Der Untergang der DDR war eine Sache des Volkes, nicht der Intellektuellen. Die Massenausreisen über Ungarn und die Leipziger Montagsdemonstrationen, die das SED-Regime unter tödlichen Druck setzten, hingen nicht an Künstlern und Autoren. Die meisten Dissidenten waren längst ausgereist und ausgebürgert. Und die Dagebliebenen?

Das ist die große Frage. Hatten die verbliebenen Intellektuellen ihren Frieden mit der Partei gemacht? Der Lyriker Günter Kunert, längst im Westen lebend, hat seinerzeit in einem bemerkenswerten Essay die These gewagt, dass es gerade der fortgeführte Unfriede gewesen sei, die stete Zankerei und Auseinandersetzung mit dem Staat, die den Schriftstellern ein Gefühl von Bedeutung und Hochschätzung gegeben habe – weshalb das Ende der DDR von ihnen nicht erwünscht, im Gegenteil als "Sturz vom Sockel" (so der Titel des Essays) empfunden worden sei. Das war natürlich maliziös gesagt und geeignet, manche Autoren, zumal Christa Wolf, schwer zu kränken. Aber warum hatte sie und hatten viele andere Autoren, die sich unablässig mit der SED stritten, gleichwohl noch 1990 für den Fortbestand ihres Staates geworben?

Der Zufall will es, dass zum 25. Jahrestag des Mauerfalls die Tagebücher zweier prominenter Autoren erschienen sind, die den Weg ihrer prekären Staatstreue bis zur Wende verfolgen lassen: Christa Wolfs Aufzeichnungen ihrer Moskau-Besuche von 1957 bis 1989 und der letzte Band der Strittmatter-Tagebücher, die von 1974 bis zu seinem Tode 1994 führen. Es ist dabei eine rein westdeutsche Perspektive, in Strittmatter den auschließlich regimetreuen Schriftsteller zu sehen; Ole Bienkopp (1963) mit seiner Bürokraten-Satire und mehr noch Der Wundertäter III (1980) mit seiner Stalinismus-Kritik machten der Partei ernsten Kummer; um ihre Veröffentlichung wurde gnadenloser gestritten als um manchen Christa-Wolf-Roman. ("Mein Name darf in Zeitungen, Zeitschriften, im Rundfunk und im Fernsehen zur Zeit nirgendwo genannt werden" – Strittmatter, 1980.)

In ostdeutscher Perspektive waren beide Autoren, trotz aller Unterschiede, authentische Formulierer desselben Unbehagens, seelenvoller vorgetragen bei Christa Wolf, volkstümlicher und kabarettistischer bei Strittmatter. Für den Außenblick können beide heute näher zusammenrücken, als es dem Klischee entspricht: in ihrer zeitweiligen Stasi-Mitarbeit, zeitweiligen Funktionsübernahme (Christa Wolf als Kandidatin des ZK, Strittmatter als Erster Sekretär des Schriftstellerverbandes), aber auch in beider Hader mit der SED-Mitgliedschaft, die indes, wiederum von beiden, erst im Zusammenhang der Wende aufgegeben wird.

Für den Innenblick, den die Tagebücher erlauben, rücken sie jedoch wieder dramatisch auseinander. Der paradoxe Befund: Strittmatter, der niemals offen, nur in Büchern mit der Partei haderte, hatte den Glauben an den Sozialismus schon verloren. Christa Wolf dagegen, die ihre Bücher mitunter selbst vorauseilend zensierte, aber auf dem berüchtigten 11. Plenum die Literatur offen gegen die Partei verteidigte, glaubte an den Sozialismus bis zuletzt. Strittmatter taktierte obrigkeitsscheu aus absoluter Desillusionierung; Christa Wolf opponierte aus Treue zur Illusion. Man könnte die beiden fast als Idealtypen entgegengesetzter Schreibhaltungen in der Diktatur beschreiben.

Strittmatter wollte nichts anderes, als sein literarisches Werk vor Einflussnahme schützen; Christa Wolf fragte sich ständig, ob sie ihr Werk über die Partei stellen dürfe, ob sie nicht Gefahr liefe, aus Künstleregoismus ihrem Land zu schaden. Strittmatter war als Künstler egoistisch bis zum offenen Zynismus; für ihn war eine Obrigkeit wie die andere, Sozialismus hin oder her, in jedem Fall eine Bedrohung für die Kunst. Christa Wolf war eine Moralistin bis zur Selbstaufgabe, stets zweifelnd, ob sie sich nicht höheren Interessen unterzuordnen habe.

Dass die Tagebücher von ihr und Strittmatter einen Vergleich überhaupt möglich machen, hat einen simplen Grund: Es ist die Allgegenwart des Staates und seiner Ideologie. Günter Kunert hat einmal gesagt, er habe die DDR seinerzeit vor allem verlassen, weil er es leid gewesen sei, von morgens bis abends über die Partei nachzudenken.

Auf Christa Wolfs zweiter Moskau-Reise 1959 war Strittmatter mit dabei; sie notiert: "Strittmatter kam manchmal auf das Problem der modernen Heuchelei, die Masken, die wir alle tragen, zurück. Das ist natürlich sein Problem. Er macht sich im gewöhnlichen Leben stärker als er ist und sein kann. Immerhin war er 33, als der Krieg zu Ende ging, und von Antifaschismus gab es bei ihm keine Spur. Er muß ja neben einem solchen Mann wie Gotsche Komplexe haben und hat sie auch." Otto Gotsche, ein parteifrommer Schriftsteller und Sekretär Walter Ulbrichts im Staatsrat, hatte sein Heldentum als verfolgter Kommunist im Untergrund bewiesen, Wolf charakterisiert ihn als "hochrangigen, unversöhnlich engstirnigen Funktionär", der gleichwohl durch sein Martyrium Respekt eingeflößt habe.