Verträge: Putins Annexion der Krim wirft gleich vier europäische Abkommen über den Haufen – die KSZE-Schlussakte von 1975, die Charta von Paris 1990, das Budapester Memorandum 1994 und die Nato-Russland-Grundakte 1997. Putin hat in einem Tarnkappenkrieg europäische Grenzen verschoben. Das ist genau das Gegenteil von dem, was die Sowjetunion 1975 in Helsinki erreichen wollte – die Anerkennung und Verlässlichkeit von Grenzen. Hier ist der entscheidende Unterschied zwischen Breschnew und Putin: Der eine wollte die Nachkriegsordnung zementiert wissen, der andere will sie umgraben. Breschnew wollte den Status quo, Putin möchte Revision. Deshalb war Brandts Ostpolitik mit Breschnew möglich, mit Putin steht alles dahin.

Vertrauen: Mit den Sowjets, aber auch mit den DDR-Führern entstand über alle Gräben hinweg eine Art "Vertrauensverhältnis", wie der Historiker Peter Bender es beschrieb. Brandt und seine Nachfolger glaubten, die Interessen und Ziele des anderen zu verstehen, und bauten ihre Politik darauf auf. Dagegen beschreibt heute ein Außenpolitiker im Bundestag die Lage so: "Wir verstehen Putin nicht." Auch hier wieder der Unterschied zu Breschnew: Der war kantig, aber einigermaßen vorhersagbar. Doch Putin ist vor allem an Handlungsfreiheit gelegen. Ob Grenzverträge, Rüstungskontrolle oder Menschenrechtsstatuten – er möchte sich nicht binden lassen. "Heute kann kein Experte, kein Politiker genau sagen, was die russischen Ziele sind", sagt ein Berliner Regierungspolitiker. "Das ist ein Kulturbruch." Russland sei unberechenbar geworden, "Unberechenbarkeit aber ist der größte Feind der Partnerschaft".

Verflechtung: Aus den hochfliegenden wirtschaftlichen Ideen ist nichts geworden. Europa hat die von Putin angeregte Freihandelszone von Wladiwostok bis Lissabon nicht richtig ernst genommen. Und Putin hat nie erklärt, wie sein Vorschlag umgesetzt werden solle. Die Modernisierung der russischen Wirtschaft wäre Voraussetzung gewesen. Genau dafür hatte Außenminister Steinmeier vor acht Jahren geworben. In Berlin stellt man heute ernüchtert fest, dass Putin das alles seit seiner Rückkehr ins Präsidentenamt 2012 still begrub. Er hat nicht die Wirtschaft modernisiert, sondern die Armee.

3. Europa staunt über sich selbst

Es ist diese neue russische Politik, die eine neue Politik des Westens erfordert. Die wirtschaftlich denkenden Spitzenbeamten und Politiker im Kreml gehören nicht mehr zu Putins engem Beraterkreis. Jede Art künftiger Russlandpolitik wird sich weniger auf die Wirtschaft stützen. Russland wird auf absehbare Zeit kein strategischer Partner mehr sein, sondern eher wie zu Brandts Zeiten ein strategischer Konkurrent. Die EU und Berlin beginnen sich langsam darauf einzustellen.

Europa hat in diesem Jahr eine Selbstvergewisserung durchgemacht, über die die Europäer selbst noch staunen. Bei allen geografischen und politischen Differenzen gelang es, eine gemeinsame Haltung zu Russland zu finden, bis hin zu Wirtschaftssanktionen. Doch ersetzen diese keine langfristige Politik. Europa muss sich vor allem in den Bereichen einig sein, in denen Russland stark ist: Energie und Verteidigung. Eine europäische Energieunion ist überfällig. Angela Merkel sagte, man werde die "gesamte Energiepolitik" überprüfen und die Abhängigkeit von russischen Importen senken.

Gleichzeitig richtet die Nato fünf neue Stützpunkte für eine Hundertschaft Soldaten in den östlichen Nato-Staaten ein, die durch eine schnelle Eingreiftruppe verstärkt werden können. Die Balten, Polen, Rumänen und Bulgaren müssen wissen, dass sie im Ernstfall nicht allein dastehen. Lange währte die Sinnsuche in der Nato – mit Putins Krim-Coup haben die Fragen aufgehört.

Doch genau hier setzt der dritte und wichtigste Punkt einer neuen Russlandpolitik ein: Sicherheit. Im Säbelrasseln der letzten Monate fiel auf, dass Europa, die USA und Russland überhaupt nicht mehr über Sicherheit reden. Das Schweigen ist gefährlich. Denn während in Europa die Möglichkeit eines militärischen Konflikts geleugnet wird, reden in Moskau viele vom Krieg, vor allem das Fernsehen. Der Krieg beginnt in den Köpfen.

4. Ein Wort fehlt: Polen

Als Brandt 1970 nach Moskau und Warschau reiste, versuchte er, Feindbilder abzubauen und über das zu reden, was beide Seiten zutiefst beunruhigte. Was den Europäern und Russen heute fehlt, ist ein Forum, auf dem sie über die Kriegsgefahr in Europa reden. Der Nato-Russland-Rat dämmert nutzlos vor sich hin. In der OSZE mit 57 Staaten fühlen sich die Russen nicht genügend als Großmacht respektiert. Besser wäre ein kleineres Dach oder eine OSZE im Kleinformat. Europa braucht eine Art "Europäischen Sicherheitsrat", wo darüber gesprochen wird, wer seine Panzer, Raketen und Flugzeuge wo stehen hat. In diesem Sicherheitsrat gäben sich Europäer und Russen zu verstehen, dass man genau weiß, was der andere tut. Und man verständigte sich über das, was man besser lässt. Auch in der Ukraine. Nur im Politikbereich der tiefsten Angst – der Sicherheit – kann Vertrauen ganz langsam wieder aufgebaut werden.

Dazu gehört, dass man einander ernst nimmt. Ein Beispiel: Die Eurasische Union von Russland, Weißrussland und Kasachstan ist erst im Entstehen. Sie wird in der EU belächelt, und vielleicht scheitert das Gebilde auch. Aber warum versucht man nicht, die Eurasische Union wenigstens zu respektieren? Das hatte Steinmeier im Sinn, als er vorschlug, dass sich Vertreter der EU und der Union treffen. Man ignoriert einander nicht, sondern zeigt, dass man den anderen im Blick hat. So hätte Brandt gedacht.

Die Weisheit der historischen Ostpolitik lag darin, dass sie die Verhältnisse in Europa akzeptierte, aber nicht endgültig anerkannte: weder die Teilung Deutschlands noch die Europas. Sie gab sich keinen Wunschbildern hin und versuchte, mit den amtierenden Politikern zu arbeiten. Es nützt nichts, ewig darüber zu lamentieren, was wäre, wenn man die Nato 1999 nicht um Polen und Ungarn erweitert hätte. Oder ob sich Russland ohne Putin friedlicher verhielte und die Krim nicht annektiert hätte. Polen ist in der Nato, und Putin regiert Russland. Er hat die Krim annektiert, daran lässt sich derzeit wenig ändern. Aber anerkennen muss man das darum noch lange nicht.

Ein Wort kommt den Anhängern der deutsch-russischen Sonderbeziehung so gut wie nie über die Lippen, jenes Wort, das sie doch in den siebziger Jahren fast täglich im Mund führten – und das mit Willy Brandt für alle Zeiten untrennbar verbunden bleibt: Polen.

Was also hätte Willy Brandt jetzt gemacht?

Er ist nicht in Moskau auf die Knie gefallen, sondern in Warschau. Er wollte auch nie mehr Nachsicht wagen, sondern mehr Demokratie. Er hat sich dem Autoritären, dem Gewalttätigen nicht angepasst oder unterworfen – er hat es im Widerstand bekämpft. Brandt hätte nie in einer solch sensiblen Zeit den kleinen parteipolitischen Vorteil über die nationale und europäische Verantwortung gestellt. Genau das versucht jetzt die SPD-Linke: die internationale Großkrise als Geschütz im parteipolitischen Kleinkrieg einzusetzen. Brandt hätte sich für die Sorgen der Polen interessiert, bevor er sich um das Wohlgefühl eines vermeintlich verängstigten russischen Staatschefs gekümmert hätte. Er wäre für das Recht der Ukrainer eingetreten, selbst zu entscheiden, wie sie leben – und gegen den Anspruch Dritter, das entscheiden zu wollen. Einfach am Stärkeren hätte er sich nie orientiert.