Alle Sendungen von Joko und Klaas drehen sich um Kontrollverlust. Denn das ist unsere größte Angst heute: die Kontrolle zu verlieren, der Peinlichkeit ausgeliefert zu sein. Joko und Klaas zeigen: Auch wenn man sich dabei möglicherweise die Rippe bricht oder die Schulter prellt, man kann es überleben. Darin besteht die Katharsis. Die Aussicht auf Läuterung, auf seelische Reinigung sollte schon das antike Publikum in die Arenen treiben. Das älteste aller Erzählprinzipien funktioniert noch immer – und im Fall von Joko und Klaas besonders gut, weil die beiden den Kontrollverlust sehr kontrolliert inszenieren.

Köln, ein Sommertag, von dem man in der dunklen Studiohöhle wenig spürt. Drinnen wird gerade Das Duell um die Welt aufgezeichnet. Der Ertrag aus vier Wochen Reisen rund um den Globus, in fremde Länder, wo Joko und Klaas gesiegt und versagt haben, wird im Laufe einer Woche zu drei Folgen zusammengebaut.

Vorn auf der Bühne läuft ein Einspieler: Joko soll einen Halo-Jump vollführen. "Halo", das steht für "High altitude, low opening". Joko, der Höhenangst hat, soll 12.000 Meter über Lake Elsinore in den USA mit einem Fallschirm aus einem Flugzeug springen. Da oben verkehren normalerweise Langstreckenflieger. Umgebungstemperatur: minus 50 Grad. Fallgeschwindigkeit: 300 Stundenkilometer. Erst nach zwei Minuten freiem Fall soll der Schirm sich öffnen.

Auf dem Monitor sieht man nun Joko in einem Spezialanzug und mit einer Sauerstoffmaske im Flugzeug sitzen, er ist an seinem Tandempartner festgeschnallt, einem ehemaligen Navy Seal. Man sieht, wie Joko mit den Händen an seiner Maske herumfuchtelt und wie er dann – nicht mehr fuchtelt. Joko ist ohnmächtig. Der Sauerstoff war zu schnell verbraucht, weil Joko vor Nervosität zu schnell geatmet hat, heißt es im Film. Der echte Joko vergräbt den Kopf in den Händen. Er will diese Bilder nicht noch mal sehen. Obwohl sie einen entscheidenden Teil nicht zeigen.

Vor der Studiotür sitzt Tom Hangarter, der Stuntkoordinator, mit einem Kollegen beim Kaffee. Hangarter, der die Sicherheit der Studiospiele überwacht, ist gut gebucht. Seit ein paar Jahren laufen die Geschäfte blendend. Hangarter wird jetzt nicht nur für Serien und Filme engagiert, sondern auch für Unterhaltungsshows: Big Brother, Elton zockt, Das Supertalent. Alles soll immer spektakulärer aussehen. Aber natürlich soll es absolut ungefährlich sein. Für die meisten seiner Kunden sei ein blauer Fleck schon ein Drama, sagt Tom Hangarter. Bei Joko und Klaas sei es anders. "Die trauen sich was." Die müsse er eher bremsen. Doch an jenem Tag in Lake Elsinore war Tom nicht dabei.

Die Geschichte, die auf dem Bildschirm im Studio nicht zu sehen ist, geht so: Auch Jokos Tandempartner, der Navy Seal, war ohnmächtig. Weil der so einen Sprung schon unendlich viele Male absolviert hatte, hatten sie auf den Stuntkoordinator verzichtet. Und dann hatte der Exsoldat sich mit dem Sauerstoffgemisch vertan. Auf dem Flug nach oben war nicht nur Joko bewusstlos, sondern auch der Mann, der auf ihn aufpassen sollte. Joko kann froh sein, dass seine Lunge nicht kollabiert ist, dass er keinen Gehirnschaden hat. Nach dem verunglückten Dreh verordnete ihm der Arzt vier Tage am Boden. Er hat sich geschworen, nie wieder ohne seinen Stuntman auf solche Drehs zu gehen.

Man hätte erwarten können, dass eine Redaktion, die stets auf der Suche nach den eindrucksvollsten Bildern ist, den Kontrollverlust genüsslich auserzählt. Sie hat es nicht getan, weil nur die kleine Furcht unterhaltsam ist, das Spiel. Die existenzielle Angst ist es nicht.

Joko und Klaas arbeiten seit ihren Anfängen als Duo mit derselben Redaktion, zu der auffallend viele bärtige Männer gehören. Vor fünf Jahren haben Joko, Klaas und ihre Truppe sich gefunden, als sie für den Musiksender MTV die Show MTV Home erfanden. Später, beim Sender ZDFneo, entwickelten sie ihr Konzept weiter. Jetzt, bei ProSieben, machen sie im Grunde immer noch das Gleiche, bloß dass sie nun mit viel mehr Geld für ein viel größeres Publikum viel mehr Sendungen produzieren.

Wenn sie bei ZDFneo 100.000 Zuschauer hatten, schickte der Chef Champagner. Heute können zehnmal so viele Menschen unter Umständen nur acht Prozent der Zuschauer ausmachen – ein schlechter Schnitt für eine Circus HalliGalli- Sendung.

Wie unterhält man die Masse? Wie funktioniert Humor für Millionen? Und muss man, wenn man die Masse erreichen will, entweder so beliebig werden wie Jörg Pilawa oder aber so verschroben wie Harald Schmidt?

Als die bärtigen jungen Männer zu ProSieben kamen, dachten sie, sie müssten nun mainstreamiger sein. Dafür bekamen sie ein paar üble Kritiken und wurden noch nicht mal mit guten Quoten entschädigt. Spiegel Online überschrieb einen Artikel mit Circus Langiweili, den Namen des Autors weiß Klaas noch heute. Die Redaktion von Joko und Klaas hat sich dann darauf besonnen, einfach das zu machen, was ihr gefällt.

Die bärtigen jungen Männer sind Nomaden, mal schlagen sie ihre Zelte im HalliGalli- Studio in Berlin auf, mal in Köln, wo das Duell aufgezeichnet wird, mal sind sie, wie jetzt, im Büro von Florida TV, der Produktionsfirma von Joko und Klaas, in einem Loft im tiefen Berliner Osten. Die Schreibtische von Joko und Klaas: unter Post und Geschenken begraben und unbenutzbar, ihr Arbeitsplatz sind Redaktionssofa und Konferenzraum. Inzwischen ist es November geworden. Die Duell-Folgen sind fertig, jetzt dreht sich fast alles um die neue Show Mein bester Feind. In einer Woche beginnen die Proben. Dann wird ein Nomadengrüppchen ein Büro im Hangar beziehen.

Am Konferenztisch sitzen unter anderem: der Autor, der die Moderationstexte für Joko und Klaas schreibt, der zuständige ProSieben-Programm-Manager, der Executive Producer der Sendung. Und es liegt eher in seinem Stuhl, als dass er darauf sitzt: Klaas.

"Wie geht’s?", fragt Benedikt Nordmann, der ProSieben-Manager.

"Ich warte auf die einsetzende Ohnmacht", sagt Klaas. Am Abend davor war er in München bei der Talkshow Pelzig hält sich eingeladen, danach noch ein Bier, vielleicht auch mehr, am Morgen zurück nach Berlin, am Abend soll er schon wieder in Köln sein. Jetzt ist die Frage: Will der Zuschauer gesiezt oder geduzt werden?

"Siezen, das ist stilvoll!", sagt Jakob Lundt, der Autor. Lundt ist sozusagen das Sprachzentrum im Gehirn von Joko und Klaas. Er kennt die beiden bis in den Satzbau hinein. Er schreibt, was sie sagen sollen. Sie sagen, was er schreiben soll. So genau lässt sich das nicht auseinanderhalten. Im Studio siegt oft die Spontaneität.

"Duzen", sagt also Jakob Lundt, "hat was von Jugendfernsehen."

Klaas: "Aber sobald ich bei HalliGalli das Publikum sieze, hat es was Ironisches."

Der ProSieben-Manager Nordmann: "Na ja, es wäre gut, wenn wir neben der Million, die bei HalliGalli zusieht, noch ’ne Million mehr hätten."

Lundt: "Also, meine Mutter will gesiezt werden. Der Samstagabend ist was Feines."

Klaas brummelt was, das nach Zustimmung klingt.

Nordmann: "Und was für Klamotten tragt ihr?"

Klaas rappelt sich auf, bis er halbwegs aufrecht sitzt. Er schaut an sich runter. "So wie jetzt halt: ordentliche Stoffhose und Hemd. Wie wenn man zu ’nem wichtigen Abendessen geht, es aber nicht übertreiben will."

Öffentlich-rechtliche Sender ringen darum, ihr Publikum zu verjüngen. Bei ProSieben geht es ums Gegenteil: Die Schulhöfe regieren Joko und Klaas schon. Jetzt müssen sie für die Älteren – für die 30- bis 49-Jährigen – attraktiv werden.