Wenn man eine richtig gute Serie schreiben wollte, die etwas über die Großstadt erzählt, müsste sie an einem Ort spielen, an dem die großen Probleme der Gesellschaft aufeinanderprallen. Das Flüchtlingsproblem, die Frage, ob man Drogen legalisieren sollte, die Angst vor Gentrifizierung, die Debatte Freiheit versus öffentliche Sicherheit. Ein Ort, an dem all das wie unter einem Brennglas sichtbar wird. Man müsste sich diesen Ort gar nicht ausdenken. Man könnte einfach hinfahren: in den Görlitzer Park in Berlin-Kreuzberg. 1.000 Meter lang, 200 Meter breit. Ziemlich wenig Platz für ziemlich große Fragen.

Eine Idylle war er nie, der Park, sagt Lorenz Rollhäuser. Immer umstritten, seit die Brache des alten Görlitzer Bahnhofs begrünt wurde. Irgendwas war immer: zu viele Hunde, zu viele Griller, zu viele Partys. Und jetzt: zu viele Dealer.

Es ist Samstagmittag. Rollhäuser, 61, läuft durch den Park. Ungefähr 60 Dealer, fast alle Afrikaner, stehen an den Eingängen, auf den Wegen, an den Bänken. "Ein ruhiger Tag", sagt Rollhäuser, "manchmal sind es dreimal so viele." Aber heute fährt ab und zu ein Polizeiwagen durch den Park.

In den letzten Tagen war die Polizei vor allem abends öfter da als sonst, einige Male mit Hundertschaften. Denn in der Nacht zum 15. November wurden zwei afrikanische Dealer, 16 und 17 Jahre alt, niedergestochen und lebensgefährlich verletzt. Der Wirt einer Shisha-Bar hatte sich mit ihnen gestritten, weil sie vor seinem Laden standen. Bekannte der Jungs verwüsteten Stunden später erst das Lokal, dann versuchten sie, es anzuzünden. Ein Schock für alle, die hier wohnen. Aber keine Überraschung.

Drogendealer gab es auch früher im Park, sagt Rollhäuser, der seit 20 Jahren hier lebt. Ein paar Afrikaner, die an einer Ecke standen, "es störte niemanden". Aber in den letzten zwei Jahren wurden es so viele, dass niemand mehr unbelästigt durch den Park gehen kann. Schon auf dem Weg zum Park, auf der Skalitzer Straße, wo auch die Shisha-Bar liegt, sprechen die Dealer die Fußgänger an. Im März fand ein Kleinkind auf einem Spielplatz Kügelchen, mit Kokain gefüllt. Die lokalen Medien berichten jede Woche über den "Görli". Das Wort "Kapitulation" kommt in den Berichten oft vor.

Die meisten Dealer stehen an diesem Samstag am Eingang Glogauer Straße, sie bilden fast ein Spalier. Einer von ihnen ist ein schüchterner 19-Jähriger aus Guinea-Bissau. Gerade hat er zwar leise gefragt, ob man "Weed" haben wolle. Aber wenn man ihn zurückfragt, warum er Drogen verkaufe, sagt er, das tue er gar nicht, er treffe hier nur seine Freunde. In Guinea ging er noch zur Schule, Fußballer wollte er werden oder Journalist. Oder nach Deutschland auswandern. Weil es doch das stärkste Land in Europa sei, sagt er. Wo es den Menschen gut gehe. Ein Rechtsstaat. Dass er hier nicht arbeiten darf, wusste er nicht, als er sich aufmachte, zu Fuß, per Lkw, mit dem Boot, über Italien nach Deutschland. Er hat sein Leben riskiert für einen Traum, der im Görlitzer Park endete.

An einer anderen Ecke des Parks sitzt eine Gruppe Senegalesen aus der Casamance, einer Region, die sich vom Senegal abspalten will. "Dort werden wir behandelt wie Hunde", sagt einer. "Ich würde jede Arbeit annehmen, wenn ich dürfte. Und dann nach der Arbeit nach Hause gehen, fernsehen, Fußball schauen." Aber jetzt verkaufen sie Drogen. An junge und alte Berliner und an Touristen.

"Jeder weiß, dass man sich nirgendwo in Europa besser die Lichter ausschießen kann als in Berlin", schreibt das Vice-Magazin in seinem Berlin-Führer. Und jeder weiß, dass man den Stoff dazu im Görli bekommt. Muss eine Stadt, die sich als Partystadt vermarktet, sich wundern, dass sie dann auch eine Drogenstadt wird?, fragt Lorenz Rollhäuser. Müsste die Polizei, wenn sie härter durchgreifen will, nicht eher die Organisierte Kriminalität bekämpfen, die mit Drogen Geld verdient, statt hier Razzien zu machen? Und schließlich: "Wir fischen mit Megatrawlern das Meer vor Afrika leer, exportieren billiges Fleisch nach Afrika, machen dort die Märkte kaputt – wie können wir uns beschweren, wenn immer mehr Flüchtlinge kommen?" Er will die Hilflosigkeit, mit der die Stadt dem Problem bislang begegnet ist, nicht entschuldigen. Aber mit einem "typisch Kreuzberg" ist es eben auch nicht getan. Was sich am Görli zeigt, geht auch jemanden etwas an, der in, sagen wir, Stuttgart lebt.

Es gab Ideen, wie die Situation in den Griff zu kriegen sein könnte, von einem legalen Drogen-Café, wie es die grüne Bezirksbürgermeisterin vorschlug (und was fast alle hier für Unsinn halten), bis zur Kamera-Überwachung. Aber bislang kam nur die Polizei häufiger als früher. Seit Anfang des Jahres bis Ende Oktober führte sie 352 Razzien im Park durch, kontrollierte 2.249 Personen, sprach 921 Platzverweise aus. Festnahmen gab es nur wenige. Die Dealer wissen, wie viel Cannabis sie bei sich tragen dürfen, ohne sich strafbar zu machen. Den Rest verstecken sie in den Büschen, in der Erde. Bei den Razzien rennen sie um die Ecke, fünf Minuten später ist wieder alles beim Alten. Eine Vorführung der Machtlosigkeit des Staates für alle Parkbesucher. Über den Sommer nahm die Anzahl der Dealer weiter zu.

Lorenz Rollhäuser wollte nicht länger durch das Fenster seiner Wohnung einfach nur zuschauen. Er gründete mit ein paar Mitstreitern eine Anwohnerinitiative. Ihr Vorschlag: nicht mehr Polizei, nicht mehr Ordnungsamt, sondern Parkworker, interkulturell geschult, die Präsenz zeigen, mit den Dealern das Gespräch suchen, eingreifen, wenn Konflikte entstehen. Und dass ihn da keiner missverstehe: "Alles, was Richtung Bürgerwehr geht, unterstützen wir nicht." Er will keine falschen Freunde anziehen. Er hat schon mit den überraschenden Feinden genug Ärger. Denn der Görlitzer Park liegt in Kreuzberg, im Herzen des alten SO 36, zu dessen DNA der Widerstand gegen alles gehört, was nach mehr Kontrolle klingt.

Als die Anwohnerinitiative im Sommer bei einem Treffen um Mitglieder werben wollte, sprengten Linksradikale die Veranstaltung und beschimpften Rollhäuser und seine Mitstreiter als Rassisten. Dem Wirt des Café Edelweiss im Park, der sich in den Medien mehrfach über die Situation beschwert hatte, weil die Dealer seine Gäste belästigten, weil Hochzeiten und Weihnachtsfeiern abgesagt wurden, zündeten Linksradikale sein Auto an. "Einige wollen, dass sich hier nichts ändert", sagt Rollhäuser. "Die denken: Je sauberer der Park, desto teurer werden die Wohnungen." Viele, die hier wohnen, haben Angst, sich offen gegen die Drogen im Park zu engagieren. Rollhäusers Anwohnerinitiative besteht weiterhin nur aus einer Handvoll Leute.

Der Besitzer der Shisha-Bar, so schreibt es die taz, habe 70-mal die Polizei angerufen, damit die die Dealer vor seiner Tür vertreibt. Senol Cacan, der wenige Häuser neben der Bar ein Café betreibt, sagt, auch er rufe fast täglich bei der Polizei an, um auf die Dealer vor seinem Lokal hinzuweisen. "Die sagen dann: 'Wir arbeiten dran.' Aber wenn die wirklich dran arbeiten, kann ich nur sagen: Sie haben versagt." Das macht ihn wütend. Nicht die Jungs vor seiner Tür. "Ich bin Kurde, ich war selbst Asylbewerber und habe lange auf meine Arbeitserlaubnis gewartet. Etwas zu essen und einen Platz zum Schlafen zu haben, das reicht doch nicht. Man braucht eine Perspektive. Solange die nicht arbeiten dürfen, haben sie keine."

Das Grünflächenamt hat in den vergangenen Tagen im Görlitzer Park die Büsche radikal bis auf die Stämme beschnitten, um es den Dealern schwerer zu machen, die Drogen zu verstecken. Die Polizei fand bei einer ihrer Razzien in einem Erdbunker größere Mengen mit Crack, LSD, Ecstasy und Crystal Meth, verpackt in Tütchen. Innensenator Frank Henkel rief am Dienstag Justizverwaltung, Ausländerbehörde, Staatsanwaltschaft und das Bezirksamt zu sich, um für den Görlitzer Park ein umfassendes Konzept zu erarbeiten. Was den Anwohnern schon lange klar ist, hat jetzt wohl auch die Stadt begriffen: Bislang hat es einfach keins gegeben.

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