Manchmal wacht Bettina Landgrafe morgens auf, ohne zu wissen, auf welchem Kontinent sie sich gerade befindet. Ist sie nun in Apewu, im westafrikanischen Ghana? Oder doch im knapp 7.000 Kilometer nördlicher gelegenen Hagen, im Ruhrgebiet? Man könnte meinen, die beiden Orte seien nicht zu verwechseln, aber trotzdem braucht Bettina Landgrafe ein paar Sekunden, bis sie versteht. Die 38-Jährige pendelt zwischen zwei Welten, seit über zehn Jahren schon. Zwischen dem reichen Deutschland, in dem sie geboren wurde, und dem armen Ghana, in dem sie ihre Berufung entdeckt hat: anderen zu helfen.

Heute ist Bettina Landgrafe in der alten Heimat aufgewacht, das erkennt man unter anderem daran, dass sie eine blaue Jeans und einen grauen Pullover trägt. In Ghana kleidet sie sich immer in bunten, einheimischen Stoffen. Die Regale ihrer Hagener Wohnung, in der sie in diesem Jahr gerade mal drei Monate verbrachte, sind vollgestellt mit holzgeschnitzten Giraffen und Elefanten, an den Wänden hängen afrikanische Bilder.

Bettina Landgrafe ist in Deutschland diplomierte Krankenschwester, in Afrika eine Königin, die erste weiße "Nana". Das macht sie zur Respektsperson auf Lebenszeit, ihren drei Monate alten Sohn Klaus von Geburt an zum Prinzen. Als Nana ist sie die weibliche Führungsfigur des Dorfes Apewu. Mit dem Titel bedankten sich die Bewohner für Landgrafes Einsatz, der vor 13 Jahren begann. Nach Ghana kam sie damals als Freiwillige, um "ein bisschen zu helfen, ein bisschen Urlaub zu machen". Schnell merkte sie, dass das nicht möglich war.

Also machte sie sich an die Arbeit. Sie ließ Toilettenanlagen installieren und Brunnen bohren, später Schulen sanieren und Kinder aus der Sklaverei von Fischern befreien. Die finanziellen Mittel sammelte sie zu Beginn noch im Freundeskreis. 2007 gründete sie den Verein Madamfo Ghana, "Freunde Ghanas", mittlerweile generiert er Spenden in Höhe von einer knappen Million Euro im Jahr. Kürzlich wurde die erste Solarwasserversorgung für eine ganze Region errichtet. Das Schulpatenprogramm ermöglicht 400 jungen Leuten eine Ausbildung. In Zusammenarbeit mit der deutschen Regierung baut Madamfo Ghana Kindergärten, mit dem BVB errichtet der Verein einen Fußballplatz.

Ein überdurchschnittlich ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden treibe sie an, sagt Bettina Landgrafe. Wut hätte sie auf ihrer ersten Afrikareise gepackt. So viel Leid und Missstände. Gleichzeitig habe sie eine Herzlichkeit, eine nicht gekannte Gastfreundschaft erfahren. "Hier bin ich zu Hause", dachte sie. Zurück in Hagen, grübelte sie schon nach zwei Tagen, wie sie den nächsten Flug nach Afrika finanzieren könnte. "Damals begann meine innere 'Zerrissenheit' zwischen Deutschland und Ghana", sagt sie.

In Deutschland fühlt sie sich oft als Getriebene. "Afrika hingegen bremst mich aus." Dabei erwecken ihre Projekte in Ghana eher den Eindruck, als sei sie dort ständig in Bewegung. Seit sie sich hauptberuflich in dem Land engagiert, hat sie keinen Urlaub mehr gemacht. An ihrer Seite stehen die Dorfbewohner, acht Mitarbeiter und viele Freiwillige. Gäbe es ihr Baby nicht, wäre Bettina Landgrafe derzeit weder in Deutschland noch in Ghana anzutreffen. Sie würde das Ebola-Virus bekämpfen. "Ich ärgere mich so, dass ich nun nicht nach Liberia fahren kann."

Bettina Landgrafe sagt, sie sei mit einem afrikanischen Herzen in Deutschland geboren. Mit den Jahren fühlt sie sich mehr als Ghanaerin denn als Deutsche, sie hasst Kälte und Regen, mit Stromausfall und schlechten Internetverbindungen hingegen kann sie umgehen. Sogar ihre afrikanischen Freunde sagen: "Du bist ghanaischer als wir." Aber manchmal schlägt die europäische Herkunft doch durch: Wenn sie sich weigert, als Krankenschwester Neugeborene zu beschneiden. Wenn ihr das Essen Bauchschmerzen bereitet, weil sie zwar ein afrikanisches Herz hat, aber keinen afrikanischen Magen.

2011 hat sie ihre Erlebnisse in einem Buch veröffentlicht: Die weiße Nana. Mein Leben für Afrika. 2013 feierte sie ihr zehnjähriges Königinnenjubiläum, ein rauschendes Fest. Warum hilft sie? "Zu Beginn hat mich die Gesamtsituation so aufgeregt. Dass niemand etwas tut, konnte ich nicht akzeptieren." Einmal angefangen, höre sie nicht mehr auf. Königin zu sein, das verpflichtet.