Deutschland wird zur Rentnerrepublik: "Die Alten haben die Macht. Ihre Zahl steigt, sie haben Geld, und sie verfügen über jahrzehntelang gewachsene Netzwerke, mit denen sie ihre Interessen durchsetzen. Politiker können daher gar nicht anders, als sich dem Willen dieser wichtigen Wählergruppe zu beugen."

Fast ein Jahr ist vergangen, seit in vielen Talkrunden solche Sätze fielen. In den damals laufenden Koalitionsgesprächen setzten Union und SPD mit der Rente ab 63 und der Mütterrente Projekte durch, die nur für ihre jeweiligen älteren Stammwähler wichtig waren. Es schien plötzlich ausgemacht: Regierungen von alternden Demokratien investieren zwangsläufig zu viel in die Gegenwart und zu wenig in die Zukunft.

Eine neue, groß angelegte und bisher unveröffentlichte Untersuchung weist nun in eine andere Richtung. Die Politik hat demnach doch mehr Möglichkeiten als gedacht. Denn nicht etwa die Alten, sondern vor allem die Jungen honorieren eine kurzatmige, an den Bedürfnissen des Augenblicks ausgerichtete Politik. Für Ältere sind langfristige politische Prägungen und Bindungen an Parteien wichtiger.

"Jüngere treffen ihre Entscheidungen pragmatischer, themenspezifischer und situationsabhängiger", heißt es in dem Bericht im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung. Es gelte das Motto: "Wahl-O-Mat statt Weltanschauung". Jüngere seien daher auch anfälliger für Geldgeschenke. Die Bertelsmann-Stiftung hatte das Rheingold-Institut in Köln und das Institut für Demoskopie Allensbach gebeten, das Wahlverhalten und die Erwartungen von Älteren und Jüngeren zu untersuchen. Sie kombinierten zweistündige Interviews mit 54 ausgewählten Teilnehmern und eine Umfrage bei 1.600 Wählern verschiedenen Alters.

Dabei kam heraus: Die Wahrnehmung außen- und sicherheitspolitischer Krisen und das Gefühl der Überforderung durch eine zunehmende politische Komplexität verstärkt in allen Generationen die Gegenwartsorientierung. Bei den Jüngeren ist sie allerdings stärker ausgeprägt. "Politische Weltanschauungen und klare Leitbilder führen bei vielen Menschen zu einer stärkeren Zukunftsorientierung ihrer politischen Entscheidungen und Präferenzen", schreiben die Autoren der Studie. Sie nennen solche Leitbilder "kognitive Landkarten" und behaupten, diese erleichterten "die Vermessung der Zukunft".

Solche klaren Orientierungen seien bei Jüngeren generell seltener, heißt es in dem Bericht. Vor allem Eltern – das ist vermutlich das überraschendste Ergebnis – wünschten sich eine schnelle Lösung praktischer Probleme in der Gegenwart und wählten entsprechend. Auch Grünen-Stammwähler mit kleinen Kindern stimmten deshalb für einen CDU-Bürgermeister, wenn der die Kinderbetreuung ausbaue.

Normalerweise wird Eltern unterstellt, sie wünschten sich eine nachhaltige, auf langfristigen Wohlstand ausgerichtete Politik, die nicht nur ihnen selbst, sondern auch der Generation ihrer Kinder nützt. Vertreter verschiedener Parteien fordern deshalb sogar zusätzliche Wählerstimmen für Väter und Mütter, in Gestalt des sogenannten Elternwahlrechts. Auch die Auftraggeber aus der Bertelsmann-Stiftung fanden die Idee ursprünglich interessant. Doch die Untersuchung zeichnet ein gemischtes Bild: Zwar sagen insbesondere Eltern kleiner Kinder, die Politik solle sich stärker an Zukunftsproblemen orientieren. Noch dringender aber wünschen sie sich spürbare Hilfe in der Gegenwart. Und für ihre Wahlentscheidung ausschlaggebend waren am Ende konkrete Versprechen. Erst wenn die Kinder älter werden, ändern sich die Prioritäten wieder. Ein Elternwahlrecht würde die Kurzatmigkeit der Politik also nicht abschwächen, sondern verstärken.

So zwiegespalten wie die Eltern sind nach dem Generationen-Bericht auch die meisten anderen. Vertreter aller Altersgruppen wünschen sich grundsätzlich eine stärkere Zukunftsorientierung der Politik. Das Verlangen nach langfristiger Stabilität und Sicherheit sei groß. Der Politik werde vorgeworfen, dass sie sich zu sehr am nächsten Wahltermin orientiere: "Der Rückzug in die Gegenwart verstärkt offensichtlich bei vielen Menschen das schlechte Gewissen über die Vernachlässigung der Zukunft." Doch als Wähler honorieren sie nachhaltige Politik nur manchmal. Worte und Taten der Wähler fallen oft auseinander.

Das Ergebnis der Interviews hat die Auftraggeber überrascht. Auch in der Bertelsmann-Stiftung fand man die Annahme plausibel, dass alternde Gesellschaften zwangsläufig generell zu wenig in die Zukunft investieren.

Dabei gibt es durchaus andere Forscher, die diese These bestreiten. Demografieexperten verweisen auf die Wahlergebnisse in amerikanischen Bundesstaaten wie Florida, in denen viele Rentner leben und in denen mal die Demokraten und mal die Republikaner gewinnen. Ginge es immer nur nach den materiellen Interessen der Rentner, müssten eigentlich die Demokraten häufiger vorne liegen. Schließlich wollen die mehr in Gesundheitsversorgung für Ältere investieren.

Auch die vermeintliche Macht der Rentner wird sehr unterschiedlich beurteilt. Der verstorbene Publizist Frank Schirrmacher, der mit seinem Demografie-Buch Das Methusalem-Komplott weltweit Millionen Leser erreichte, unterstellte beispielsweise eine Herrschaft der Jungen in alten Gesellschaften. Dann gibt es schließlich auch noch die Auffassung, dass die Alten der Zukunft sich anders verhalten als die Rentner von heute, die politisch stärker gebunden sind.

Die Autoren der Studie machen keine unmittelbaren Vorschläge, wie sich Politiker in alternden Gesellschaften verhalten sollen. Aber es wird deutlich, dass sie Rentenerhöhungen nur empfehlen würden, wenn sie sachlich geboten sind. Wahlgeschenke für Alte sorgen nicht nur für schlechte Stimmung bei denen, die bezahlen müssen – sie bewirken auch wenig.