Die Kunst und das Leben, vor allem das Kino und das Leben: eine unzertrennliche Einheit, ein gemeinsamer Kosmos. In ihm finden sich zwei Kollegen einer Filmverleihfirma in Holborn. Sie laufen durch die Londoner Straßen und Parks, abends nach der Arbeit, wenn die Schaufenster in der Sicilian Avenue schon grell leuchten. Spaziergänge durch die englische Hauptstadt der Millenniumsjahre, als in den Pubs noch geraucht wurde und in den Vorführräumen der Kinos die letzten Rollen gewechselt wurden – bevor auch hier die Digitalisierung durchgriff. Zwei, die dabei sind, Freunde zu werden. Oliver, Betriebswirt aus Schwaben, kennt Kinoprogramme auswendig wie andere Zugfahrpläne. Er ist Cineast, seit er in Heidelberg eine Robert-Altman-Werkschau gesehen, verheiratet mit einer britischen Kunsthistorikerin, seit er ihr Auto zu Schrott gefahren hat. Mit 25 vor dem innenarchitektonischen Stildogmatismus der Eltern geflohen, mit Anfang vierzig neben einer Gendertheoretikerin aufgewacht, die leider "keine große Leserin von Romanen", keine Liebhaberin des Irrealen ist.

Und Orlando, Brite mit jüdisch-österreichischen Wurzeln, schwarz, ohne Vater aufgewachsen, der sich, bevor er anfängt zu sprechen, wie ein Dirigent mit dem rechten Arm den Einsatz gibt. Ein übermütiger Nietzsche-Leser mit fragendem Blick und offenem Herzen. Gehasst von seinem fanatischen Bruder, weil er seine schwarze Hautfarbe nicht politisch verstehen will. Bei der Preview von Dancer in the Dark haben Oliver und Orlando als Einzige geweint. Seitdem erzählen sie sich im Vorübergehen ihr Leben. Ohne Plan, ohne Absicht, detailliert berichtend und behutsam fragend. Herkunft, Kino, Liebesleben – wenn sie mehr Zeit gehabt hätten, dann wüssten sie jetzt alles voneinander.

Ulf Erdmann Ziegler, geboren 1959, hat in seinem neuen Roman Und jetzt du, Orlando! ein mitreißendes Erzähl-Arrangement erfunden, bei dem verschiedene Erinnerungssequenzen gegeneinandergeschnitten und unterschiedliche Zeitebenen aufeinander bezogen werden. Aus der Perspektive von Oliver folgt der Leser einer schnell wechselnden Szenenanordnung, ohne dass er deren genaue Taktart bestimmen könnte. Immer wieder wird die biografische Erzählung in die Topografie der Stadt eingebettet, dienen exakte Ortsbeschreibungen als Fixpunkte der Lebensgeschichte. Als er am Gordon Square diagonal über den Rasen geht, erzählt Orlando von seinen Kindertagen mit einer heroinabhängigen Mutter; als der eiserne Gullideckel auf der Kreuzung Woburn, Ecke Tavistock, unter den Autoreifen scheppert, berichtet Oliver von seiner ersten Geliebten. Das Abschreiten des Terrains als Hilfsmittel, um die eigene wildwüchsige Erinnerung einzuhegen. Zieglers Roman über zwei Freunde, die sich ihre Lebensgeschichten erlaufen, ist mit seinen raffiniert verflochtenen Erzählsträngen und ständigen Bezügen auf eine geografische Struktur mithin auch ein strudlhofstiegenartiger Stadtführer durch Londons Nebenstraßen (anders als in Heimito von Doderers Roman gibt es hier jedoch kein dramaturgisches Zentrum). Aber nicht nur das. Denn wie nach Ortsnamen sortiert Oliver seine Erinnerungen auch nach Filmszenen. Wie er damals im Pub saß, rauchend, das Whiskyglas im Kerzenlicht, "Blende zu, Blende auf". Das Gespräch über ein neues Auto mit der Geliebten, genau wie in Masculin Féminin von Godard. Die Szene mit seiner Schwester im Ferienhaus, wie in Nobody’s Fool, wenn Melanie Griffith ihren Pullover für Paul Newman hochhebt. Zu jedem realen Moment passt eine Filmszene. Kino und Leben verschwimmen, bedingen sich wechselseitig. Was zuerst kam, ist längst nicht mehr auszumachen.

Auf diese Weise präsentiert Ziegler immer wieder kleine Exkurse durch die neuere Filmgeschichte, nie bildungshuberisch, sondern immer emphatisch überzeugend. Überhaupt bleibt sein Tonfall auf besondere Weise ausgewogen, nimmt mitunter durchaus die sentimental-melancholische Stimmung des Erzählers auf, driftet dabei aber nie ins Süßlich-Nostalgische ab, sondern wechselt sogleich wieder ins lässig Kolloquiale. Zieglers Erzählweise ist im besten Sinne antiquarisch, liebevoll sammelnd. Auf den Buchseiten schieben sich die Erinnerungen seiner Protagonisten übereinander wie vom Herbststurm getriebene Ahornblätter an einer Autoscheibe: "Wir machten einige Schritte bis zur Ecke, und das ist doch wahr, Orlando, wir wurden empfangen von all diesen Menschen, die in der Seitenstraße, vor dem großen Fenster, draußen tranken und rauchten, eine Versammlung von Menschen, die in der Zukunft lebten. Du jedenfalls hast mir in die Augen gesehen und gesagt: Es kann sein, dass eine Zeit kommen wird, in der wir um das Kino weinen werden. Eine Liebe, ergänzte ich, schwankend, die uns genommen werden wird von irgendeiner Gewalt, die wir nicht haben kommen sehen."

Es sind Erinnerungen an ein Damals, das nur ein Jahrzehnt zurückliegt und das uns doch schon wie lange vergangen vorkommt. Nicht nur, weil im Radio noch Take That lief, sondern vor allem, weil hier das Kino noch geholfen hat: als "Sitz im Leben", von dem aus man alle Unglücke einordnen, alle Siege feiern konnte. Das Kino als Metapher für Freundschaft und Beistand. Und jetzt du, Orlando! ist deswegen am Ende nicht zuletzt auch ein energischer Aufruf an alle Heimkinogucker und Alleinstreamer: Wer nicht ins Kino geht, wird keine Freunde finden. Und die Welt nicht verstehen.