Ein Mann legt eine Kettensäge an den Internetkonzern Google an, er ist Abgeordneter des EU-Parlaments: Mit diesem Bild erklärt das britische Wirtschaftsmagazin Economist die ökonomische Debatte dieser Tage. Muss Google zerlegt werden? Auslöser war, dass eine Mehrheit im EU-Parlament eine Zerschlagung für womöglich notwendig hält. Seither diskutiert die Welt, von Berlin bis San Francisco, wie groß das digitale Monopol von Google ist. Und ob der Konzern einer Milliarde Menschen und den verbliebenen Konkurrenten schadet.

Bei Google selbst flüchten sie sich in schwarzen Humor und erzählen einander den Witz, Europa sei ein solches Risiko für die freie Marktwirtschaft – man solle es zerschlagen.

Aber mal im Ernst: Drei Unternehmen wurden in der Geschichte der westlichen Welt zu Recht zerschlagen: der amerikanische Ölkonzern Standard Oil (1911), das amerikanische Telekommunikationsunternehmen AT&T (1984) – und der deutsche Chemie- und Pharmakonzern IG Farben (1952).

Gehört Google tatsächlich in diese Reihe?

Die Frage ist nicht, ob man ein Unternehmen überhaupt zerschlagen darf. Man darf. Aber man darf es in einem demokratischen Rechtsstaat eben nur, wenn ein Unternehmen der Gesellschaft großen Schaden zufügt und seine Marktmacht massiv missbraucht. Es zu zerlegen ist das letzte Mittel, denn es stellt einen schweren Eingriff in das Eigentumsrecht des Unternehmers oder der Aktionäre dar.

IG Farben, Standard Oil und AT&T haben in ihren Anfangsjahren den Wohlstand der Welt enorm vermehrt. Standard Oil hat zum Beispiel das Verfahren zur Herstellung von Benzin entwickelt. Der Telekom-Konzern AT&T brachte dem Durchschnittsamerikaner das Telefon ins Haus – und die IG Farben stand für die Entwicklung von Kunstdünger, Kunstfasern wie Perlon, künstlichem Kautschuk für Reifen und der Farbbildkamera.

Aber wahr ist eben auch: Alle drei Konzerne haben sich über die Zeit zu einem Staat im Staate entwickelt. Ihre Gründer und Vorstandschefs haben Gesetze gebrochen und gebeugt. Sie haben den Rechtsstaat missachtet und Druck auf Politiker ausgeübt, sie haben Konkurrenten in den Ruin getrieben, und sie haben sich auf Kosten der Allgemeinheit schwer bereichert.

Trifft das auch auf Google zu?

Ein Vergleich mit den IG Farben macht am deutlichsten, was es braucht, um eine Zerschlagung zu rechtfertigen. In den 1920er Jahren war das Konglomerat aus einer Fusion von BASF, Bayer, Hoechst, Afga und anderen hervorgegangen. Und mal abgesehen davon, dass die IG Farben dem Wettbewerb geschadet hat, tat sie sich dadurch hervor, dass sie in den letzten Jahren der Weimarer Republik den späteren Diktator Adolf Hitler und seine NSDAP finanziell massiv unterstützt hat. Im "Dritten Reich" hat die Firma dann nicht nur von der Aufrüstung profitiert, sondern im Zweiten Weltkrieg skrupellos Zwangsarbeiter angefordert und Juden aus einer Außenstelle des Konzentrationslagers Auschwitz für sich schuften lassen.

John D. Rockefeller beschleunigte den Aufbau seines Konzerns Standard Oil vor 150 Jahren durch unfaire Preisabsprachen und eine Kartellbildung. Er bedrängte und bedrohte Konkurrenten, bis viele für einen Bruchteil des Unternehmenswerts an ihn verkauften. So hat Rockefeller zunächst im Raffineriegeschäft einen Marktanteil von 90 Prozent erobert und seine Dominanz später auf Pipelines und den Mineralölhandel ausgedehnt. Immerhin wurde Rockefeller einmal wegen Verschwörung gegen andere Unternehmen verurteilt, aber ein Deal mit den Justizbehörden bewahrte ihn vor dem Gefängnis. Des Weiteren sind Fälle dokumentiert, in denen Mitarbeiter von Standard Oil amerikanische Politiker bestochen haben. Am Ende wurde der Konzern zum Wohl der Allgemeinheit in 34 Firmen aufgeteilt. Über die Jahre sind sie in Ölfirmen wie Exxon, BP und Shell aufgegangen.

Verantwortet Google etwas, das mit dem Unrecht vergleichbar ist, das bei Standard Oil begangen wurde, oder sogar dem bei IG Farben? Nein, keineswegs. Gleichwohl hat sich die Mehrheit im EU-Parlament vorige Woche dafür ausgesprochen, eine Internetsuchmaschine im Zweifelsfall von den übrigen Geschäften eines Konzerns zu trennen. Google wurde nicht genannt. War aber gemeint.

In dieser Meinungsäußerung steckt das Wissen um die Versäumnisse Europas im Umgang mit Google – und die schiere Ohnmacht angesichts der Brillanz und Marktmacht des Konzerns. Letztere ist schnell erklärt: Google hat eine monopolartige Stellung bei der Internetsuche und bei Kartendiensten (Google Maps) errungen – weil beide so exzellent und nützlich sind. Die Firma ist die Nummer eins im Online-Werbemarkt, zahlt wenig Steuern und häuft Milliarden in Steueroasen an, um mögliche Konkurrenten zu übernehmen, bevor sie gefährlich werden. Google hat auch das dominierende Betriebssystem für Smartphones (Android) entwickelt, sein Internetbrowser (Chrome) hat den größten Marktanteil, und die Tochterfirma YouTube ist das größte Videoportal der Welt. Hinzu kommen weitere, in ihren Segmenten führende Google-Dienste.