Selten ist eine Behörde dermaßen auf die Spaßbremse getreten wie gerade die Internationale Energieagentur, kurz IEA. Während der Ölpreis fällt und sich derzeit bei nur 80 Dollar pro Barrel bewegt, während sich Millionen Verbraucher noch über sinkende Preise an den Zapfsäulen freuen, warnt der Pariser Thinktank bereits vor Knappheit, vor der nächsten Ölkrise, vor einem Crash. Der könnte die Menschen laut IEA sogar heftiger treffen als alle Unannehmlichkeiten, die sie bisher aushalten mussten, steigende Preise und wachsende Abhängigkeiten inbegriffen. Sogar eine globale Hungerkrise ist laut IEA nicht auszuschließen – wenn es nicht bald zur Abkehr vom Öl und zu einer globalen Energiewende kommt.

Viele glauben derzeit, sie seien vor bösen Überraschungen sicher, doch nach Lesart der IEA ist das nur die "Ruhe vor dem Sturm" – so betitelt sie das Ölkapitel des neuen World Energy Outlook, erschienen Mitte November. Der 700 Seiten starke Report sollte nicht nur die Nationen interessieren, die im Kartell der Öl exportierenden Länder (Opec) vereint sind. Die leiden unter den aktuell niedrigen Ölpreisen und treffen sich am 27. November in Wien. Auch ihre Kunden sollten aufhorchen.

Im Gegensatz zu vielen schönen Prophezeiungen liefert der IEA-Report ein echtes Kontrastprogramm. Die Kapitelüberschrift "Ruhe vor dem Sturm" hat die IEA zwar mit einem Fragezeichen versehen, doch die Lektüre lässt keine Zweifel zu: Die Fachleute gehen davon aus, dass mittelfristig unangenehme Zeiten unvermeidlich sind. Auf dem Spiel stehe nicht weniger als "unser Lebensstil", sagt Fatih Birol, der Chefökonom der IEA.

Das liegt nicht daran, dass die Ölvorräte in der Erdkruste zur Neige gingen. Anders als es die Anhänger der sogenannten Peak-Oil-These glauben, ist der Höhepunkt (peak) der weltweiten Ölförderung noch längst nicht erreicht oder gar überschritten. Allerdings befinden sich die vergleichsweise leicht und kostengünstig zu fördernden Reserven ausgerechnet im Boden der Kartellbrüder von der Opec. Und die Zeit arbeitet für sie: Wenn die Ölnachfrage wieder wächst, wird ihre Marktmacht größer und damit die Abhängigkeit der Verbraucher.

Das hätte noch einen zweiten unschönen Effekt: Wird mehr Sprit in Automotoren und mehr Öl in Heizungsanlagen verbrannt, dann wird nicht nur mehr Klimagas ausgestoßen, es steigt auch die mittlere Temperatur auf der Erde: plus 3,6 Grad, schreibt die IEA,was verhängnisvolle Folgen für die Sicherheit der weltweiten Ernährung hätte. Dieser Zuwachs wird sogar dann erreicht, wenn Amerikaner, Chinesen und Europäer ihre in jüngerer Vergangenheit angekündigten Klimaschutzmaßnahmen umsetzten. Das reiche nicht, sagt die IEA. Nur ein baldiges Sinken des Verbrauchs fossiler Energie würde helfen.

Aus Verbrauchersicht bietet nicht einmal die Entwicklung seit Anfang des Jahres Anlass für Euphorie. Bisher hätte der Ölpreis im Jahresdurchschnitt gegenüber dem Vorjahr lediglich um rund fünf Prozent nachgegeben, so der Hamburger Energieforscher Steffen Bukold. Nur im Vergleich mit dem Preis von Mitte des Jahres liegt die aktuelle Notierung schlagzeilenträchtig rund 30 Prozent niedriger.

Und selbst dieser Preissturz ist nicht ausschließlich Ausdruck erfreulicher Umstände. Super und Diesel sind heute auch deshalb so günstig wie zuletzt Ende 2010, weil die Wirtschaft im Euro-Raum stagniert, in den Schwellenländern langsamer wächst als erwartet und in Japan sogar schrumpft. Das verursacht mehr Arbeitslosigkeit und andere Probleme, dämpft aber die weltweite Ölnachfrage. Voraussichtlich verlangen Betriebe, Haushalte und Autofahrer in diesem Jahr nur 0,7 Prozent mehr Öl als im Jahr davor. Das hat den Ölpreis in den Keller getrieben. 2013 wuchs die Nachfrage nach der weltweit wichtigsten Energie noch fast doppelt so stark.

Der Preissturz lag allerdings nicht allein am gebremsten Nachfragewachstum, hinzu kam ein stark wachsendes Ölangebot. Selbst in den Krisenländern des Nahen Ostens ist die Förderung bisher nicht eingebrochen. Die libysche Ölförderung legte im Oktober erneut zu, im Irak ist sie trotz Bürgerkrieg und IS-Terror stabil geblieben, und im ölreichen Golf von Mexiko blieb erneut die gefürchtete Hurrikan-Saison aus.

Das meiste zusätzliche Öl kommt allerdings aus den USA. Die Kombination von horizontalen Bohrungen mit dem umstrittenen Fracking hat dort zuvor als unerschließbar geltende Ölvorkommen zugänglich gemacht. Laut der amerikanischen Energiebehörde steigt die US-Rohölproduktion in diesem Jahr um rund eine Million Fass pro Tag. Allein das reicht aus, um den erwarteten Anstieg der globalen Ölnachfrage auszugleichen. Seit 2010 hat das Fracking die US-Schieferölproduktion um täglich vier Millionen Fass steigen lassen – laut einer Analyse der Commerzbank vergleichbar mit dem "Auftauchen eines neuen Ölproduzenten in der Größe von Irak und Katar zusammengenommen".

Diese Ölschwemme hat sogar die Spekulanten als Preistreiber abgeschreckt – vorerst. Das Problem ist nur: Amerikas Ölproduktion wird sich schon bald nicht mehr steigern lassen. Um das Jahr 2020 wird sie wohl ihr Maximum erreichen und danach langsam sinken. Die Frage ist deshalb, wer anschließend neues Öl aus dem Boden holt – dann, wenn die Weltwirtschaft sich erholt hat und die Nachfrage nach Öl wieder wächst.

Um das Jahr 2040 wird laut IEA aus den existierenden Feldern nicht einmal mehr halb so viel Öl sprudeln wie heute. Täglich 38 Millionen Fass (mehr als die USA, Russland, Saudi-Arabien und Kanada heute gemeinsam fördern) müssen dann aus Quellen kommen, die noch nicht erschlossen oder entdeckt sind. Steigt obendrein die Nachfrage, müssen laut IEA für die Sicherung der Ölversorgung jährlich mehr als 900 Milliarden US-Dollar investiert werden.

Diese enorme Summe zu mobilisieren setzt nicht nur einen steigenden Ölpreis voraus. Auch die politischen Voraussetzungen müssen stimmen. Das wird heikel. Das Öl der Zukunft lagert schließlich teilweise im Boden von Staaten, deren Machthaber dem liberal-demokratischen Gesellschaftsmodell des Westens ablehnend gegenüberstehen (ZEIT Nr. 47/14).