Will man in Perm wirklich sein Leben verbringen? Die Bebauung an der Ecke Leninstraße/Komsomolzen-Prospekt schwankt melancholisch zwischen Sowjet-Moderne und kapitalistischem Glasfassadenkitsch. Weiter hinten, in Richtung des Opern- und Balletttheaters, schieben sich Bauten aus dem 19. Jahrhundert wie Kulissen aus Doktor Schiwago zusammen, der Putz blättert in Orange und Altrosa. Und die Hintertreppen, die einen zum Büro des Musikdirektors führen, sind lebensgefährlich. Dann die Überraschung: Teodor Currentzis, der schlaksige Grieche mit dem russischen Pass, hat sich einen veritablen Salon hergerichtet, mit Seidentapeten, Kronleuchter und Stoffdecken, deren farbenfrohe Muster daran erinnern, dass es hier, am östlichen Ende Europas, unzählige Ethnien mit eigenem Brauchtum gibt.

Wenn Currentzis spricht, lächelt er nach innen, wirkt wie durchleuchtet von seinen Gedanken, die gern ins Mystische spielen. The Sound of Light hat er seine jüngste Einspielung mit Musik von Jean-Philippe Rameau überschrieben. "Seine Musik", schwärmt er im Begleitheft, "trifft unsere Herzen so direkt wie ein Sonnenstrahl, der durch die schwarze Unendlichkeit des Weltraums schneidet, bis er endlich auf das menschliche Auge trifft, auf ein grünes Blatt, eine Rosenblüte." Solche blumigen Vergleiche passen wenig zum historischen Rameau, jenem hageren Harmonietüftler – Currentzis aber schert das nicht. Er tritt nicht als Forscher auf, sondern als Guru, der die Liebe und das Dionysische predigt, der seine Musiker aus ganz Europa sektiererisch zusammenhält und die Posen des Propheten liebt: ein Ekstatiker am Dirigentenpult, ein Egozentriker im Salon, ein Eremit in den schneebedeckten russischen Wäldern.

Man verzeiht es ihm, sobald in Rameaus Fêtes d’Hébé die Drehleier losnäselt und das Orchester Musica Aeterna eine frei und selig atmende Musette anstimmt. Es ist der stille stehende, endlos ausgekostete Moment, der dennoch gefährdet ist: durch wilde Tambourins, dämonische Arien oder hemmungslos entfachte Theaterstürme (aus Les Indes galantes und Platée). Obwohl Currentzis auch romantisches und zeitgenössisches Repertoire dirigiert, sind Klang und Temperament von Musica Aeterna undenkbar ohne die Erfahrung mit barocken Spielpraktiken. Leicht werden die Bögen angesetzt, der Klang wirkt mal zerbrechlich, mal kraftstrotzend, aber stets voller Kontur, nie wie ein französischer Weichkäse. Jedes der 18 Instrumental- und Arienhäppchen aus Rameau-Opern ist anders angerichtet. Currentzis will weder den knorrigen noch den sinnlichen oder visionären Charakter dieser Musik überpinseln. Ein kreativer, wacher Geist weht durch die dürren Noten, bläst ihnen Leben ein. Und am Ende weiß man nicht mehr recht, ob man gerade Musik von Rameau, Elgar, Tschaikowsky oder Strawinsky gehört hat. "Was mich interessiert, wenn ich eine Partitur studiere, ist die Geschichte der geistigen Revolutionen", sagt Currentzis in seinem Salon in der Oper von Perm und blickt tief aus seinen Prophetenaugen.

Will er in Perm wirklich sein Leben verbringen? "Ich bin glücklich in dieser Stadt, die von der Sowjetunion für ihre Zarentreue bestraft wurde. Perm war im Kommunismus abgeriegelt, eine Stadt, die mit dem Blut der politischen Gefangenen aus den Gulags der Umgebung gebaut wurde. Aber hier hat auch die Intelligenz gelebt, die aus den Lagern freikam. So entstand ein Klima für avantgardistische Kultur." Und dann sagt er einen typischen Currentzis-Satz: "In Städten wie diesen spürt man die Unschuld des Unbekannten."

Dieser Artikel stammt aus der ZEIT No 49 vom 27.11.2014.

Das kulturelle Leben in Perm ist also noch nicht dem allgemeinen russischen Unterhaltungsdelirium zum Opfer gefallen. Die verlorene Unschuld der Metropolen St. Petersburg und Moskau kennt er nur zu gut. Nach der Perestroika hat der 1972 in Athen geborene Currentzis fünf Jahre lang beim legendären Dirigenten Ilja Musin in Petersburg studiert. Nach Musins Tod 1999 freilich lief es für ihn nicht sonderlich gut, damals entstand sein Widerwille gegen alles Anpasserische in der Kultur, gegen den "üblen Geruch dieses kaputten Systems". Wie hoch erfrischend dagegen das Leben in der Provinz sein kann, das lernte er als Musikchef der Oper in Nowosibirsk, wo er sechs Jahre lang das "beste Operntheater in Russland" leitete. Hier gründete er sein Orchester Musica Aeterna, machte die sibirische Millionenstadt zum russischen Mekka der Alten Musik und erteilte Aufträge an zeitgenössische Komponisten.