Was hier entschieden wird, ist unsere Zukunft. Worüber hier gerichtet wird, ist unsere Gegenwart. Wofür wir hier bezahlen, ist unsere Vergangenheit. Gespielt wird Welt-Klimakonferenz , ein Stück des Dokumentartheaterensembles Rimini Protokoll. Es geht ums Allergrößte: um das Wetter in 15 und 150 Jahren, um die Frage, ob es den Menschen gelingen kann, die globale Erwärmung zu stoppen. Und das Allergrößte wird meist dann fasslich, wenn man es als Kinderspiel inszeniert. Also spielen wir: Klima-Konferenz.

Ehe man den Saal des Hamburger Schauspielhauses betritt, erhält man einen Briefumschlag mit Informationsmaterial. Darin steht, welche Nation man vertreten soll und welche ökonomischen und ökologischen Bedingungen sie hat. Rhetorikkurse funktionieren ähnlich: Ein Ahnungsloser erhält die Aufgabe, sich in einen Delegierten Nordkoreas zu verwandeln, der eine Rede vor den Vereinten Nationen hält. Oder man muss einen Anwalt spielen, der ein Plädoyer für seinen Mandanten Bernie Ecclestone hält. Rede wie ein anderer, und du wirst ein anderer: Dieser Verwandlungszauber wirkt auch hier. Die Welt-Klimakonferenz ist ein Ball der Nationen, ein großes Rollenspiel, in dem jeder Zuschauer das Land verkörpert, das ihm zugelost worden ist: Der "Nordamerikaner" hat die sinistre Autorität des Klimasünders, der "Ecuadorianer" krümmt sich vor Bedeutungslosigkeit. Und warum das alles? Das Theater von Rimini Protokoll wirkt wie ein großes Schaubild, eine Panorama-Ansicht der Welt: Wir sollen lernen, wie alles zusammenhängt. Welche Machtspiele werden vollzogen, welche Seilschaften werden geknüpft – und was steht bei alldem auf dem Spiel?

Flaggen auf den Rückenlehnen der Sitze zeigen an, welche Delegation wo sitzt. Auf der Bühne haben sich Experten niedergelassen: bedeutende Meteorologen, Ozeanologen, Biologen, Chemiker, Ökonomen, Klimaforscher und so weiter. Alles hier ist von langer Hand vorbereitet, und ein Streifen büscheligen Grases, der aus einer Fuge des Podiumstischs sprießt, symbolisiert die rührende Detailliebe dieser Veranstaltung. Auf Bildschirmen rechts und links vom Podium sieht man das, von dem wir am allerwenigsten haben, die vertickende Zeit.

"Wir sind heute maximal 640 Leute; auf wirklichen Klimakonferenzen sind manchmal 20.000 Menschen", sagt der unbeirrbar sachliche Moderator, ein Physiker und Klimaforscher namens Florian Rauser, der uns aus Zeitmangel darum bittet, möglichst wenig zu klatschen. Im Verlauf des Abends wird nun versucht, das betörende Gewimmel herzustellen, das eine echte Konferenz vor sich hertreibt: Diskussionen mit (tatsächlichen) Experten, Hinterzimmertreffen, bilaterale Verhandlungen, Bus-Exkursionen ins umgebende Gelände, Strategiebesprechungen zwischen Tür und Angel – all das findet parallel und in kleinen Gruppen statt. Zur Ruhe kommt man zwischendurch auf einer Liege, allerdings nur, um auf ihr von einer Scheinwerferbatterie bestrahlt zu werden, deren Hitze uns in die Glut einer Wüstenmetropole zur Mittagszeit versetzt.

Die Rimini-Produktion hält eine elegante Balance aus Didaktik und Selbstironie. Das Ganze ist eine Simulation, sie dauert drei Stunden, aber man wäre gern noch länger dabei, und das Künstliche der Sache hat nicht gestört: man ahnt, dass dieses Als-ob einer wahren Klima-Konferenz ziemlich nahekommt. Denn wer übers Klima entscheiden will, ist in hohem Maß ein Simulant von Autorität, ein Akteur im Ungewissen, immer am falschen Ort und immer zu spät – ein Slapstick-Artist im Kampf gegen höhere Mächte.

Ein Zeitsprung führt uns zurück zu den Anfängen der Vergiftung

Der deutsche Klimaforscher Mojib Latif, ein Star der Branche, spricht an diesem Abend in Hamburg vom großen Problem des Klimaschutzes, nämlich von der zeitlichen und räumlichen Entkoppelung von Ursache und Wirkung. Was heute die Atmosphäre zersetzt, wurde schon von der vorvorigen Generation hochgeblasen. "Ihre Eltern und Großeltern haben auch schon CO2 entlassen", sagt Latif und hebt den Blick zum Himmel, "und das ist alles noch dort oben."

Der Rezensent hat Latifs Blick nach oben als einen der eindrucksvollsten Momente dieser Welt-Klimakonferenz in Erinnerung – fast wirkte die Geste wie die Inszenierung eines Zeitsprungs. Als hätte Latif, indem er zum Himmel sah, in die Vergangenheit geschaut, aus der jener Dreck stieg, der noch immer da oben hängt.

Mojib Latifs Blick, so könnte man sagen, führt uns direkt nach Stuttgart. Denn dort, im Württembergischen Staatstheater, wird gezeigt, wie es anfing mit unserem Klimaproblem. Zur Uraufführung in einer szenischen Bearbeitung kommt die erste bedeutende "Umwelterzählung" der deutschen, womöglich sogar der europäischen Literatur: Pfisters Mühle von dem großen Schriftsteller Wilhelm Raabe (1831 bis 1910). In diesem Text, der 130 Jahre alt ist, geht ein Wirt und Müller daran zugrunde, dass der Fluss, an dem seine Mühle liegt, von den Abwässern einer Zuckerfabrik vergiftet wird.

Bei Raabe erscheint Umweltverschmutzung als Symptom einer größeren, unbegriffenen Gewalt: nämlich der Zerstörung aller wesentlichen Zusammenhänge und aller Brücken zur Vergangenheit; als dumm hingenommene Folge der Entwurzelung und Verflachung des Menschenlebens.

In Stuttgart erlebt man nun leider, wie ein Regisseur die Katastrophe, die er analysieren sollte, auf der Bühne selbst ins Werk setzt.