Drei Erlbrüche in einem Jahr? Das ist üppig angesichts der rar gewordenen Veröffentlichungen des genialen Bilderkünstlers. Wolf Erlbruch nimmt sich die Freiheit, nur Bücher zu machen, die auch ihm gut gefallen. Das ist schön für uns, denn es verspricht immer Besonderes aus seiner Malerwerkstatt. Es bedeutet aber auch, dass mitunter Jahre vergehen, in denen wir nichts Neues von ihm sehen.

Fast nichts jedenfalls, denn seinen Kinderzimmerkalender fertigt Erlbruch in jedem Jahr und stets zu einem Thema. Geschwister lautet es für 2015. Erzählt wird in zwölf Bildern von kleinen Eifersüchteleien und großen Glücksmomenten, vom Bergsteigen und Eisessen, von Streit und Versöhnung, von der kindlichen Freude am Platschen in Regenpfützen. Alle Gefühlslagen sind vertreten in diesen großformatigen Kalendergeschichten, die einen locker durch die zwölf Monate tragen.

Neben dem Begleiter fürs kommende Jahr hat Erlbruch zudem zwei Bilderbücher veröffentlicht. Bücher, die unterschiedlicher nicht sein könnten und dabei jedes auf seine Weise faszinieren.

Schon wieder was!, so der lapidare Titel des einen. Eines Gedichtbands von Jürg Schubiger, dem philosophierenden Menschenfreund und vielfach ausgezeichneten Schweizer Schriftsteller, der vor wenigen Wochen 77-jährig gestorben ist. Schubiger erzählt in kurzen Versen Tierisches und Rätselhaftes, Skurriles und Lustiges: von einer Fee, die im Wald mit einem Bären lebt. Einem Zwerg, der durch dreimal Niesen zum Riesen wird. Von der Spitzmaus und der Stumpfmaus, dem Meerschwein und der Meermaus. Dem Puppenfresserbiest, das Teddybären mag, aber Kinder verschmäht.

Es sind Gedichte mit eigenwilligem Charme und überraschenden Wendungen, in denen sich Poesie und Träumerei wunderbar vereinen: "Was ist denn das?" – "Die Frau Radau. / Sie brüllt Juchee! / Sie schreit O weh! / Sie lacht, dass es kracht. / Sie schnarcht bei Nacht. / Ihr Hund heißt Wau, / ihre Katze Miau, / die Frau heißt Frau Radau."

Wolf Erlbruch stellt diesem Gedicht eine voluminöse Frau in rotem Kleid mit Duttfrisur zur Seite. Die Hände auf die ausladenden Hüften gestemmt, ein Bein locker zur Seite gestreckt, und der Mund, ach der Mund könnte trotz Zahnlücken herzhafter nicht lachen. Man hört sie förmlich, die dicke Dame, die vor purer Lebensfreude nahezu platzt. Erlbruch und Schubiger – hier haben sich zwei Große gefunden und ideal ergänzt: Der eine gibt das Wort, der andere kontert im Bild.

Anders das zweite Buch, Der Bär, der nicht da war von Oren Lavie, einem in Tel Aviv lebenden Komponisten, Musiker und Theaterschriftsteller. In seinem Prosadebüt hat sich der 37-Jährige eine Selbstfindungsgeschichte vorgenommen. Ob Pu der Bär oder Der Wind in den Weiden Pate gestanden haben, sei dahingestellt, und es ist auch nicht wichtig – der Bär als solcher in seiner freundlich-behäbigen Art ist ein beliebter Geselle in der Kinderliteratur für die großen Fragen des Lebens.

Dieser ist "ein sehr positiver Bär". Auf seinem Weg durch den dichten Wald begegnen ihm ein "bequemes Bergrind" und ein "saumseliger Salamander" (Formulierungen, in denen die Kunst des Übersetzers Harry Rowohlt aufblitzt), die ihm freundschaftlich zu der Erkenntnis verhelfen, dass er ein "sehr netter Bär" ist. Er trifft weiter auf den strengen "vorletzten Vorzeige-Pinguin", der ihm zwar nichts zu denken übrig lässt, ihn aber nicht an der Einsicht hindern kann, dass er ein "glücklicher Bär" und es besser ist, "Blumen zu riechen, als sie zu zählen". Er begegnet dem "trägen Schildkröten-Taxi", mit dem er geradeaus fährt, weil, wie die Schildkröte weiß: "Heutzutage scheint da jeder hinzufahren." Dass sich die beiden auf dem Weg durch den Lebensdschungel verfranzen, gehört natürlich zu einer gründlichen Ich-Suche. Ebenso wie der Schluss, wenn der Bär zu Hause ankommt und vor seinem Spiegelbild erkennt, dass er nicht nur "sehr hübsch" ist, sondern auch er selbst.

So weit die Geschichte, die mitunter etwas forciert kinderphilosophisch und selbstverliebt daherkommt. Getragen wird sie allemal durch die opulenten Bildtafeln, die für Erlbruchs Maßstäbe verblüffend sind. Er schickt seinen Schwarzbären mit grauer Schnauze und roten Lippen gut gelaunt durch ein wucherndes, grün glühendes Labyrinth aus Bäumen und Gehölz, Farnen und Blättern. Zum ersten Mal hat der Künstler durchgängig mit dem digitalen Pinsel gearbeitet, was dem Betrachter geradezu eine Urwaldexplosion beschert. Die neue Bildästhetik, die Erlbruch in diesem Buch zeigt, steht dem alten Anspruch auf Klarheit in nichts nach. Und selbstverständlich findet sich hie und da noch das typische Erlbruch-Inventar – ein Fermob-Möbel im Bärenhaus, das karierte Käppi der Taxi-Schildkröte.

Zwei schöne Bücher also. Das eine gedichtet von einem Schriftsteller, der nie streng zwischen Kinder- und Erwachsenenliteratur unterschied, dem es vielmehr darum ging, "in der richtigen Landschaft zu sein", wie Jürg Schubiger einmal sagte. Das andere geschrieben von einem Mann, der um die großen Fragen des Daseins weiß, aber seinen Weg als Autor noch sucht. Beiden gemeinsam ist, neben den schönen Bildern von Wolf Erlbruch, die Gewissheit, dass sich der größte Gewinn aus ihnen ziehen lässt, wenn Kinder und Erwachsene sie gemeinsam betrachten, miteinander philosophieren – und träumen.