Pro: Der Schüler Felix Finkbeiner wünscht sich ein Wahlrecht ohne Mindestalter

Beim TV-Kanzlerduell im September 2013 zwischen Peer Steinbrück und Angela Merkel fiel das Wort "Klima" nicht ein einziges Mal. Dabei sehen drei Viertel aller Kinder und Jugendlichen in Deutschland im Klimawandel und der weltweiten Armut die beiden größten Herausforderungen der Menschheit, so die Ergebnisse einer Studie der Bertelsmann-Stiftung aus dem Jahr 2009 und der Shell Jugendstudie von 2010. Allerdings werden schon im Jahr 2020 die über 60-Jährigen ein Drittel der Bevölkerung ausmachen und wir Jugendlichen ein Sechstel. 1960 war das Verhältnis noch umgekehrt. Mit dieser demografischen Verschiebung wächst die Gefahr, dass immer mehr ältere Menschen die Themen der politischen Agenda bestimmen – und zwar auf eine Weise, die nicht unbedingt zukunftsorientiert wäre. Konkret hätten wir Jungen nach der Bundestagswahl die vielen Milliarden Euro, die wir ohnehin einmal zurückzahlen müssen, lieber in die Energiewende investiert und weniger in eine Rentenreform.

Im Grundgesetz steht: "Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus." 14 Millionen Deutsche aber sind vom Wahlrecht ausgeschlossen – nur weil sie nicht volljährig sind. Dieser Zustand ist nicht haltbar. Deshalb haben wir Jugendlichen von der Initiative Plant-for-the-Planet die Bundestagswahl angefochten und im Juli 2014 Beschwerde beim Bundesverfassungsgericht eingereicht. Wir fordern ein Wahlrecht ohne Mindestalter. Jeder Mensch sollte sein Wahlrecht ausüben dürfen, sobald er es kann und möchte – unabhängig vom Geburtstag. Es könnte weiterhin eine reguläre Altersgrenze von 16 oder 14 Jahren gelten, von der an man offiziell zur Wahl geladen wird. Wer schon früher wählen möchte, sollte sich im Rathaus ins Wählerverzeichnis eintragen können. Verantwortungsvolles politisches Bewusstsein und Urteilsvermögen kann schon ab zwölf Jahren entwickelt sein.

An unserer Plant-for-the-Planet-Initiative nehmen allein in Deutschland über 8.700 Kinder teil, wir pflanzen Bäume, sind im Schnitt zwölf Jahre alt und schon seit mehreren Jahren politisch aktiv, dürfen aber erst in sechs Jahren wählen. Wie attraktiv ist das denn? Wenn ein junger Mensch in seinem Gemeinwesen mitentscheiden möchte, sollte ihn kein Gesetz der Welt davon abhalten. Auch bei Erwachsenen fragt schließlich niemand, ob sie wählen wollen oder nicht. Ebenso wenig käme jemand auf die Idee, das Demonstrationsrecht abzuschaffen oder einzuschränken, bloß weil nur eine Minderheit es nutzen möchte. Das Demonstrationsrecht gilt übrigens ab null Jahren.

Die Befürchtung, dass junge Menschen besonders stark zu extremen Parteien neigen, ist unbegründet, wie das Projekt U18 zeigt, eine Alternativwahl, die an Schulen und in Jugendtreffs angeboten wird. Auch die Frage, ob sich Kinder gut genug mit Politik auskennen, kann kein legitimer Einwand gegen das Wahlrecht für Jüngere sein. Denn in einer Demokratie darf es keine Wissenstests geben. Das Wort "Wahlreife" ist nirgends definiert und wird bei niemandem geprüft, sei er nun 30, 60 oder 90 Jahre alt. Wir brauchen eine neue Kultur der Jugendpartizipation. Kinder nicht an die Macht, aber faire Mitspracherechte. Denn nur wer wählt, der zählt.

Felix Finkbeiner, 17, Schüler an der Internationalen Schule in Starnberg. Er engagiert sich vielfach politisch, vor allem für Klimagerechtigkeit.