Ambivalenz, das Wort steht nun im Raum, soll alles erklären und vermag es nicht. Ambivalenz, darüber reden nun alle, hinterfragen sie, beschreiben sie und ringen darum, wie die Ambivalenz in einem Menschen so mächtig werden kann. Zwischen Hass und Liebe. Zwischen Elend und Überschwang. Zwischen Gewalt und Fürsorge.

Und wie es sein konnte, dass zuletzt das Elend übermächtig war, die Gewalt. Und der Hass.

"Aus psychiatrischer Sicht ist eine starke Ambivalenz festzuhalten", sagt der psychiatrische Sachverständige Jochen Brack vergangene Woche in Saal 237 des Hamburger Landgerichts über die Angeklagte Melek Y. "Auf der einen Seite dominiert bei Frau Y. das Wunschbild einer intakten Familie und auf der anderen Seite die Vorstellung, dass die Tochter für alles verantwortlich ist, schuldig ist." Schuldig war. Die Tochter, Yagmur, starb am 18. Dezember 2013 mit nur drei Jahren. Totgeschlagen von der eigenen Mutter, Melek Y. So jedenfalls sieht es aus.

Nun, fast ein Jahr später, ist die Stadt dabei, die Trümmer aufzuräumen, die der Tod des Mädchens in Gewissheiten gesprengt hat. Der Parlamentarische Untersuchungsausschuss, der das Versagen der Behörden aufarbeiten soll, ist beim Gezänk um den Abschlussbericht angekommen. Auch vor dem Landgericht ist der Fall auf der Zielgeraden. Die 27-jährige Melek Y. muss sich dort wegen Mordes verantworten. Der Vater des Kindes, Hüseyin Y., 26, ist angeklagt wegen Körperverletzung durch Unterlassen mit Todesfolge. Er soll sein Kind nicht geschützt haben.

"Frau Y. wirkte in der Exploration sehr kalt. Sie zeigte wenig Emotionalität und Empathie gegenüber dem, was ihre Tochter bis zum Tod erlebt haben muss", sagt der Psychiater.


Fünf Monate lang hat das Gericht Freunde und Nachbarn des Paars vorgeladen, Polizisten, Sozialarbeiter, Ärzte. Fünf Monate, in denen die Schuld schwerer und schwerer auf der Mutter lastete, in denen Zeugen von ihrer Unehrlichkeit berichteten, ihrer Aggression, ihrer Unzuverlässigkeit. Fünf Monate, in denen der Verdacht gegen Melek Y. ins Gigantische wuchs. Zuerst hatte er sich nur auf einen WhatsApp-Chat gestützt. "Ich versuche, Yagmur zu schützen", hat Hüseyin Y. seiner Frau geschrieben. Sie antwortete: "Sag denen nicht, dass ich mein Kind schlage." Das war kurz vor Yagmurs Tod.

Jetzt, am Ende der Beweisaufnahme, sagt der psychiatrische Sachverständige: "Ich konnte keine inhaltliche Denkstörung in Form eines Wahngedankens feststellen." Auch keine Depression. Keine psychischen Erkrankungen im klassischen Sinne. Und damit: keine Hinweise auf eine verminderte Schuldfähigkeit bei Melek Y.

Sondern: "eine Ambivalenz zwischen Überschwang und Hass". Eine emotionale Bindungsstörung. "Das ist eher ein psychodynamischer Erklärungsversuch als eine Diagnose", sagt er, fast entschuldigend. Es ist ein dunkles Bild, das der Gutachter von Melek Y. zeichnet – obwohl sie ihm gegenüber jede Schuld bestritten hat.

Melek Y. war 24, als die Tochter zur Welt kam, gleich danach gab sie Yagmur zu einer Pflegemutter. Schon dadurch, so der Sachverständige, habe sie "eine schwere emotionale Bindungsstörung" gezeigt. Aber Melek Y. ist ambivalent. Sie hasst ihr Kind nicht nur, sie will es auch.

In den zwei Jahren, die Yagmur bei der Pflegemutter lebt, holt Melek Y. sie immer wieder zu sich – und bringt sie mit Schrammen und Blutergüssen zurück. Einmal stellen Ärzte nach einem solchen Besuch beim Kind einen Riss in der Bauchspeicheldrüse und Schädelverletzungen fest.