Mehr als eine Stunde lang hat Sune Lehmann über Verschlüsselungstechniken gesprochen. Mit weicher Stimme und Schwiegersohnlächeln hat der Däne erklärt, wie sorgsam sein Team mit dem Datenschatz umgeht. Und was sie alles darin lesen können. Dann ist sein Mitarbeiter Arkadiusz Stopczynski an der Reihe und macht aus langatmiger Theorie in Sekundenschnelle Praxis.

Der Pole trägt Vollbart und tiefe Augenringe. Um ihn herum liegen Kabel und auseinandergeschraubte Handys. "Ark" nennen sie ihn hier. Ark gibt wenige Zahlen ein, klickt drei Mal. Auf dem Bildschirm, der die Größe einer Lkw-Frontscheibe hat, poppen auf einer Landkarte Skandinaviens rote Kleckse auf. "Schau mal, hier sind einige Leute in Kopenhagen unterwegs, und dort", sagt er und zeigt auf einen einzelnen Punkt im Nirgendwo, "scheint wer Urlaub in Schweden zu machen."

Lehmann und Stopczynski sind nicht von der NSA. Nicht von der dänischen Polizei, von keiner Telefonfirma. Aber wenn sie wollen, sehen sie den gesamten Alltag der Menschen hinter den roten Klecksen: mit wem die Leute gesprochen und wen sie getroffen haben, wie sie sich fortbewegen. Sie führen ein Experiment durch, in seiner Art weltweit einzigartig.

Seit dem Jahr 2012 können Studenten an Dänemarks Technischer Universität (DTU) sich auf einen heiklen Deal einlassen: Lehmanns Forschungsgruppe bietet ihnen kostenlose Smartphones an, im Tausch gegen ihre Privatsphäre. Die GPS-Daten der Handys zeigen, wo die Studenten sich aufhalten. Ihre Anruflisten, SMS, Kurznachrichten und Facebook-Aktivitäten zeugen von ihrer Kommunikation.

Selbst Treffen in der realen Welt hinterlassen digitale Spuren, dank des Kurzstreckenfunks Bluetooth. Normalerweise werden damit drahtlose Kopfhörer an Smartphones gekoppelt. Lehmann und Ark jedoch vermessen per Bluetooth den Abstand zweier Personen zueinander. Je geringer, desto wahrscheinlicher sprechen sie gerade miteinander. Der ständig wachsende DTU-Datensatz macht nicht bloß Handykommunikation nachlesbar, sondern Sozialverhalten. So wird die Sache für die Wissenschaftler reizvoll.

Aber wie führt man im Jahr zwei seit den Enthüllungen von Edward Snowden so ein Projekt durch, das jedem Datenschützer den Schlaf rauben müsste? Zugegeben, die Klarnamen der Studenten stehen nicht im Datensatz. Die Wissenschaftler wissen also nicht, wie der Punkt heißt, der dort auf der Landkarte herumwuselt. Trotzdem ließe sich wohl jede Identität aufdecken – so vielfältig sind die Daten, so individuell die aufgezeichneten Muster: sei es bei der einen Studentin, die zu jeder Vorlesung 15 Minuten zu spät kommt, oder bei dem Einzigen aus dem Mathematikkurs, der am vergangenen Wochenende in Warschau war ...

Die 24-jährige Mette hat sich dennoch auf das Experiment eingelassen. Die angehende Biomedizin-Ingenieurin gesteht auf Nachfrage offen ein: Manche Teile der Einverständniserklärung hätte sie wohl genauer lesen sollen. "Aber mir ging es nicht bloß um das kostenlose Handy. Ich glaube an die Forscher hier, und wenn ich ihnen und der Wissenschaft helfen kann, tue ich das gern", sagt sie.

Der Campus der DTU in Lyngby ist kein schöner Ort. Man muss der dänischen Natur dankbar sein für den grünen Schleier, den sie über die Betonklötze und Kastenbauten gelegt hat. Aber die Begeisterung für Wissenschaft, die bereits die Erstsemester hier einatmen, bestimmt das Leben in Lyngby seit Generationen. "Meine Mutter und mein Vater haben an der DTU studiert, und sie haben von dieser Uni zu Hause geschwärmt", sagt die 21-jährige Emilie, Mathematikstudentin und Probandin in Lehmanns Handystudie. "Ich bin extra aus Kopenhagen rausgezogen, denn ich wollte das alles hier erleben. Die Leute leben wirklich Tag für Tag für die Wissenschaft, und sie vertrauen einander." Das ist wohl der Grund, warum Lehmanns Versuch hier überhaupt möglich ist. Der gelernte Physiker hat Jahre gebraucht, um für sein Vorhaben Informatiker, Ökonomen, Psychologen und Soziologen zusammenzubringen.