Mithilfe seiner eigenen Ethikkommission wollte der Weltfußballverband Fifa klären, ob bei der Vergabe der Weltmeisterschaften an Russland (2018) und Katar (2022) Korruption im Spiel war. Die Leitung der Ermittlungen übernahm der US-Amerikaner Michael Garcia; der ehemalige Staatsanwalt gilt als exzellenter Aufklärer, der Terroristen, Mafiosi und Wall-Street-Schurken überführt hat. Geleitet wurde die Kommission von Hans-Joachim Eckert, im Hauptberuf Richter am Landgericht München. Am vergangenen Donnerstag veröffentlichte er seinen 42-seitigen Abschlussbericht: Korruption könne nicht nachgewiesen werden. Kurz darauf attackierte Garcia seinen Kollegen scharf: Der Bericht enthalte "zahlreiche unvollständige und fehlerhafte Darstellungen der Tatsachen und Schlussfolgerungen". Der Kampf um Glaubwürdigkeit mündete für die Fifa in einem PR-Desaster. Hier stellt sich der Kommunikationschef der Fifa den Vorwürfen.

DIE ZEIT: Seit Tagen zermürben sich die Verantwortlichen der Ethikkommission in Superzeitlupe, der Versuch einer Kontrolle der Fifa durch sich selbst ist gescheitert. Statt Transparenz zu schaffen, verspielen Sie die Chance, etwas zu signalisieren, das Sie nie hatten: Glaubwürdigkeit und Vertrauen. Wie erklären Sie sich den GAU der letzten Tage?

Walter De Gregorio: Die Sachdiskussion ist längst einer emotional geladenen und politisierten Diskussion gewichen. Das zeigt auch Ihre Suggestivfrage: "Nie hatten".

ZEIT: Was meinen Sie damit genau?

De Gregorio: Dieselben Leute, die die Unabhängigkeit der Ethikkommission in Zweifel ziehen, verlangen nun, dass die Fifa den kompletten Ermittlungsbericht publiziert.

ZEIT: Was ist daran falsch?

De Gregorio: Entweder ist man für die Unabhängigkeit der Ethikkommission und akzeptiert die Unzulänglichkeiten, die sich daraus für uns ergeben. Oder man verzichtet auf die Unabhängigkeit und verlangt, dass die Fifa eingreift. Beides zu fordern ist intellektuell unredlich, um es freundlich auszudrücken.

ZEIT: Der ehemalige DFB-Präsident Theo Zwanziger, Mitglied des Exekutivkomitees, sagt, nur mit einer Veröffentlichung könne die "Glaubwürdigkeit" der Ethikkommission wiederhergestellt werden. Noch mal: Werden Sie die Untersuchungsergebnisse auf keinen Fall veröffentlichen lassen?

De Gregorio: Es gibt gute Gründe, den Bericht zu veröffentlichen, unter anderem jenen, den Theo Zwanziger angesprochen hat. Aber es gibt nun mal entscheidende Gründe, die dagegen sprechen. Es ist die oberste Aufgabe und die Pflicht des Fifa-Präsidenten, die Einhaltung der Statuten zu sichern. Ihm sind die Hände gebunden, und dafür kassiert er mal wieder mediale Prügel. Übrigens von Leuten, die es besser wissen müssten.

ZEIT: Wen meinen Sie?

De Gregorio: Wenn der Antikorruptionsexperte Mark Pieth in der Neuen Zürcher Zeitung verlangt, man müsse einen Weg finden, den Bericht zu leaken, ist das eine erstaunliche Aussage: Es ist genau der Artikel 36 unseres Ethikcodes, der die Fifa und ihren Präsidenten daran hindert, den Bericht zu veröffentlichen. Dieser wurde von Pieth selbst federführend ausgearbeitet! Den Untersuchungsbericht von Michael Garcia besitzen genau vier Personen: Garcia selbst, sein Stellvertreter, Hans-Joachim Eckert und dessen Stellvertreter. Weder der Fifa-Präsident noch das Fifa-Exekutivkomitee haben Zugriff auf den Bericht. Eine Veröffentlichung könnte massive rechtliche Konsequenzen für die Fifa haben, da jeder der befragten Zeugen Aussagen nur machte mit der Zusicherung, dass Informationen vertraulich behandelt werden.

ZEIT: Warum haben Sie sich nicht wie andere Unternehmen bei Korruptionsermittlungen eine einheitliche Kommunikationsstrategie überlegt?

De Gregorio: Weil ich als Kommunikationschef der Fifa keinen Einfluss auf die Kommunikation der Vorsitzenden der Ethikkammern habe. Oft erfahre ich erst aus den Medien, wer was gesagt hat. Das ist, im Sinne einer klaren Kommunikation, eine fantastische Herausforderung.

ZEIT: Werden Sie nun die Vorwürfe des Chefermittlers prüfen lassen?

De Gregorio: Garcia kann gegen Einzelpersonen ein Strafverfahren beantragen. Geht Eckert auf den Antrag ein, wird er sich der Sache annehmen und aufgrund der Beweislage, die er von Garcia erhält, ein Urteil fällen. Daran werden wir ihn nicht hindern, weil wir dies nicht können. Gut möglich, dass Eckert weitere Nachforschungen verlangt.

ZEIT: Der Ermittler Garcia hat das Statement des Richters Eckert vor dem Fifa-Berufungskomitee angefochten, das FBI hat die Ermittlungen ausgedehnt. Überrascht Sie das?

De Gregorio: Ich bin kein Jurist, aber ich bezweifle, dass ein Statement angefochten werden kann. Dies ist nur bei Urteilen möglich, was der Bericht von Eckert nicht ist. Das Berufungskomitee wird diese Frage beantworten müssen. Allgemein gesprochen: Nein, persönlich überrascht mich nichts.

ZEIT: Verstehen Sie die generellen Zweifel an der Unabhängigkeit der Ethikkommission, die von der Fifa beauftragt und bezahlt wird?

De Gregorio: Wer hätte denn, wenn nicht die Fifa, für diese Arbeit aufkommen sollen? Der Steuerzahler? Die Integrität von Hans-Joachim Eckert zu hinterfragen finde ich ein abenteuerliches Unterfangen, nebenbei gesagt.

ZEIT: Können Sie bestätigen, dass in dem Bericht auch Franz Beckenbauer auftaucht, der im Visier der Fifa-Ermittler stehen soll, weil er im Oktober 2009 nach Katar reiste, um das Land zur Aufgabe seiner Bewerbung zu bewegen?

De Gregorio: Nein, kann ich aus besagten Gründen nicht: Die Fifa hat den Bericht von Garcia nicht. Außer Eckerts Zwischenbericht, der publiziert ist, haben wir keine Informationen.