An einem herrlichen Sommerabend steht die junge Martha im obersten Stockwerk eines 700-stöckigen Hochhauses und lässt sich, berauscht von der Pracht, die sich unter ihr entfaltet, in die Tiefe fallen. Es beginnt ein Engelsflug, der ein ganzes Leben dauert. Martha schwebt an Terrassen und Balkonen vorbei, auf denen Feste gefeiert werden; sie hört die lockenden Rufe reicher Herren, die nach ihr greifen und sie fangen möchten. Doch Martha will ihren Flug nicht unterbrechen, denn in der Tiefe locken noch tollere Feste: "Sie fühlte sich verführerisch und modern (...) Sie stürzte so fröhlich hinab, wie man es nur mit neunzehn Jahren zu tun vermag. Die Entfernung, die sie vom Straßenniveau trennte, war ungeheuer; zwar etwas geringer als zu Beginn, doch immer noch groß genug."

Es ist die Erzählung Mädchen im Sturz des italienischen Schriftsteller Dino Buzzati (1906 bis 1972), von der hier die Rede ist. Buzzati erzählt die Fabel von einem vertanen Frauenleben – in einer einzigen, vertikalen Bewegung. Je tiefer sie fällt, desto rascher altert Martha, und desto unwirtlicher wird die Nacht. Martha erkennt schaudernd, dass sie nicht die einzelne Stürzende ist: "An den Flanken des Wolkenkratzers hinunter stürzten mehrere junge Frauen mit von Erregung belebten Zügen und festlich ausgestreckten Händen; sie schienen zu rufen: Hier sind wir, das ist unsere schönste Stunde, jubelt uns zu, denn gehört die Welt nicht uns?"

Da kein Mann sie fängt, da sie sich von keinem fangen lässt, prallt Martha ungesehen am Boden auf – als alte Frau. Mädchen im Sturz ist die Erzählung eines Mannes über vertanes weibliches Leben. Martha rast so lange am Glück (der Fassade des Hochhauses) vorbei, bis es zu spät ist. Buzzatis Geschichte ist das böse Märchen zu einem tatsächlichen Befund: Es ist die Geschichte vom Sturz der (älteren) Frau aus dem Blick der Öffentlichkeit. Die darstellenden Künste geben diese "Unsichtbarkeit" vor: Es gibt einen starken Mangel an Rollen für ältere (man könnte auch sagen: erwachsene) Frauen – sei es in der Dramenliteratur, in der Popmusik, im Fernsehen oder im Kino. Dass die mächtige, seit einigen Jahren als schönste Frau der Welt bezeichnete Schauspielerin Angelina Jolie darüber nachdenkt, künftig vor allem als Regisseurin zu arbeiten, ist ein Signal: Jolie ist schon 39.

Warum kennt die populäre Kunst von heute so wenige große Frauenfiguren? Weil, so die simpelste Erklärung, die Rollen immer noch von Männern geschrieben werden. Letzten Endes existieren genau vier relevante weibliche Rollenfächer: die Mutter, die lüsterne Frau, die Heilige und die Rächerin.

Die bitterste Mutterrolle der jüngsten Zeit findet sich in Richard Linklaters Langzeitfilm Boyhood, gespielt wird sie von Patricia Arquette. Über zwölf Jahre sahen wir zu, wie sie den falschen Männern folgte und verbissen ihre Familie zusammenhielt, und in ihrer letzten Szene verrät sie, was sie vom Leben noch erwarte: "my fucking funeral", die eigene Beerdigung. Die Dichterin Elfriede Jelinek sagt es so: "... nur in der Sorge um etwas werden wir sein können. Ein Negativ im Negativ."

Das Bild der lüsternen Frau ist ins Extrem getrieben und im Grunde ausradiert worden von Lars von Trier. In seinem Film Nymphomaniac ist die Nymphomanin Joe eine Frau auf der Suche nach Erlösung, von Selbstauslöschung bedroht. Sie fiebert von einem Mann zum nächsten, eine im Innersten schlotternde, ausgehöhlte Gestalt, die erst durch Fremde auf ihre Blutwärme kommt.