James Foley ist bereits ein Jahr verschollen, als Jejoen Bontinck freikommt. Die beiden hatten sich in der Haft angefreundet, Schach gegeneinander gespielt und sich Kinofilme erzählt. Und sie hatten die Festnetznummer des anderen auswendig gelernt. "Als wir bei Foley zu Hause anriefen, ging James’ Bruder ran", erinnert sich Dimitri Bontinck. "Es war das erste Lebenszeichen, das er erhielt."

Natürlich ahnte der IS, dass Jejoen Foleys Familie alles erzählen würde. Also schrieben die Dschihadisten eine E-Mail: "We are holding your friend Jim", lautete der erste Satz. Sie ging an Foleys Bruder und an Foleys Chef, Philip Balboni. Es folgte ein schrecklicher Machtkampf: Auf der einen Seite verlangte der IS die Fantasiesumme von 100 Millionen Dollar für Foley. Auf der anderen ließen die US-Behörden der Foley-Familie wissen, eine Zahlung an den IS werde keinesfalls hingenommen. Am Ende wurde James Foley zu Propagandazwecken ermordet: So wie nach ihm Steven Sotloff, Alan Henning, David Haines und Peter Kassig. Allesamt Amerikaner oder Briten. Dem IS waren sie sonst nicht länger von Nutzen: Geld ließ sich nicht mit ihnen machen.

Franzosen, Spanier oder Deutsche halten es anders. Es gibt zwei Wege, Geiseln freizubekommen: zum Beispiel über international operierende Sicherheitsfirmen, die die Geiseln aufspüren. Wer als Europäer bei einer NGO in Syrien arbeitet, hat oft eine "Kidnap & Ransom"-Versicherung abgeschlossen. Wird er vermisst, schalten die Versicherungen Sicherheitsfirmen ein, die wiederum lokale Mitarbeiter oder Kontaktpersonen aus der Region beauftragen, die Geisel zu lokalisieren. Der IS, sagt ein Insider, gilt bei den Firmen als "verlässlicher Geschäftspartner". Einigt man sich auf eine Summe, werden Mittelsmänner mit Sporttaschen voll Bargeld losgeschickt. Das Geld wechselt den Besitzer, wenig später taucht die Geisel irgendwo im Grenzgebiet auf.

Die Alternative heißt Katar. Der steinreiche Zwergstaat am Persischen Golf inszeniert sich gerne als bester Freund der Weltgemeinschaft und führt bei Bedarf die Verhandlungen mit den Terroristen oder begleicht sogar die Rechnung. Die Taschen des Emirs sind tief, die Investition amortisiert sich durch diplomatisches Gewicht. Katar zahlte nach unseren Recherchen zum Beispiel 30 Millionen Dollar für eine Schweizer Geisel im Jemen. Kurz darauf eröffnete das Emirat eine Botschaft in Bern. Auch Deutschland hat dem Vernehmen nach von Katars Hilfe profitiert. Zugeben will das niemand. Auch, weil die USA jedes Mal schäumen, denn de facto ist das Geld Entwicklungshilfe für Dschihadisten.

Das Kalifat, ein taumelnder Staat

Etwa 80 Kilometer nördlich von New York liegt eines der Hauptquartiere, von welchen aus der Kampf gegen den internationalen Terrorismus geführt wird: die Militärakademie West Point. Hier lagert ein kleiner Schatz: 153 Dokumente aus dem Besitz des "Islamischen Staats im Irak", wie der IS bis 2013 hieß. Amerikanische Soldaten und Geheimdienstleute haben das Material erbeutet: Tabellen, Abrechnungen, Belege, Notizbücher.

Demnächst soll der Fund Forschern zugänglich gemacht werden. Howard Shatz kennt ihn bereits. Der Wirtschaftswissenschaftler arbeitet für die Rand Corporation, einen Thinktank; er hat das Material mit statistischen Methoden analysiert. Die Unterlagen zeichnen das Bild einer zentral gesteuerten Organisation mit mehreren Verwaltungsebenen, die über Einnahmen und Ausgaben penibel Buch führt. Die doppelte oder dreifache Ausfertigung von Belegen ist nicht selten, es gibt detaillierte Vorschriften, an wen die Kopien gehen sollen.

25 Millionen Dollar Lösegeld hat der IS für westliche Geiseln in diesem Jahr erpresst

Bürokratie ist ein Teil der DNA des "Islamischen Staates". Schon Al-Kaida funktionierte so, schriftliche Urlaubsanträge der Kämpfer inklusive. Dschihadisten mögen es ordentlich, das ist nicht neu. Auch heute veröffentlicht der IS gelegentlich Tabellen über Anschläge oder erbeutete Waffen.

Warum das Kalifat ein echter Staat sei, begründen die Gotteskrieger ebenfalls mit einer gehörigen Portion Formalismus. In einem Propagandafilm mit dem Titel "Ein Staat, keine Gruppe!" listen sie – von "Staatsgebiet" über "Gesundheitswesen" und "Verbraucherschutzbehörde" bis "Flughafen" – 16 IS-Institutionen auf, die irgendwie nach Regierungswesen klingen. Im Hintergrund läuft die inoffizielle Hymne des Kalifats: "Wir leben ein Leben in Sicherheit und Frieden / Unser Staat fußt auf dem Islam / Und obwohl er den Dschihad gegen die Feinde führt / Regelt er die Angelegenheit der Menschen / Mit Liebe und Geduld".

Ein wahrer islamischer Staat – für Dschihadisten ein alter Traum. Aber bürokratisches Kleinklein macht noch keinen Staat. Die irakischen Regionen, in denen jetzt der IS herrscht, versorgte Bagdad vor dem Einmarsch der Dschihadisten mit jährlich zwei Milliarden Dollar – für öffentliche Ordnung, Gehälter, Infrastruktur. Die Einnahmen des IS bleiben jeder seriösen Berechnung zufolge weit dahinter zurück. Es ist wahr, dass der IS quasi-staatliche Aufgaben wahrnimmt. Und auch, dass er mehr Geld hat als jede Terrorgruppe vor ihm. Aber der von ihm selbst verbreitete Mythos trifft nicht zu.

Tatsächlich zeigt das Kalifat mehr Anzeichen eines failing state, also eines taumelnden Staates, als eines aufstrebenden Gemeinwesens. Was Mossul betrifft, hier sorgt die Zentralregierung in Bagdad etwa dafür, dass seit Wochen kaum noch Strom ankommt. Mindestens ein Klärwerk ist deshalb schon ausgefallen, die Trinkwasserqualität sinkt, es drohen Epidemien. Auch die Krankenhäuser stehen vor dem Kollaps. Weil es an Diesel mangelt, werden die Großgeneratoren, die ganze Straßenzüge mit Elektrizität versorgen, mit Rohöl direkt aus den Quellen des IS befeuert. Das ist nicht nur ein gewaltiges Umweltproblem, sondern schädlich für die Gesundheit der Menschen.

Auch in Rakka leidet die Bevölkerung unter der Mangelwirtschaft: "Die Preise für Treibstoff, Brot und alle anderen Waren sind massiv gestiegen. Inzwischen fällt der Strom bis zu 20 Stunden am Tag aus", berichtet ein Gewährsmann aus dieser zweitwichtigsten Stadt des Kalifats. Die Leute fürchten, die Getreideernte 2015 könnte im IS-Gebiet viel zu niedrig ausfallen. Denn der IS habe bislang bloß "kurzfristige Ziele (...) auf Kosten der Nachhaltigkeit verfolgt", so lautet das Fazit einer Studie im Middle East Security Report, einer Publikation des amerikanischen Institute for the Study of War.

Die neueste PR-Idee der Dschihadisten, eine eigene Währung einzuführen, wird auch nichts helfen; allen Glitzerentwürfen der Münzen zum Trotz. Und die Behauptung der Propaganda, man sei wegen des Öls autark, ist eine dreiste Lüge. Geld ist sowieso erst einmal nur Geld. Es kommt darauf an, was man dafür kaufen kann. Und wenn keine Waren das IS-Gebiet erreichen, ist die Frage: Gelingt es, eine produktive Wirtschaft am Leben zu erhalten? Wenn nicht, erzeugen die Einnahmen schlicht Inflation. Der Wirtschaftswissenschaftler und Öl-Experte Eckart Woertz vergleicht den IS mit einer "überbewerteten Aktiengesellschaft" und spricht von einem "Schneeballsystem". Der IS: eine nichts produzierende, aber alles verzehrende Maschine, die auf stetige Expansion angewiesen ist. Deshalb verfolgt der IS eine Strategie der Ausdehnung, aktuell in der westirakischen Provinz Anbar. Dort gibt es zwar wenig Ressourcen, aber dafür geringen Widerstand im Volk und den Vorteil der Nähe zu den syrischen IS-Gebieten.

USA und UN wollen den Gottesstaat nun verstärkt wirtschaftlich angreifen. Sanktionen gegen Spender (die heute schon wesentlich weniger frei agieren können als noch vor zwei Jahren) und Ölkäufer sind in Planung, ebenso eine Abkopplung vom internationalen Bankensystem und die Eindämmung von Lösegeldzahlungen. Auch die Luftschläge werden weitergehen, und die irakischen Streitkräfte sollen aufgerüstet werden.

Nun ist dem "Islamischen Staat" das Wohlergehen der unterdrückten Menschen ziemlich gleichgültig, und noch ist der Zustrom Freiwilliger ungebrochen und ist die Opposition angesichts von 40.000 Männern unter Waffen eingeschüchtert. Aber je unerträglicher die Zustände, desto höher das Risiko einer Revolte. Es ist die nackte Gewalt, die dieses Kalifat zusammenhält, nicht der Glaube an Gott und schon gar nicht "Liebe und Geduld". Es ist Raub, der die Kassen füllt, nicht funktionierende Wirtschaft. Das Kalifat ist nicht nachhaltig.

Allerdings würde auch eine Implosion noch nicht den Sieg über den IS bedeuten. In die Enge getrieben, fürchten westliche Geheimdienst-Analysten, könnte der IS wieder zu seiner Guerillataktik zurückfinden, und zu Anschlägen – auch im Ausland. Das klingt wie ein Echo auf ein Traktat, das der Dschihadisten-Vordenker Abu Bakr Naji schon vor zehn Jahren über den Traum vom Kalifat verfasste. Seine These: Dem Kalifat geht eine Phase der Barbarei und des Chaos in der Region voraus. "Falls es uns gelingt, diese Phase des Chaos zu managen, wird sie eine Brücke auf dem Weg zum Islamischen Staat sein", schrieb er 2004. "Wenn wir dabei versagen, wird das keinesfalls das Ende der Sache bedeuten. Vielmehr wird das Versagen zu einem weiteren Anstieg des Chaos führen."

*Name geändert