DIE ZEIT: Frau Professor Vinken, immer wieder lese ich Statistiken, die besagen, dass Frauen, die akademische Abschlüsse haben, beruflich erfolgreich und über 35 sind, zu einem hohen Anteil Single sind und kinderlos bleiben. Das verstört mich, weil ich eigentlich gar nicht verstehe, warum es diese Statistiken überhaupt gibt, welche Fragen sie beantworten sollen.

Barbara Vinken: Es gibt zwei Gründe. Zum einen die Idealisierung des Paares in unserer Gesellschaft. Nur im Paar bist du ein ganzer Mensch. Das Alleinstehende ist fast pervers, ein Tintentier, wie Gottfried Keller gesagt hat, ein No-Go. Es heißt, zu einem erfüllten Leben gehöre es, mindestens zu zweit zu sein. Ich glaube, dieser Anspruch ist absurd. Außerdem sieht das Paar bestimmte Rollen vor, die aus Vorstellungen der patriarchalischen Ehe kommen. Eine Frau, die intellektuell glänzend und wirtschaftlich selbstständig ist, war als Ehefrau nie vorgesehen. Sie müssen überlegen, dass bis 1974 der Ehemann die Erlaubnis geben musste, damit seine Frau berufstätig sein konnte. Die Ehefrau ist dadurch definiert, dass sie für das Haus und den Mann da ist – das ist ihr Beruf. Deswegen sind von der Geschichte der Institutionen her diese Rollen nicht vereinbar.

ZEIT: Es gibt also nicht die Rolle einer Frau, die beruflich erfolgreich und zugleich ein glückliches Liebessubjekt ist?

Vinken: Doch, als Geliebte. Die Hetären im antiken Griechenland galten zum Beispiel als gebildete, unabhängige Frauen, die aber natürlich nicht für die Ehe vorgesehen waren, also keine legitimen Kinder bekommen konnten. Sie waren nicht monogam, aber in ihrer Lust souverän, im Gegensatz zu den Ehefrauen. Es gäbe also Vorbilder, die aber ambivalent besetzt sind, mit Angst und Faszination.

ZEIT: Eine große Geliebte zu sein ist aber keine Eigenschaft, die einer Frau im Beruf oder im Kontext von Machtentwicklung Prestige verleiht, oder?

Vinken: Na ja, Ehefrau jedenfalls muss man auch nicht sein. Nehmen Sie die Ex-Justizministerin Rachida Dati in Frankreich, die niemandem gesagt hat, wer der Vater ihres Kindes ist. Oder Ségolène Royal. Ich denke schon, dass es sehr mächtige Frauen gibt, von denen man weiß, dass sie autonom in ihrem Lustleben sind, und denen das durchaus zugestanden wird.

ZEIT: Das beruhigt mich, weil ich besagte Statistiken auch als Drohung empfinde. Im Stil von Aussagen, wie: Wenn Sie ungeschützten Geschlechtsverkehr haben oder dreißig Zigaretten am Tag rauchen, besteht eine soundso hohe Wahrscheinlichkeit, dass Sie an bestimmten Krankheiten leiden werden. So ähnlich heißt es da: Wenn Sie akademische Titel besitzen und beruflichen Erfolg anstreben, besteht ein soundso hohes Risiko, einsam zu sterben. Ich frage mich: Wie soll ich mit solchen Aussagen umgehen?

Vinken: Ich halte das für die klassische Drohgebärde, mit der man Frauen Angst macht: Wenn du dich nicht fügst, wirst du eine einsame, alte Jungfrau. Es ist an der Zeit, diese Paar-Ideologie zu relativieren, finde ich. Man kann sich auch ein gelungenes Leben vorstellen, in dem man über Strecken alleine lebt. Immer hat man so rumgedroht. Schon Rousseau fand, dass der Mann, der eine Intellektuelle heiratet, wahnsinnig sein muss. Auch bei Schiller gibt es sie schon: die berühmte Frau, von der man besser die Finger lässt. Wenn die Frau sich einen Namen gemacht hat und nicht der Mann, macht sie das sowohl bei Rousseau, als auch bei Schiller, fast schon zur Kurtisane. Ehebruch ist nichts dagegen. Darin spiegelt sich die männliche Angst vor diesem Typus von Frau.

ZEIT: Auf der anderen Seite gibt es das Argument, Gleichstellung beschädige das Begehren. Kürzlich gab es eine Studie, die ergab, dass Ehepaare, bei denen beide Partner alle Arten von Arbeit im Haushalt teilen, seltener Sex haben als Paare, in denen Männer bei klassischen Männeraufgaben bleiben. Gibt es ein erotisches Problem mit Gleichstellung?

Vinken: Man könnte überlegen, ob man dem folgt; die Nivellierung von Differenz ist vielleicht wirklich nicht besonders sexy. Gender hat schließlich eine beruhigende Funktion. Es gibt ja viele Statistiken darüber, dass Hausarbeit nicht geteilt wird, sondern die Frauen meistens für die Wäsche zuständig sind, und die Männer machen das Auto oder die Fahrräder. Damit kann ich gut leben. Ein bisschen Ironie den Geschlechternormen gegenüber mag hilfreicher sein als verbissenes Kämpfen um Gleichheit.

ZEIT: Dann verlieren sie allerdings womöglich ihre versichernde Funktion.

Vinken: Aber als Inszenierung sind sie vielleicht lustvoller. Sagen wir es so: Ich glaube nicht, dass die Emanzipation dazu führt, dass wir keine Schulter mehr haben, an der wir uns ausweinen können. Das ist doch ein altes Lied, dass wir jetzt zu wenig rosa Rüschen anhaben und keine Apfelkuchen mehr backen können. Wobei ich finde, dass ich mir wirklich kein Bein breche, wenn ich mal einen Apfelkuchen backe.

ZEIT: Ich höre da auch eher die Befürchtung heraus, dass Männer keine Apfelkuchen backen dürfen, weil sie sonst an erotischer Anziehung verlieren.

Vinken: Mmm, ich finde backende Männer ausgesprochen attraktiv. Mein Bruder zum Beispiel backt viel besser als ich. Schwierig scheint mir der normative Anspruch, dass es so etwas wie Genderrollen gar nicht mehr geben darf. Also auch kein Spiel damit. Alle müssen gleich sein. Dieser moralische Hammer tötet die Erotik. Die Differenz muss ja nicht unbedingt der klassischen Rollenverteilung entsprechen und zugunsten des Mannes bestehen. Man kann sich auch ein umgekehrtes Modell vorstellen. Wenn Sie zum Beispiel an Romane von Balzac oder Stendhal denken, in denen es immer die älteren und mächtigeren Frauen sind, die junge Männer unter ihre Fittiche nehmen und in jeder Hinsicht in die Welt einführen. Aber das Modell von Hausfrau und "Breadwinner" einfach umzudrehen und dann "Hausmann" zu sagen und "Breadwinnerin" scheint mir tatsächlich wenig attraktiv.

ZEIT: Vielleicht können wir das Problem noch an einem anderen Beispiel diskutieren: Paradise Lost, dem Epos von John Milton aus dem 17. Jahrhundert über den Sündenfall. Als Eva gerade vom Baum der Erkenntnis gegessen hat, überlegt sie, ob sie Adam davon erzählen oder ihr Wissen für sich behalten und ihre Unterlegenheit als aus Adams Rippe Geschaffene dadurch wettmachen soll. Sie entscheidet sich aber dagegen, weil sie befürchtet, Gott könnte sie strafen und Adam eine neue Frau zur Seite stellen, die er genauso lieben würde wie sie. So alt ist die Angst vor Liebesverlust durch Gleichstellung. Hätte sie sich anders entscheiden können?

Vinken: Das ist interessant, weil in dem Fall der Liebesverlust daran gebunden wäre, dass sie etwas weiß und er das nicht weiß. Das wäre keine Gleichheit, sondern unendliche Überlegenheit auf ihrer Seite, die sie freiwillig aufgibt, um seine Liebe nicht zu verlieren. Wie es in dem Country-Song Stand By Your Man heißt: "After all he’s just a man." Das Problem, wie man mit der weiblichen Überlegenheit umgeht, stellt sich immer. Das ist auch Evas Frage. Und dann entscheidet sich die Frau demütig für Gleichheit, dafür, ihre Überlegenheit aufzugeben und den Liebesverlust nicht zu erleiden.

ZEIT: Damit entscheidet sie sich für Jahrtausende für ihre Unterlegenheit.

Vinken: Ja, obwohl sie die eigentlich hinter sich gelassen hat.