Papst Franziskus hat im Europaparlament und im Europarat gesprochen. Ein Verstoß gegen heiligste Regeln des Laizismus? Ach was. Er ist einfach ein höflicher Mann und folgte einer Einladung.

Er sprach – ohne jeden autoritären Gestus – über den Beitrag, den das Christentum zur Gestaltung Europas leisten kann: "Dieser Beitrag stellt keine Gefahr für die Laizität der Staaten und für die Unabhängigkeit der Union dar, sondern eine Bereicherung. Das zeigen uns die Ideale, die Europa von Anfang an geformt haben: Frieden, Subsidiarität, Solidarität – ein Humanismus, in dessen Zentrum die Achtung der Würde der Person steht."

Der Papst spricht, das ist selbstverständlich, als Mann der Kirche. Er blickt mit den Augen eines Nichteuropäers, das ist neu, auf unseren Kontinent, der "das Bild eines etwas gealterten und erdrückten Europas" abgibt. Das ist wohl richtig beobachtet: Das europäische Gesellschaftsmodell, das durch die europäische Revolution von 1989/90 so glänzend bestätigt wurde, scheint inzwischen in die Krise geraten – durch die Härte der globalen Konkurrenz, durch den ökonomischen Erfolg anderer Modelle, durch innere Zerstrittenheit, durch Verunsicherung über das, was Europa im Kern ausmacht. In einem solchen geschichtlichen Moment sollte eine "Botschaft der Hoffnung und Ermutigung", wie der Papst sie formuliert hat, willkommen sein. Der Beifall der Europaparlamentarier hat das bestätigt.

Der Papst erinnerte daran, dass der Kern des europäischen Projekts das Vertrauen auf den Menschen als eine "mit transzendenter Würde begabte Person" bleiben muss. Die Menschenwürde ist unhintergehbarer Maßstab politischen Handelns: das der Verwirklichung der Menschenrechte dient; das unabhängig ist von Leistung, Erfolg, Geldbeutel, Cleverness des Einzelnen; mit dem Blick auf die Armen, die Flüchtlinge; angesichts einer "Wegwerfkultur" und eines "hemmungslosen Konsumismus".

Wieder erhob der Papst entschiedenen, ja störrischen Einspruch gegen die Reduktion des Menschen auf seine beiden Rollen, die er auf dem Markt spielt: nämlich Arbeitskraft und Konsument zu sein. Er ermahnte seine Zuhörer, dass menschliches Leben nicht Gegenstand von Tausch und Verkauf sein darf. Er forderte die Parlamentarier auf, "sich der Gebrechlichkeit der Völker und der einzelnen Menschen anzunehmen" – welch eine Formulierung! Was aber nützt solche moralische Rhetorik? Ist das nur Moralin in höchster Dosis? Nein, es ist notwendige Erinnerung daran, dass Europa wirklich eine Seele braucht und dass diese moralischen Werte Europas Seele sind! Denn unsere Demokratie ruht nicht nur auf einer erfolgreichen Marktwirtschaft, sondern auf dem Fundament (nicht dem Überbau!) gemeinsamer Überzeugungen.

Die dürfen nicht folgenlos bleiben. Deshalb spricht der Papst von der Verteidigung der Demokratie, formuliert ein deutliches Ja zu Pluralismus und "transversaler" Kommunikation zwischen den Generationen, Kulturen, Religionen. Er kritisiert den Druck "multinationaler, nicht universaler Interessen" (eine wichtige Unterscheidung!) und die "Systeme finanzieller Macht im Dienst unbekannter Imperien". Wer sonst wagt noch solche Kapitalismuskritik! Und wer sonst spricht so selbstbewusst von Europas Sendung: eines Europas, das sich nicht um die Wirtschaft dreht, sondern um die Heiligkeit der menschlichen Person, eines Europas, das ein "kostbarer Bezugspunkt für die ganze Menschheit" ist. Ich hoffe, das wirkt ansteckend!

Wolfgang Thierse, 71, ist Bundestagspräsident a. D.; zuletzt erschien von ihm über die Jahre 1989/90: "Was zusammengehört" (mit Erhard Eppler, Hans-Jochen Vogel).