Sein Siegeszug ist eines der erstaunlichsten Schauspiele der Weltgeschichte: Plötzlich, nach Jahrhunderten im Schatten von Adligen und Priestern, stieg der rastlos tätige Bürger empor und wurde "herrschende Klasse", wie man bis vor einiger Zeit gesagt hätte. Kaufleute, Ärzte, Architekten, Rechtsanwälte und Unternehmer, die durch eigene und fremde Arbeit ihren Wohlstand mehrten, bekamen Macht, ebenso ihre angestellten Brüder, die Professoren, Lehrer und Beamten. Das geschah vom 17. bis zum 19. Jahrhundert, und so normal uns das heute erscheint, so ist es doch verwunderlich. "Man ist sich heute im Allgemeinen kaum dessen bewusst, was für ein einzigartiges und erstaunliches Phänomen eine ›arbeitende‹ Oberschicht darstellt", meinte der Soziologe Norbert Elias einmal. Jahrtausendelang jagte oder feierte man ganz oben lieber, ließ Paläste und Pyramiden bauen, stürzte sich in Vergnügungen oder Kriege. Heute kann man ja die Millionensaläre für CEOs beklagen – doch diese Oberschicht ackert dafür in einem bizarren Ausmaß, das Thomas Buddenbrook unbegreiflich gewesen wäre, erst recht dem prassenden Adel vergangener Epochen.

Ein Literaturwissenschaftler hat jetzt den Bürger durchleuchtet, nachdem sich Soziologen und Historiker seit Max Weber an ihm unermüdlich abgearbeitet haben. Dennoch gelingt dem 1950 geborenen, in Stanford lehrenden Franco Moretti ein aufregender Blick auf den Bourgeois. Diese im angelsächsischen Raum unübliche Bezeichnung verwendet er bewusst, denn der Spezialist für die englische Literatur des 19. Jahrhunderts kennt natürlich den Tarnnamen "middle class": Er wurde damals im Vereinigten Königreich kreiert, um die Herrschaft der neuen Klasse zu verschleiern. Sein Buch ist ein brillanter Langessay, der die Romane des bürgerlichen Zeitalters nach diesem Menschentyp absucht und viele überraschende Entdeckungen bietet. Moretti ist ein genauer Leser, er kennt sich aus im Theoriegebirge zum Bürgertum. Aber als Leiter des "Literary Lab" in Stanford, in dem sich mit statistischer Auswertung von Belletristik beschäftigt wird, kann er zudem den Bourgeois durch Datenbanken jagen. Auch nach dem Zahlenbad verraten Sprache und Stil wie immer ziemlich viel.

Über Robinson Crusoe zum Beispiel, Daniel Defoes Helden auf der einsamen Insel, der von jeher auch der Held vieler Analysen des Bürgertums war. Moretti entdeckt hier beim einsam werkelnden Insulaner eine verbenfixierte, von Nützlichkeitsdenken bestimmte Prosa: "Meine Arbeit geriet zwar nicht sehr schön, aber ihre Resultate waren doch vollkommen zweckentsprechend." Womit Crusoe Max Webers berühmtes Wort von der bürgerlichen "Zweckrationalität" perfekt verkörpert. Aber es geht letztlich – im Unterschied zum verschwenderischen Luxus des Adels – immerhin um "Komfort": selbst bei Robinson, der "keine Mühe scheute, jegliches, was zu meiner Annehmlichkeit notwendig erschien, herzurichten". Komfort, weiß Moretti, stand im Englischen seit dem 13. Jahrhundert für "körperliche Stärkung", bis es dann Ende des 17. Jahrhunderts für "Genuss" und "Wohlbefinden" steht. Über den Wandel der Sprache kann man bei Moretti viel lernen; im denkbar unluxuriösen deutschen Wort "Genussmittel" entdeckt er zum Beispiel das "mechanische Schnarren der instrumentellen Vernunft".

"Ernsthaft – das ist die Haltung der Bourgeoisie auf dem Weg zur herrschenden Klasse": Moretti zeigt den Wandel vom abenteuerlichen hin zum alltäglichen Romanstoff, begleitet vom Siegeszug der Einschübe in den Texten, lauter Wohnzimmerszenen, in denen wie auf einem Gemälde von Vermeer äußerlich nicht viel an Handlung passiert, ob in Flauberts Madame Bovary, Jane Austens Emma oder Thomas Manns Buddenbrooks. Sie passten zur "neuen Regelmäßigkeit des bürgerlichen Lebens" – bis hinein in den Satzbau stöbert Moretti und sammelt verwendete Wörter und Redeformen.

Doch es bleiben die Paradoxien des 19. Jahrhunderts, die Moretti vor allem im viktorianischen Zeitalter enthüllt: Gerade im fortschrittlichen Großbritannien gedeihen Schwärmerei und Sentimentalität, werden Fabriken im neogotischen Stil errichtet. Es ging um die verschleierte Hegemonie – symbolisch verbündete der Bürger sich mit dem Adel, was real seine Macht festigte. Und dabei waren Adjektive äußert hilfreich: aus "serious" wurde "earnest", das dem Wort "ernst" gleich eine moralische Bedeutung beigibt, das "Vermoralisieren" (Moretti) wird gängige Praxis.

An den Rändern, in Polen und Spanien, sieht alles etwas wilder aus, was nicht sonderlich überrascht. Den Schlusspunkt setzt Moretti mit einem fulminanten Kapitel über den norwegischen Dramatiker Henrik Ibsen, dessen abgründige Stücke die "unaufgelösten Dissonanzen des bürgerlichen Lebens" bieten: den realistischen Bourgeois und jenen kreativen Zerstörer, der plötzlich, gierig und bis zur Selbstvernichtung besessen vom Geld, am Ende dieses technisch-ökonomisch so erfolgreichen Jahrhunderts auftauchte. Dieser Zwiespalt wird zum unlösbaren Produkt des Bürgertums: "eine rationale und eine irrationale Form gesellschaftlicher Herrschaft".

Moretti bedauert selbst, dass er seine Untersuchung nicht über das 19. Jahrhundert hinaus fortführen konnte. Paradoxerweise beruhe der Kapitalismus heute stark auf antibürgerlichen Wertvorstellungen. Tatsächlich finden sich kaum Robinson Crusoes unter kriminell manipulierenden Investmentbankern; statt kühler Zweckrationalität herrscht dort eine Konquistadorenmentalität von Rittern und Abenteurern. Vielleicht irrte Schumpeter, als er in der Börse nur einen "armseligen Ersatz für den Heiligen Gral" sah und die kapitalistische Tätigkeit "ihrem Wesen nach unheroisch" fand?

Allerdings irrte auch Thomas Mann 1932 mit seinem Abgesang: "Der Bürger ist verloren." Denn wer sieht, wie heute die bürgerlichen Schichten in der angeblich nivellierten Mittelstandsgesellschaft alles dafür tun, damit ihre Kinder auf die besten Schulen und später sofort an teure Universitäten im Ausland gelangen, während sozialer Aufstieg kaum funktioniert, wer erlebt, wie Arbeit, Status und Besitz gerade unter den freigeistigen Kreativen zu den wichtigsten Gütern geworden sind, der braucht sich um die Zukunft des Bourgeois nicht zu sorgen. Auch wenn Franco Moretti es bestreitet: In seinem Buch steckt viel von unserer Gegenwart.