Nur selten, an den wenigen Abenden, die die einsame junge Frau statt unter Leute zu gehen einmal allein zu Hause verbringt, führen diese schlummernden Selbstzweifel zum plötzlichen Zusammenbruch – und ins Abgleiten in die "Struktur der Selbstbeschuldigung", wie es die Philosophin Eva Illouz nennt. Wenn vor der Sushi-Singlebox plötzlich alle Bekannten wie Menschen erscheinen, die nach und nach vom Monster der Verpartnerung verschluckt wurden, brechen die großen Fragen über sie herein: Warum finde ich keinen Mann? Liegt es an mir?

Ja, liegt es womöglich an ihr?

In der sich immer weiter verlängernden Phase des Erwachsenwerdens, in der nach Ausbildungszeiten meist kein Leben in festen Jobs und Reihenhausern, sondern noch Jahre der weiteren Orientierung folgen, erscheint insbesondere der Mann, dem die einsame junge Frau begegnet, in einer ewig unverbindlichen Adoleszenzphase festzustecken. Sie treffe einfach keine tauglichen Kandidaten mehr, klagt die einsame Frau und denkt gar nicht daran, sich ihrerseits für jemanden zu verbiegen, der nicht einmal zuverlässig auf SMS antwortet. Nicht eingebildet, aber doch zu stolz ist sie, um einem hinterherzurennen, den man erst überreden müsste. Bis sie auch nur darüber nachdenkt, ihre straff organisierte Flexibilität, in der sie sich verpanzert hat, aufzugeben, müsste schon einiges passieren.

Doch es passiert eben meistens nicht. So aufgefangen, so absorbiert ist sie von ihrem Leben, dass der Leidensdruck der jungen Frau nicht hoch genug wird. Auf Männer kann sie dadurch vergeben wirken. Vor dem anscheinend perfekten Leben, das sie sich aufgebaut hat, schrecken sie zurück.

Bildet sich die einsame junge Frau vielleicht nur ein, dass ihr kaum Männer auf Augenhöhe begegnen? Hat sie bei Hollywoodfilmen und Fernsehformaten wie Der Bachelor nicht aufgepasst, wie man es richtig macht? Glaubt sie gar nicht mehr an die Erlösungsfantasie Mann? Oder ist sie, umgekehrt, zu sehr davon beeindruckt?

Trotz all der ironischen Distanz, mit der sie Casting- und Datingshows schaut, bleibt etwas von diesen Bildern haften. Aussortiert werden schließlich nicht nur die, die nicht schlank genug sind. Sondern vor allem jene, die nicht genug für ihre Persönlichkeit tun, die nicht genug an sich selbst glauben. Frauenmagazine bewundern attraktive Junggesellen (bis vor kurzem George Clooney), während sie sich mütterlich bevormundend über weibliche Singles (Jennifer Aniston) beugen: Strahlen sie zu viel Verbissenheit aus? Sollten sie mehr an ihrem Karma arbeiten? Das Projekt der funktionalen Selbstliebe wird nicht nur in den Medien mit dem Eifer protestantischer Arbeitsethik inszeniert – auch Therapeuten und Entspannungsgurus preisen Entgiftungskuren an, Yoga-Retreats und Klosteraufenthalte, um sich selbst wieder eine gute Freundin zu sein, sich zu "spüren". Der Weg zum glücklichen Ich (und damit letztlich zum Wir) scheint nur über körperliche und seelische Entschlackung zu gehen, sprich: über harte Arbeit.

Doch warum muss die arme einsame junge Frau immer weiter an ihrem Werden arbeiten, warum kann sie nicht einfach sein, wie sie ist? Als Figur, die weder in das Bild der verhärmten Akademikerin noch in das der eisigen Karrierefrau passt, liegt der Skandal ihrer Existenz darin, dass sie keine Bedürftigkeit mehr ausstrahlt, die Frauen so unwiderstehlich macht: Keiner muss sie schützen, keiner sich zu ihr herabbeugen, keiner ihr etwas beibringen.

Nach außen selbstbewusst, immer beschäftigt und voll finanziert, scheint die einsame junge Frau nichts und niemanden zu brauchen. Wie ein Verrat am Paarideal wirkt ihr Leben, das jede romantische, aber auch leidige Fixierung auf eine einzige Person mutwillig abgestreift hat. Anders kann sich ihre Umwelt den Langzeitsinglestatus nicht erklären, ebenso wenig wie die unterstellte Sexlosigkeit, über die hinter dem Rücken der Singlefrau spekuliert wird: Braucht sie das nicht?

Gerade die Aura der libidinösen Unabhängigkeit stellt eine Provokation für die Gesellschaft dar. Unsere Zeit, in der Fortpflanzung als demografische Bürgerpflicht angesehen wird, fasst die einsame junge Frau als biologische Beleidigung auf. Schließlich scheint sie freiwillig nicht mitmachen zu wollen, während andere Familien gründen. Offenbar mutwillig fördert sie die unheimlich-futuristisch anmutende Vision einer kommenden Normalität in selbstbestimmter Fortpflanzung, die social freezing, das Einfrieren von Eizellen, als praktische Lösung entdeckt hat, um die Lebensplanung komplett frei gestaltbar werden zu lassen und damit auch die letzte Abhängigkeit an eine alte, verstaubte Zeit zu kappen, in der Faktoren wie Mann, Zeit, Biologie eine Rolle spielten.

Es ist eine beunruhigende Freiheit, die im Gewand der einsamen jungen Frau plötzlich auf die Bühne tritt. Nicht nur beweist sie den Bruch mit sämtlichen weiblichen Rollenmodellen, mehr noch: Es ist der Auftritt einer Figur, die als personifizierte Individualisierung erscheint. Unheimlich unabhängig und dabei auch noch glücklich – oder jedenfalls nicht unglücklich –, ein schillerndes Phantasma und die ultimative Horrorvision zugleich: das Leben in absoluter Autarkie, unerreichbar für alle.

Die Herausforderungen an ein autonomes, erfolgreiches Individuum bewältigend, ist die einsame junge Frau zu einer Projektionsfläche geworden. Eine Ikone der Selbstbestimmung, eine Trümmerfrau der Moderne, die alles mit eigenen Händen schafft und schultert, bewundernswert, bemitleidenswert. Die Selbstverwirklichungsgesellschaft, die sie hervorgebracht hat und ihre Scheinwerfer so gern auf ihr ruhen lässt, weicht nun, da ihr Liebling zu stark geworden ist, geblendet zurück. Übertriebenen Feminismus, übertriebene Selbstliebe, übertriebenen Anspruch, das wirft sie der jungen Frau vor und trifft doch nur die Welt, die sie selbst entwarf: unabhängig, unverletzlich, zuletzt aber angsteinflößend. Reales Alleinsein, missverstanden als kränkendes Statement für den Rest der Welt – vermutlich liegt hierin die eigentliche Tragik der neuen einsamen Frau.