Kaum ist die Schwelle überschritten, reißt man die Augen auf. Geht gar nicht anders – die Pupillen versuchen sich einfach an das heruntergedimmte Licht zu gewöhnen. Es ist späte Mittagszeit, draußen entsprechend hell. Die Rezeption des Hotels Le Berger wirkt dagegen wie ein kleines Schattenreich. Bevor die Eingangstür wieder zuklappt, fällt ein Streifen Straßenhelligkeit auf zwei Geschäftsleute, die mit geparkten Rollkoffern in einer Sitzecke warten. Sie schauen kurz wie aufgestört herüber. Spontaner Eindruck: Die wollten im Verborgenen bleiben, aber jetzt sind sie ertappt! Ist natürlich Quatsch. Die sind höchstens im falschen Etablissement abgestiegen. Denn nach Businesshotel sieht das Le Berger wirklich nicht aus.

Die Rothaarige an der Rezeption greift ans Schlüsselbrett und schiebt einen dieser schweren alten Schlüssel über den Tresen, mit angehängter Messingplatte, eingravierter Zimmernummer und schwarzem Gummiring am dicken Ende. Über der mattschwarzen Aufzugtür hängt, im Funzellicht leicht zu übersehen, das Gemälde einer nackten, wollüstig in die zerwühlten Laken eines Himmelbetts gestreckten Frau. Unter ihren Beinen hindurch betritt man die Kabine. Die Zimmer, das ist selbst im Schummer des schmalen Flurs zu erkennen, tragen nicht nur Nummern, sondern auch Namen, in goldener Schreibschrift aufgetragen: Chloé, Lola, Blanche, Manon ... Die 408 heißt Ambre.

Uff. Man hat keine drei Schritte ins Zimmer getan, den Koffer gerade abgestellt, schon macht einem Ambre mit allen ihr zur Verfügung stehenden Mitteln klar, wonach ihr der Sinn steht: die dunklen Tapeten mit dem Bambusblätter-Aufdruck; die muschelförmigen Wandlämpchen mit reduzierter Strahlkraft; die zwei mit Spiegelplättchen ummantelten Säulen, die den Durchgang zum Bad markieren; darin, offen einsehbar, die tiefergelegte, von schwarzen Kacheln eingefasste Badewanne. Das alles raunt: Kommt schon, ab ins Bett, macht Liebe, was denn sonst? Faszinierend, dieser Magnetismus. Wehe dem, der allein gekommen ist.

Eine Kunsthistorikerin kam mit ihrem Liebhaber – und rettete dann das Haus

Das Le Berger war die längste Zeit ein Stundenhotel. Mitte der dreißiger Jahre hatte es aufgemacht und wäre 2010 fast geschleift worden. Ein paar Monate vor dem Abrisstermin allerdings entführte die Kunsthistorikerin Isabelle Léonard – Geburtstagsüberraschung! – ihren Liebhaber ins Hotel und entflammte dabei sogleich für die nostalgisch- erotische Atmosphäre der Räume. Umgehend brach sie eine Kampagne für den Erhalt des Hauses vom Zaun und konnte schließlich einen Hotelier überzeugen, das nötige Geld für den Umbau aufzubringen. Seit nicht einmal drei Jahren wird das Haus nun ganz ordentlich betrieben, nicht mehr wie zuvor im 3-Stunden-Takt. Die Tapeten sind neu, die Matratzen sowieso. Aber ansonsten scheint das heutige Le Berger eine umfassende Hommage an den einstigen Zauber der maison de rendez-vous zu sein. Die Innenarchitektin Martina Nievergelt hat sie hinbekommen, mit einigen Stücken des ehemaligen Mobiliars, mit Vintage-Tapeten und offenbar viel Gefühl. Zehn verschiedene Räume gibt es, die wiederholen sich auf fünf Etagen, macht 50 insgesamt. Wenn also Ambre, ein angeblich sehr beliebtes Zimmer, im vierten Stock einmal belegt sein sollte, sind womöglich die Ambres in der zweiten oder dritten Etage noch frei.

"Und, wie gefällt Ihnen das Zimmer?", fragt die Rothaarige später. – Das Zimmer ist wunderbar, wenngleich, etwas mehr Licht würde nicht schaden ... "Jaja, da gibt es regelmäßig Beschwerden", antwortet sie, die zarte Beschwerde ganz unbekümmert weglächelnd. Und man versteht: So unangebracht es wäre, ein Baudenkmal wie das Brandenburger Tor dafür zu schelten, dass es in den Bögen zieht, so wenig sollte man wohl einem kleinen Gesamtkunstwerk wie dem Le Berger vorwerfen, dass es nur spärlich beleuchtet ist. Schon recht.

An der Rezeption liegt auch ein illustriertes Buch von Isabelle Léonard über die Geschichte des Hotels. Darin lässt sich die Autorin vom ehemaligen Concierge und dem langjährigen Zimmermädchen viele, mitunter ergreifende Geschichten aus der alten Zeit erzählen. Die richtige Lektüre für eine verträumte Stunde in der Bar. Die liegt ebenfalls im Erdgeschoss und macht einen angemessen lauschigen Eindruck: schwere Polster, rote Vorhänge, Art-déco-Palmen aus Metall, dazu großformatige Fotos, die eine Art Bordell-Lovestory im Dekor des Le Berger abbilden. Nur die Bedienung kommt nicht – weil die Bar wie das angeschlossene Restaurant Vini Divini separat vom Hotel betrieben werden und bis 17 Uhr brachliegen.

Das Abendessen findet auf klassischem Caféhaus-Mobiliar statt. Es sind beileibe nicht nur Pärchen da. Aber die fühlen sich bestimmt besonders wohl am Platze. Der jungen Frau am Nebentisch muss der Kellner als Erstes die passende Vase für einen Strauß roter Rosen bringen, den sie gerade frisch in den Arm bekommen hat. Gekocht und aufgetischt wird von Italienern, durchaus mit Anspruch und Herz. Die Oberaufsicht hat Vincenzo Marino, der im Nebengebäude ein angesehenes Mini-Restaurant führt. Gegen Mitternacht kommt er mit seiner Frau herüber und hängt noch etwas an der Bar ab. Cédric, der Haus-DJ, der mit seinem extraschmalen Oberlippenbart gut in einen Halbwelt-Comic passen würde, legt dazu, in Zimmerlautstärke, die passenden Schnulzen auf. Sogar Je t’aime, dann eine italienische Fassung von A Whiter Shade Of Pale, dann – "Wo kommst du her, aus Deutschland?" – Hildegard Knefs Lounge-Klassiker Im 80. Stockwerk . Zwischen zwei Schluck Whisky sagt er: "Ich war früher ein guter Kunde des Hotels. Bin immer mit meiner schwarzen Geliebten gekommen, aus dem Afrikaner-Viertel Matongé. Die Afrikanerinnen lassen mir einfach keine Ruhe."

Wer zu zweit kommt, sieht womöglich nur wenig von der Stadt

Am nächsten Morgen ein schnelles Bad. Zum Duschen fehlt nämlich jede Aufhängung. In der Wanne ist Zeit für einen aufbauenden Gedanken: Mal angenommen, man käme zu zweit, so wie es eigentlich angezeigt ist, dann sänke man zunächst ins Bett, danach mutmaßlich in die Wanne, dann womöglich erneut ins Bett. Und was sähe man am Ende von Brüssel? Kaum etwas!

Getrocknet und getröstet geht es bald darauf wieder hinaus in die Stadt.