In Dresden gibt es einen Geist. Alle reden von ihm, alle loben ihn. Er ist etwas Besonderes, sagt Hans Müller-Steinhagen, der Rektor der Technischen Universität (TU) Dresden. Der Geist schwebt in der alten Rektoratsvilla durch den Fechtraum, in dem sich früher Verbindungsstudenten geschlagen haben und heute wichtige Entscheidungen der TU ausgefochten werden. Er weht durch den Keller des Max-Planck-Instituts für Molekulare Zellbiologie und Genetik, vorbei an blau schimmernden Wassertanks mit über 30.000 Zebrafischen.

Der Spirit von Dresden ist überall dort, wo Wissenschaft gelebt wird, wo Kooperationen gedeihen, zwischen der Uni und den außeruniversitären Forschungsinstituten. Inzwischen gibt es für den Geist sogar ein Haus, es heißt Dresden-concept und ist ein Zusammenschluss von 21 wissenschaftlichen und kulturellen Einrichtungen. Ohne den Spirit gäbe es diese Kooperation nicht. Und ohne ihn wäre die TU Dresden auch nicht Exzellenzuniversität, die einzige in den neuen Bundesländern.

Der Geist hat viele Gesichter, er lebt in vielen Personen, aber er lebt ganz besonders in Hans Müller-Steinhagen. Der 60-jährige Ingenieur wurde vor viereinhalb Jahren zum Rektor der TUD gewählt. Seitdem hat er viel dafür getan, dass sich der Spirit in Dresden ausbreitet. Das Modell der Wissenschaftskooperation, das er mitgeschaffen hat, ist in dieser Breite und Tiefe bundesweit einzigartig – und ein Vorbild auch für andere Städte.

"Ein Standort wird dann stark, wenn alle Akteure zusammenarbeiten. Das gelingt häufig wegen unterschiedlicher Interessen nicht. Dass in Dresden alle an einem Strang ziehen und sich ein gemeinsamer Pioniergeist entwickelt hat, ist maßgeblich das Ergebnis des Wirkens von Hans Müller-Steinhagen als Moderator, Motivator und Netzwerker", sagt Frank Ziegele, Geschäftsführer des CHE Centrum für Hochschulentwicklung. Das CHE und die ZEIT zeichnen Hans Müller-Steinhagen für seine Leistungen als "Hochschulmanager des Jahres 2014" aus. "Hans Müller-Steinhagen ist ein Visionär mit Bodenhaftung", sagt Ziegele. Führungspersonen an Hochschulen und auch anderswo seien oft in Gefahr, entweder strategisch abzuheben oder sich in der Umsetzung zu verzetteln. "Er aber schafft es, die Balance zu halten, Ziele zu definieren und diese im Team mit klar verteilten Rollen gemeinsam umzusetzen. Der Erfolg in der Exzellenzinitiative beweist, dass dieses Führungsmodell funktioniert", so Ziegele.

"Wenn er um etwas kämpft, das ihm wichtig ist, dann gibt er alles. Dann reißt er andere mit", sagt Gunda Röstel, die Vorsitzende des Hochschulrats der TUD, ehemalige Bundessprecherin der Grünen und heute Geschäftsführerin der Stadtentwässerung Dresden. Im Alltag allerdings wirkt Hans Müller-Steinhagen auf den ersten Blick weniger mitreißend als ziemlich rastlos und diszipliniert. Er selbst bezeichnet seinen Führungsstil als "motivierend, teamorientiert, strategisch". Kritiker würden sagen, er sei fordernd, ungeduldig und perfektionistisch. Alles trifft zu.

Das lässt sich gut beobachten an einem Mittwochmorgen Anfang November in Dresden, im Rektorat der TU. Es ist in jener alten Villa untergebracht, die früher einmal ein Burschenschaftshaus war. An den Wänden hängen noch Kacheln mit singenden, saufenden und sich schlagenden Studenten. Die Kacheln stehen unter Denkmalschutz. Im ehemaligen Paukboden sitzt Hans Müller-Steinhagen mit sechs Mitarbeitern um einen Tisch und bespricht die vorgezogene Neubesetzung einer Professur. Heute wird in diesem Raum nicht mehr geschlagen, sondern gefeilscht. Es wird nicht mehr um Ehre gefochten, sondern um Geld, Personal und Quadratmeter. Es geht um die Nutzung von Laboren, Stühlen, Beamern, um Befristung, Umschichtung, Verbeamtung.

Vor allem geht es um: Geld. Geld, das fehlt. Die TU hat zwar in der letzten Runde der Exzellenzinitiative deutschlandweit die meisten Fördergelder abgeräumt, insgesamt knapp 135 Millionen, verteilt über fünf Jahre. Aber die Mittel sind zweckgebunden und befristet. Nicht alle Fächer profitieren davon. Und hinzu kommt: Sachsen gibt pro Student deutlich weniger aus als andere Bundesländer.