Neulich, an einem Sommerabend, wollte die Queen Mary 2 ablegen. Es ging nur nicht, weil gerade die Eleonora Maersk auf der Elbe unterwegs war, ein riesiges Containerschiff. Also musste die Queen mit ihren 2600 Passagieren, ganz unköniglich, auf die Eleonora warten, zwei Stunden lang. Das soll nicht wieder vorkommen. Und deswegen gibt es jetzt Martin Steffen.

Steffen steht vor einer Landkarte – die Elbmündung im Maßstab 1 : 100 000 – und versucht mit allen zehn Fingern, seinen Job zu erklären. Seine Finger sind jetzt Containerschiffe. Sie gleiten aufeinander zu, irgendwo zwischen Hamburg und Brunsbüttel begegnen sie sich und finden nur mit Mühe aneinander vorbei, so wie es oft eng wird, wenn man auf der Elbe unterwegs ist. Steffen arbeitet bei der Nautischen Terminal Koordination. Das neue Joint-Venture der Terminalbetreiber HHLA und Eurogate soll die Schiffsbegegnungen besser koordinieren. Und sich dabei vor allem um die ganz großen Schiffe kümmern, um Riesen wie die Queen Mary 2 und die Eleonora Maersk.

Weil sie kosteneffizienter sind, setzen die Reedereien immer größere Schiffe ein, das weiß man ja seit der Debatte um die Elbvertiefung ziemlich genau. Die Folgen sind immens. Ob in Antwerpen, New Jersey oder im Panamakanal: Überall wird gebaut, vertieft, erweitert. Und in Hamburg, wo Hafen und Großstadt ganz eng beieinanderliegen, ist das Problem besonders akut. Auf der Strecke zwischen Glückstadt und Wedel kommen zwei Schiffe nicht aneinander vorbei, falls sie zusammen breiter als 90 Meter sind. Steffen muss bei seiner Arbeit also auf die Breite der Schiffe achten. Aber nicht nur darauf: Auch der Wasserstand ist wichtig und der Tiefgang der Schiffe. Die Windstärke. Und die Situation an den Terminals, wo schon eine einzige Verspätung zu endlosen Kettenreaktionen führen kann. Und dann ist da noch die Köhlbrandbrücke. Wenn eines der Riesenschiffe unter der Brücke durchmuss, wird es richtig kompliziert. Doch dazu später.

Eigentlich trifft die Hamburger Hafenbehörde, die inzwischen Hamburg Port Authority heißt, die Entscheidungen, wer wann im Hafen fahren darf. Doch die Konflikte frühzeitig zu erkennen und zu lösen ist nicht ihre Aufgabe. Die Hafenbehörde ist eine Art Verkehrspolizist. Sie regelt das hier und jetzt, sie sagt nicht: Du, Queen Mary, darfst am Montagabend um acht raus, weil der Sommerabend dann schön sein wird und du 2600 Leute an Bord hast, die vor Blankenese den Sonnenuntergang sehen wollen, und du, Montecristo, Massengutfrachter aus Italien, wartest erst mal in der Deutschen Bucht, und außerdem kannst du, Hanjin Africa, Riese aus Korea, im Ärmelkanal langsamer fahren und Treibstoff sparen, weil die Elbe bis Dienstag sowieso dicht ist und der Burchardkai so voll wie die La-Paloma-Bar am Samstagabend.

Das Büro der Nautischen Terminal Koordination (NTK) befindet sich am Containerterminal Tollerort. Das Gebäude, ein dreifarbiger Würfel, sieht ein bisschen so aus, als hätte Piet Mondrian Sozialwohnungen gebaut. Auf derselben Etage wie die NTK arbeitet auch die Feeder Logistik Zentrale, die schon seit 2004 die kleineren Feederschiffe koordiniert. Für die HHLA, die mit 67 Prozent die Mehrheit hat, ist die NTK ein Vorzeigeprojekt. Die HHLA war in den vergangenen Jahren oft in den Schlagzeilen – meistens waren sie wenig erfreulich. Als sich im Sommer an den Terminals die Container türmten und die Lastwagen stauten, hieß es, Hamburg habe nicht nur ein Problem mit den zu großen Schiffen und der zu kleinen Elbe, sondern auch mit der HHLA, die den gestiegenen Anforderungen nicht gewachsen sei.

Fernglas, Taschenrechner, Lineal – noch muss es ohne Hightech gehen

Seither hat sich einiges getan. Bei der NTK arbeiten drei Mitarbeiter, zwei weitere werden gesucht. Steffen, blonde Haare, dünner Vollbart, 32 Jahre alt, ist gelernter Wirtschaftsingenieur. Wenn er nicht ohnehin ein Fenster zum Hafen hätte, wäre er wahrscheinlich als Shipspotter unterwegs. Algerische Gastanker findet er besonders schön und spannend, weil die so selten nach Hamburg kommen. Im Übrigen mag es Steffen bei Schiffen aber vor allem "gigantistisch, je größer desto besser".