Es war einmal die Bildung als höchstes Gut. Derzeit aber ist viel zu hören von Akademikerschwemme, gar Akademisierungswahn. Auf einmal heißt es, dass sich Bildung nicht mehr lohne. Eine düster-bedrohliche Stimmung und ein pessimistisches Zukunftsbild kommen auf. Das liegt im Trend: Dystopien sind schwer in Mode. Sie können im besten Fall eine Warnung sein. In diesem Falle aber ist die Warnung ein Märchen.

Zuletzt verwies Uwe Jean Heuser in der ZEIT (Nr. 47/14, Seite 19) auf erste Indizien, wonach der rasante technische Wandel mit Robotern und Computern die Arbeit gebildeter Leute verdränge. Angesichts knapper werdender Akademikerjobs sei es daher unverantwortlich – sowohl mit Blick auf das Wohl des Einzelnen wie auf ein gesichertes Wirtschaftswachstum –, noch mehr junge Menschen die Bildungsleiter hochzujagen und der Illusion zu überlassen, irgendein Studium sichere in Zeiten der Digitalisierung den Wohlstand. Kurz: Der "kategorische Bildungsimperativ" führe voraussichtlich in die ökonomische Sackgasse. Letztlich steuere alles auf die Frage zu, ob die Politik künftig den Zugang zu bestimmten Bildungswegen strenger regeln oder schließen müsse.

Richtig ist: Die Zahl der Schulabsolventen sinkt. Allein der Anteil von Absolventen mit Hochschulzugangsberechtigung nimmt zu und mit ihm die Quote der Studienanfänger; die Begeisterung für die betriebliche Lehre nimmt dagegen ab. Ist es daher das Gebot der Stunde, die Schotten zum Studium dichtzumachen? Die Antwort muss Nein lauten.

Deutschland wird zwar für seine duale Ausbildung zu Recht weltweit bewundert. Aber es wäre fatal, dieses Erfolgssystem mit der Idee "einfacher Jobs" zu verbinden und gegen das Studium auszuspielen. Wir werden den Fachkräftemangel und die Herausforderungen der globalisierten Zukunft nicht bewältigen können, wenn wir Bildungswege verschließen oder so tun, als würden die Anforderungen niedriger. Es kommt daher weiter darauf an, keinen Jugendlichen zu verlieren und alle Talentpotenziale zu heben. Wir müssen noch mehr Jugendliche befähigen, eigenständig und kritisch zu entscheiden, welche Qualifikation sie in welchem Tempo wollen.

Auch wenn es nach Jahren der Bildungsdebatte einige nicht mehr hören können: Die Talentförderung muss weitergehen. So müssen wir die Quoten der Schulabbrecher weiter senken und dafür sorgen, dass auch Kinder aus Nichtakademikerhaushalten verstärkt in die gymnasiale Oberstufe und an die Hochschulen kommen. Es gilt, beharrlich Steine aus dem Weg zu räumen, wo sie noch erhebliche Hindernisse darstellen. Manchmal geht es auch nur darum, Mut zu machen und Orientierung zu geben.

Zwei Beispiele aus der Arbeit der bundesweiten Talentschmiede Bildung & Begabung: Ismael und Linus haben beide an der TalentAkademie Ruhr teilgenommen. Die 17-Jährigen wollten in den Sommerferien herausfinden, welche Ausbildung zu Ihnen passt. Ismael, Schüler aus Essen, durfte einen Workshop für Manga-Zeichnen leiten und hat dabei seine Schüchternheit abgelegt. "Diese Erfahrung, etwas an andere weitergeben zu können, was ich selbst gut kann, war einfach megacool", war sein Resümee nach der zehntägigen Akademie. Er hat Mut gefasst und will seinen Wunsch, Polizist zu werden, nun entschlossen verfolgen. Für den Bochumer Schüler Linus war stets klar, dass er nach dem Abitur studieren wird. Er wusste nur nicht, was. "Jetzt kann ich richtig eingrenzen, was ich machen möchte", war seine Bilanz des Kurses. Der sprachbegeisterte Teenager will nun vermutlich Lehrer werden, für Englisch, Latein oder Deutsch.