Dass eine Wiener Schule ihr 40-jähriges Bestehen feiert, ist an sich nichts Besonderes – ein paar Reden, eine Lehrer-Band, die zum allgemeinen Gaudium einige schräge Nummern zum Besten gibt, ein von einem Sozialprojekt zubereitetes Büfett, mit der Bitte um angemessene Spenden. So weit, so normal.

Doch die Schule in der Anton-Krieger-Gasse am südlichen Stadtrand von Wien ist keine gewöhnliche Bildungsstätte. Offiziell firmiert sie unter der Bezeichnung "Mittelschule, Realgymnasium und Oberstufenrealgymnasium". Doch hinter den sperrigen, offiziösen Namen steckt ein Unikum der österreichischen Bildungslandschaft, eine fast subversive Einrichtung: Nämlich die einzige echte Gesamtschule des Landes und – zumindest für die SPÖ – der Prototyp einer zukünftigen Sekundarschule.

Wie die Laborschule der Universität Bielefeld in Deutschland, in der neue Formen des Lehrens und Lernens erprobt werden, oder die Londoner Holland Park School nimmt die nach ihrer Adresse benannte Schule antonkriegergasse (AKG) im nationalen Bildungsdiskurs eine Sonderstellung ein. Beacon schools werden diese Einrichtungen genannt, Leuchtturmschulen, welche die gute gesamtschulische Praxis weithin sichtbar machen sollen und die – nolens volens – ein Stachel im Fleisch des zu müder Routine tendierenden Regelschulsystems sind.

Für Schuldirektor Michel Fleck ist das korporative Selbstverständnis der AKG der Beweis dafür, dass sich "eine Schülerschaft, die im Hinblick auf Herkunft, Begabung und Interessen so heterogen ist wie die österreichische Bevölkerung insgesamt, mit gutem Gewissen innerhalb einer gemeinsamen Sekundarstufe begabungsgerecht gefördert werden kann".

Fleck findet es "nicht fair", die Qualität einer Schule damit zu erkaufen, dass sie nur gute Schüler aus sogenannten bildungsnahen Familien aufnimmt und den Rest den anderen Schulen überlässt. "Wir halten das für eine weder pädagogisch noch demokratisch zu rechtfertigende schulische Apartheid", sagt Fleck

Eigentlich dürfte es die AKG überhaupt nicht geben. Als vor über vier Jahrzehnten auf einer Baustelle im Wiener Bezirk Liesing eine Tafel mit der Inschrift "Neubau einer Integrierten Gesamtschule" aufgestellt wurde, machte sich unter konservativen Bildungspolitikern helle Aufregung breit. Hier würden Grenzen und Gesetze überschritten, hieß es. Es könne nämlich bloß eine Allgemeinbildende Höhere Schule oder eine Hauptschule gebaut werden, die als Gesamtschulversuch zu führen sei.

Aber der Wiener Stadtschulrat beharrte auf dem Experiment und ließ sich durch diese Einwände nicht beirren. Denn die Gründung der AKG im Jahr 1974 fiel in die Zeit des bildungspolitischen und reformpädagogischen Post-1968er-Aufbruchs, als auch in Deutschland die erste Generation von Gesamtschulen entstand.

Von den etwa 120 Gesamtschulversuchen, die von 1970 bis 1986 in Österreich unternommen wurden, war die AKG die einzige echte Gesamtschule mit Schülern aus dem gesamten Begabungsspektrum und einer gymnasialen Lehrerschaft. Als den Gesamtschulversuchen in den 1980er Jahren trotz positiver Evaluierung die erforderliche parlamentarische Zustimmung entzogen wurde, blieb der AKG als einziger das Schicksal der anderen erspart. Während diese in Hauptschulen zurückverwandelt wurden, konnte sich die AKG ihren Sonderstatus als innovative Modellschule bewahren.

Die Schule falsifiziert eine Reihe schulorganisatorischer Mythen. So etwa die Notwendigkeit der Auslese der AHS-Schülerschaft im Alter von zehn Jahren und die Sinnhaftigkeit der achtjährigen gymnasialen Langform. Ihre Unterstufe wird als "Wiener Mittelschule" nach dem Lehrplan eines Realgymnasiums geführt und rekrutiert absichtlich eine heterogene Schülerschaft, die das ganze Spektrum von sozialer Herkunft und Begabung umfasst.

Jedes Jahr werden etwa 25 Prozent Erstklässler aufgenommen, denen in den Volksschulen nicht die Gymnasialreife zuerkannt wurde. Zudem hat die AKG ihren fairen Anteil an Kindern mit nichtdeutscher Muttersprache, und sie praktiziert Inklusion, indem sie auch für Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf geöffnet ist.

"Der Verzicht auf elitäres Gehabe und auf pseudohumanistische Prätentionen hat unserer Schule nicht geschadet, ganz im Gegenteil", sagt Brigitte Bannert, eine langjährige Lateinlehrerin der Schule. "Die Zahl der Bewerber übersteigt die Schulplätze um ein Vielfaches. Unser Einzugsgebiet umfasst nicht bloß ganz Wien, sondern reicht weit in das niederösterreichische Umland hinein."