Kerstin Till hatte alles geplant. Ein Innovationscenter für junge Unternehmer sollte es werden, mit Büros und Sekretärinnen. Sie hatte das Konzept erstellt, war bereit, es neben ihrer Arbeit umzusetzen. Sie hätte Überstunden dafür gemacht, ihre Chefs fanden ihren Vorschlag gut. Aber am Ende verschwand der Entwurf im Papierkorb. Till habe ja keinen Universitätsabschluss, hieß es aus der Personalabteilung. Ohne den könne sie es nicht umsetzen.

In dem Moment schien es Kerstin Till, als renne sie gegen eine Wand. Sie schüttelt immer noch fassungslos den Kopf, wenn sie heute davon erzählt: "Ich war ja nicht schlechter als meine Kollegen!" Sie war damals 37, vier Jahre lang arbeitete sie schon bei Siemens in Paderborn im IT-Management. Von der einfachen Sekretärin war sie zur Direktionsassistentin aufgestiegen. Sie betreute die Auszubildenden und Werkstudenten, war verantwortlich für 80 Kollegen. Aber sie hatte kein Abitur. An diesem Tag im Jahr 2000 wurde ihr klar: So würde sie nicht weiterkommen.

Das Gefühl, noch nicht alles erreicht zu haben, wovon sie träumen, haben viele Menschen irgendwann im Laufe ihres Berufslebens. Manche finden sich damit ab. Immer mehr aber investieren Zeit und Geld, um nicht stehen zu bleiben. Einer Studie des Bundesbildungsministeriums zufolge haben 2012 so viele Arbeitnehmer wie nie zuvor eine Weiterbildung gemacht, nämlich 49 Prozent. Zwar fällt unter dieses Stichwort alles vom VHS-Töpferkurs bis hin zum berufsbegleitenden MBA. Der Großteil der Deutschen lernt aber tatsächlich für den Job.

Die Menschen sind heute einfach länger fit als noch vor 30 Jahren, und das Rentenalter verschiebt sich nach hinten. So lohnt es sich auch mit 40 Jahren, noch einmal über den Beruf nachzudenken. Da hat man schließlich noch gut 25 Jahre im Job vor sich. Verglichen mit den meisten Berufstätigen, wagte Kerstin Till einen besonders großen Schritt: Sie fing in der Mitte des Lebens noch einmal ganz von vorn an. Dafür braucht es Mut. Und vor allem Durchhaltevermögen.

Eigentlich habe sie schon lange mit einem Studium geliebäugelt, erzählt sie in ihrem Büro in Osnabrück, einem Kellerraum in ihrem Haus, der Blick geht in den Garten. Bücherregale säumen die Wand. Till sitzt in der Sitzecke vor dem Fenster, eine dunkelblaue Strickjacke über der Bluse. Sie hat sich viel Zeit genommen an diesem Samstag, um über ihr Leben zu berichten. Das Gespräch dauert Stunden, und zwischendurch steht Till auf, holt Schnittchen und ein Schälchen Suppe.

"Ich habe einen Anstoß gebraucht, um etwas zu ändern", sagt sie. Den habe ihr die Absage aus der Personalabteilung gegeben. "Ich habe gemerkt, dass ich meine Pläne nicht verwirklichen konnte, sondern nur tat, was andere verlangten. Ich wollte mich nicht länger beschränken lassen."

Diese Einschränkung spüren vor allem Frauen. Viele, die heute in der Mitte des Lebens stehen, wurden früher bei der Berufswahl noch stark von ihren Eltern beeinflusst; die trauten ihnen womöglich weniger zu. Später ist es dann die eigene Familie, der Frauen oft alles andere unterordnen, sodass die Karriere in den Hintergrund rückt. Die Auszeit, die viele für ihre Kinder nehmen, ist jedoch oft ein zusätzlicher Anlass, den eigenen Beruf zu überdenken: Ist es der richtige? Oder wollte man nicht etwas ganz anderes machen?

Bei Kerstin Till kam eine Besonderheit in ihrer Biografie hinzu: Sie wurde 1963 in Dessau in der damaligen DDR geboren. Da ihre Familie Distanz zur Staatspartei SED hielt, wurde der Tochter der Zugang zur erweiterten Oberschule verwehrt – sie konnte deshalb gar kein Abitur machen. Wenn Till über diese Zeit redet, kommen viele Erinnerungen hoch, detailreich beschrieben. Der Friseursalon der Mutter, ein Schichtbetrieb, geöffnet von 7 bis 22 Uhr. Die Angst vor der Stasi, ihr Exfreund wurde überwacht, sie eines Nachts nach einer Party abgefangen und verhört. Die Pakete ihres West-Berliner Opas, herrlich duftend, so etwas roch sie erst Jahre später wieder bei Aldi oder in Kaufhäusern.

Ihre Karriere begann sie beim VEB Bau- und Montagekombinat, Ausbildung zur Facharbeiterin für Schreibtechnik. Till stieg auf zur Sekretärin, wechselte zur Stadtverwaltung, dann zum Getränkekombinat Dessau. Als die Mauer fiel und ihre Eltern in Richtung Kassel zogen, folgte sie ihnen, zusammen mit ihrem vier Jahre alten Sohn.

Aus der DDR war sie es gewohnt, umgehend eine Stelle zu finden. Doch im vereinigten Deutschland saß sie erst einmal beim Arbeitsamt. In dem neuen Sekretärinnenjob bei einer Firma für Textilfarben hielt sie nur drei Monate durch. Sie fühlte sich fremd unter den Kollegen, kam mit der Arbeit am Computer nicht klar. "Man kann nicht einfach von einem System ins andere wechseln", sagt sie heute.

Aufgeben gab es für sie aber nicht. Kerstin Till besuchte einen Word-Kurs an der Volkshochschule, baute sich einen Freundeskreis auf. Es dauerte, bis sie endgültig in der Bundesrepublik ankam. Aber sie wollte es schaffen – und sie schaffte es. Drei Jahre lang arbeitete sie zuerst in einem Modegeschäft. Der Job gab ihr das Selbstvertrauen zurück, das ihr seit dem Verlassen der DDR fehlte. Dann stieg sie wieder in ihren alten Beruf ein, bei Siemens in Paderborn.

"Ich weiß nicht, ob allein der Rückschlag mit dem Konzept mich dazu gebracht hätte, alles zu verändern", sagt Till. Aber unverhofft warf noch ein anderes Ereignis ihren Alltag durcheinander: Ihr neuer Partner wurde nach Hongkong an die Universität geschickt. Till hielt nichts in Ostwestfalen, sie folgte ihm. In Hongkong wohnte das Paar auf dem Campus, Till gab Deutschkurse für Studenten. Das akademische Leben gefiel ihr, und durch die Distanz wuchs in ihr die Gewissheit, dass sie auch ohne den Job bei Siemens glücklich sein konnte. "Ich war auf einmal getrennt von einem Umfeld, in dem jeder arbeiten ging und Geld verdiente", sagt sie. "Das hat mir die Entscheidung erleichtert, noch einmal zu studieren."