Unvergesslich blieb die erste Begegnung. Bischofferode im Eichsfeld, Silvester 1993. Nach monatelangem Hungerstreik haben die Kalikumpel des Thomas-Müntzer-Schachts den Kampf um ihre Grube verloren. Das rentable Unternehmen stirbt als Opfer der Treuhandpolitik. In Selbstmord-Stimmung unterschreiben die Bergarbeiter Abfindungsverträge, die ein Gewerkschaftsschlichter ausgehandelt hat. Bodo Ramelow heißt er, parteilos, ein burschikoser Hesse. Seine Schlichtung nennt er einen kleinen Sieg der Kumpel. In der Neujahrsnacht bricht er vor Erschöpfung zusammen.

21 Jahre später will Ramelow Thüringen regieren, als erster Ministerpräsident der Linken. Bereits 2009 erstrebte er ein Bündnis mit der SPD und den Grünen. Doch die Koalitionsgespräche scheiterten damals desaströs, obwohl Spitzenkandidat Ramelow sogar auf das Regierungsamt verzichten wollte. Die Sozialdemokraten verdingten sich lieber bei jener Partei, die seit 1990 die Erfurter Staatskanzlei wie ihren Erbhof führt. Während die SPD als Magd der CDU verhärmte, glänzte Ramelow als Oppositionsrepräsentant. Geduld und staatsmännisches Gebaren übte er so demonstrativ, dass es irgendwann hieß, der Bodo müsse gar nicht Ministerpräsident werden, habituell sei er es schon.

Wird er es nun wirklich? Im Spätherbst 2014 kommen wir nach Erfurt und fragen auf dem Domplatz nach der Thüringer Wechselstimmung. Sie scheint unbekannt, im Unterschied zu Ramelow.

Wenn der ans Ruder kommt, streiten wir uns mit Meck-Pomm um die rote Laterne, sagt der Student.

Der is nich von hier, bellt der Hundehalter. Der soll sich heime machen nach drüben, da kann er links sein, wie er will.

Der Schüler Ramelow erlitt ein Trauma: unerkannte Legasthenie

Rühmliches hören wir auch. Sehr tüchtig sei der Herr Ramelow, sehr engagiert. Ein gestandener Protestant, sozial, auch in Flüchtlingsfragen. Intelligent, allerdings wie Gysi: besser als seine Partei. Er kommt ja nicht aus der SED, da soll er doch mal zeigen dürfen, was er kann.

In Thüringer Schicksalsstunden hören wir die Stimme von Altprobst Heino Falcke. Seit Jahrzehnten sinnt, schreibt, predigt dieser Mose der ostdeutschen Protestanten über Kirche und Gesellschaft, Frieden und Gerechtigkeit. 2009 wiegte Falcke ob der Ministerpräsidentin Lieberknecht skeptisch sein Haupt. Nun besuchen wir den Weisen abermals zum Tee mit Schuss und finden ihn recht heiter. Das Thüringer Wahlergebnis sei gar nicht dumm. Jedes autoritäre Regieren werde in dieser Koalition unmöglich. Er finde es übel, wie die CDU das Erinnern an den Mauerfall gegen Ramelow instrumentalisiere. Man müsse froh sein, dass die Verlierer der deutschen Einheit eine parlamentarische Heimat hätten und ein vernünftiger Mann an ihrer Spitze stehe. Freilich habe auch er, Falcke, schon öffentlich gesagt: Lieber Herr Ramelow, ich vertraue Ihnen ja, aber Sie sind in der falschen Partei.

Und was hat er geantwortet?

Nennen Sie mir die richtige.

Was trauen Sie ihm zu?

Fachkompetenz. Er hat sich in die verschiedensten Bereiche erstaunlich eingearbeitet, immer mit Bodenhaftung. Ich zweifle etwas, ob er in Konfliktsituationen die menschliche Weisheit zum Ausgleich aufbringt.

Sein Blutdruck steigt schnell.

So ist es.

Ich bin tief entspannt – das wird Bodo Ramelow gleich mehrfach verkünden, wenn wir ihn nun im Thüringer Landtag besuchen. Vor Ramelows Büro wacht, hüfthoch, ein roter Karl Marx des Gartenzwerg-Grossisten Ottmar Hörl. Drinnen hängt die schwarz-gelbe Fahne: Bischofferode ist überall! Auf dem Regal stehen Judaica neben einem Foto, das Ramelow in Audienz bei Papst Ratzinger zeigt. Mit Schwung erzählt der Kandidat, wie er wurde, was er ist.

In Niedersachsen geboren, 1956, als jüngstes von vier Geschwistern. Konservatives evangelisches Milieu, politik- und parteifern. Der Vater Lebensmittelkaufmann, ein Ackerer und Strampler, dessen Tante-Emma-Ideal die neuen Supermärkte erdrückten. Der Krieg hatte den frohsinnigen Mann mit Gelbsucht entlassen. Er starb 1967, an Leberzirrhose. Als es zu Ende ging, war der 11-jährige Bodo mit dem Vater allein im Haus. Fortan regierte die Mutter. Ein Kraftbolzen ohne Ende, sagt Ramelow. Tagsüber versorgte sie die Familie, nachts ging sie ins Bahnhofshotel, als Spülhilfe, ohne Rentenversicherung. Ernährt hat uns der Garten.