In der Schweiz gehen immer weniger geschmuggelte Zigaretten über den Ladentisch. Innerhalb eines Jahres soll ihre Zahl um mehr als 40 Prozent abgenommen haben. Das jedenfalls behauptet eine unveröffentlichte Studie des Wirtschaftsprüfungsunternehmens KPMG, aus der die Schweiz am Sonntag kürzlich zitierte. Pikant an der guten Nachricht: Bezahlt wurde die Studie von der Tabakindustrie. Und was darin steht, nützt den Tabakmultis in der Diskussion um das neue Tabakproduktegesetz, das derzeit überarbeitet wird und spätestens 2019 in Kraft treten soll. Kern des neuen Gesetzes zur Bekämpfung des Schmuggels soll ein Kontrollsystem der Warenflüsse sein.

Die Multis drängen auf ein Selbstkontrollsystem. Da kommt die KPMG-Studie wie gerufen. Doch manche Schweizer Politiker sehen das anders. "Die Zahlen einer von der Tabakindustrie bezahlten Studie" seien "nicht glaubwürdig", kritisiert die Zürcher Ständerätin Verena Diener (GLP) gegenüber der ZEIT. Gemeinsam mit Felix Gutzwiller (FDP) fordert sie im Rahmen des geplanten Tabakproduktegesetzes ein Kontrollsystem, das den Transport von Tabakwaren lückenlos dokumentiert und von unabhängigen Stellen ausgewertet werden kann – Track & Trace nennt sich das im Jargon. Im Kampf gegen den Tabakschmuggel wäre ein solches System zentral.

Denn die Hersteller und Großhändler von Tabakprodukten hätten "wenig Interesse daran, den gesamten Einzelhandelswert der Sendung inklusive der Steuern zu schützen". Dies weil "die Tabakindustrie ihren Gewinn beim ersten Verkauf des Produkts realisiert, noch bevor diese an den Schwarzmarkt verschwinden. Wegen der tieferen Durchschnittspreise können mehr Tabakwaren verkauft werden." Gerichtsverfahren und interne Dokumente der Industrie hätten sogar gezeigt, "dass Tabakfirmen am Schmuggelgeschäft beteiligt waren". Das schreibt das Bundesamt für Gesundheit (BAG) auf seiner Webseite zum Tabakschmuggel ganz offen.

Dass es eine Beteiligung der Industrie am Schmuggel zumindest in der Vergangenheit gab, illustriert der sogenannte Montenegro-Komplex, der Anfangs des neuen Jahrtausends aufflog. Am Bahnhof von Lugano empfängt uns einer der ehemaligen Hintermänner, nennen wir ihn Franz Widmer. In einem Café erzählt er aus der Zeit als Mittelsmann zwischen Tabakindustrie und Tabakmafia. Zwischen 1992 und 2002 wurden via Montenegro Zigaretten im großen Stil geschmuggelt. Im Wissen und kräftig unterstützt von Philipp Morris. Organisiert wurde der Schmuggel von der Schweiz aus, von Leuten wie Widmer.

Dieser legt jetzt Originalrechnungen auf den Tisch. Diese belegen die langjährigen Verbindungen zwischen Schmugglern und Tabakmultis. Die Rechnungen sind auf eine Firma in Luxemburg ausgestellt, die laut Widmer einen Großteil der illegalen Geschäfte koordinierte. Diese zwischengeschaltete Firma wurde vom Tessiner selbst ins Handelsregister eingetragen und bei Philip Morris mit der Kundennummer 2853 geführt. Jahrelang, so berichtet Widmer, hätte Philip Morris unter einem Tarnnamen ein Kontingent an Zigaretten zur Verfügung gestellt, das eigens für den Schmuggel gedacht gewesen sei. Zwischen 1992 und 2002 sind diese Tabakwaren illegal über Montenegro nach Europa transportiert worden. Rund 10 000 Lkw-Ladungen Originalzigaretten sollen die Tessiner Hintermänner in enger Kooperation mit der Tabakindustrie geschmuggelt haben. So lautet das Fazit deutscher Zollfahnder in ihrem Abschlussbericht zum sogenannten Montenegro-Komplex, welcher der ZEIT vorliegt und der sich mit Widmers Aussagen zum Teil bis ins Detail deckt.

Der geschätzte Steuerschaden: 20 Milliarden Euro – ein gutes Geschäft für die Hinterleute.

Schaut die Schweiz bei Tabakfirmen weg?

Seitdem hat sich einiges getan. Zumindest in der EU werden, seit die "Montenegro-Connection" aufgedeckt wurde, drastisch weniger Zigaretten auf dem Schwarzmarkt gehandelt. Denn die Industrie hatte neuerdings ein Eigeninteresse im Kampf gegen den Schmuggel: Zum einen wurde sie Anfang des Jahrtausends von mehreren EU-Staaten auf die Anklagebank gestoßen, andererseits sieht sie sich selber immer häufiger von billigen Fälschungen von Dritten bedroht. Während die EU mit der Zigarettenindustrie ein Millionenabkommen abschloss und sie zu einer stärkeren Selbstkontrolle ihrer Transporte zwang, passierte in der Schweiz: nichts. Nicht einmal dem WHO-Anti-Tabakabkommen ist sie beigetreten.

Anti-Tabak-Experten wie Pascal Diethelm vom Verein OxyRomande, der sich gegen den Missbrauch von Tabak einsetzt, vermuten, dass die Eidgenossen auf einen großen Steuerzahler Rücksicht genommen haben. Schließlich haben zwei der weltgrößten Tabakkonzerne – Philip Morris und Japan Tobacco – ihre internationalen Sitze in der Schweiz. Laut British American Tobacco verdienen 12 500 Menschen direkt oder indirekt ihr Geld in der Schweizer Tabakindustrie. Das kommt nicht von ungefähr: Niedrige Steuern ermöglichen traumhafte Margen für die Produzenten und den Handel. Die Arbeitsgemeinschaft Tabakprävention Schweiz (AT) schätzt Letztere auf 38,8 Prozent. Das ist fast doppelt so hoch wie etwa in Frankreich.