Mittlerweile wissen wir ziemlich genau darüber Bescheid, weswegen es junge Leute scharenweise nach Berlin zieht, ausgerechnet in die Welthauptstadt der Baustellen und der mauligen Taxifahrer, des unverlässlichen Personennahverkehrs und der langen Schlangen vorm Reichstag. Ein Hotelbuchungsportal befragte jetzt Touristen zwischen 18 und 40 – und was soll man sagen: 29 Prozent behaupten, sie kommen wegen der Museen, was nur dreist gelogen sein kann; 15 Prozent kommen wegen der Mauer, was verwundert, weil die Grenze eigentlich offen ist, es sei denn, über Nacht aus dem Boden geschossene Baustellen riegeln die Stadt wieder ab. 23 Prozent stehen gerne auf dem Tempelhofer Feld, wo sie sich eine erfrischende sibirische Brise um das italienische Näschen wehen lassen. Aber deswegen nach Berlin? Die beliebtesten Souvenirs, lustig bedruckte Jutetaschen, Ampelmännchen und Mauerstücke, werden heute aus China importiert, aber das nur am Rande. Doch nun kommen wir der Wahrheit näher: 37 Prozent der jungen Touristen sind ganz animiert davon, wenn sie in Berlin Menschen in SM-Kleidung herumlaufen sehen! Auszuschließen ist nicht, dass diese Zahl stimmt. Wenn 37 Prozent der Touristen freilaufende Gummikerle und Dominas mit ganz steilen Hacken bewundern, müsste es auf dem Kurfürstendamm eigentlich höher hergehen, als es der Fall ist. Wo sind die alle? Im Berghain? Dort kommen nur 17 Prozent der Kids vorbei. Irgendwo müssen sie stecken. Und sie stecken irgendwo, ganz sicher. Liebe Eltern, schaut auf diese Stadt und fragt euch, wo eure Kinder in den Ferien so hinverschwinden. Das Wort Dunkelziffer bekommt in Berlin einen ganz neuen Klang. Sollten weitere Untersuchungen den Befund erhärten, und die deutsche Hauptstadt hätte sich in den vergangenen 25 Jahren tatsächlich in schwarzes Leder gezwängt, lüstern, heimlich, müsste man kulturgeschichtlich gewaltig nacharbeiten: Was ist das Ampelmännchen gegen eine richtig geile Pickelhaube? Sadomaso ist das neue Preußen. In feuchten Kellern lässt sich die Welt den Hintern versohlen. Die Frage ist, ob das im Sinne der europäischen Einigung als ein historischer Fortschritt gelten darf. Bisher waren wir der Ansicht, Peter Georgi (72) wäre der Typ mit der schrillsten Klamotte in Berlin. Seit 13 Jahren sitzt er in dieser Jahreszeit im KaDeWe und mimt den Weihnachtsmann. Gerade ist er gefeuert worden. Man müsste mit den Kindern mal wieder ins KaDeWe. Man müsste sich den neuen Weihnachtsmann mal genauer ansehen.

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