergleichen mit der deutschen ARD, überträgt die Partien aus Sotschi live in voller Länge, von nachmittags um ein Uhr Osloer Zeit an, wenn es sein muss, bis über die Abendnachrichten um sieben hinaus. Wie lang die Akteure jeweils kämpfen, ist dabei genauso ungewiss wie die Beschaffenheit der Partie zwischen aufregend und sterbenslangweilig. Der Sender umflort das Geschehen auf dem Brett mit Analysen, Diskussionsrunden, Interviews und Nebendingen.

Außer dem NRK berichten zwei weitere norwegische Sender aus Sotschi. Das kommerzielle Programm TV2 nähert sich der WM mehr von der Seite, weil es im Bieterwettstreit (!) um die Übertragungsrechte dem NRK unterlag. Dann gibt es noch den Kanal der Boulevardzeitung Verdens Gang, VGTV. Der war bislang nur im Netz gestreamt worden. Seinen Fernseh-Sendebetrieb begann er feierlich mit der Schachweltmeisterschaft.

Mehr als ein Drittel der fünf Millionen Norweger verfolgen so die Schach-WM, viele kennen nicht einmal die Regeln. Der Reporter Kurt Haugli von der Osloer Tageszeitung Aftenposten führt das Interesse nicht allein auf den Schachstar Magnus Carlsen zurück. Er sieht Schach-TV als Spezialfall des "Sakte-TV", das im Lande so populär ist. Sakte-TV, das vom Rat für Norwegische Sprache erkorene Wort des Jahres, heißt Langsamfernsehen.

Im Juni 2011 übertrug NRK eine fünfeinhalbtägige Schiffsfahrt entlang der Hurtigruten von Bergen nach Kirkenes in voller Länge. Das vermeintlich ereignislose Water-Movie wurde zum gesellschaftlichen Faszinosum. "Kleine Boote kamen längsseits, am Ufer standen die Leute und winkten", sagt Haugli. Stundenlang hätten die Leute vor den Apparaten gesessen und zugeguckt, mitten im Sommer.

Dann gab es eine Echtzeit-Übertragung der siebenstündigen Zugfahrt von Bergen nach Oslo, ein 13-stündiges Wettstricken und, was Kurt Haugli besonders gefiel, eine zwölfstündige Kamin- und Lagerfeuersendung: Welches Holz man nimmt, wie man es spaltet, aufschichtet und anzündet. Wie man nachlegt. Rund um die Sendung wurde in ganz Norwegen gepostet und getwittert.

Woher das komme? Haugli führt das Phänomen auf andere, schon lang beliebte Langsamsendungen zurück. Zehn Kilometer Schlittschuhlaufen im Kreis, 50 Kilometer Ski querfeldein. "Da passiert nicht viel, aber man sitzt zu Hause auf dem Sofa und ist ein Teil davon."

Der Reporter Kurt Haugli, als Mann des Gedruckten jeder TV-Euphorie unverdächtig, sieht Norwegen als Avantgarde. "Vielleicht haben wir etwas entdeckt, von dem wir nicht wussten, dass wir es uns wünschen." Für diese Woche hat sich ein Fernsehteam des ZDF in Oslo angekündigt, um über Zuschauer zu berichten, die sich von den Schachübertragungen nicht losreißen können.

In Sotschi ist es am Dienstag nicht spannend. Will Anand den in Chennai verlorenen Titel zurückerobern, muss er bald eine Partie gewinnen, denn er liegt nach wechselhaftem Verlauf einen Punkt zurück. Er versucht es mit dem Damengambit. Carlsen kontert mit einer neuen Variante, in der er jedem Druck ausweichen kann.

Nach zweieinhalb Stunden und 41 Zügen endet die blasse Partie in einem Remis – wie fürs Fernsehen gemacht.

Unser Reporter Ulrich Stock berichtet vom Turnier – jede Woche in der ZEIT und täglich auf www.zeit.de/schach-wm

Anmerkung der Redaktion, 16.12.2014: In dem Artikel waren einige fehlerhafte Angaben zu Live-Übertragungen im norwegischen Fernsehen. Diese haben wir in der Online-Version des Artikels korrigiert.